Wenn St. Pölten in Gefahr ist, opfert die ÖVP den Kanzler. Die Debatte um den fliegenden Wechsel hat begonnen.
Manchmal muss man Außergewöhnliches tun, um das ganz Gewöhnliche verständlich zu machen. Also versetze ich mich in Johanna Mikl-Leitner.
Ihr Parteifreund und Landesrat Stephan Pernkopf will an die Spitze. Für die angezählte Landeshauptfrau hat er wohl schon die letzte Ehrung vorbereitet. Aber sie will es noch einmal wissen und bei der Landtagswahl 2028 die ÖVP in Niederösterreich anführen. Aus heutiger Sicht würde das kräftig ins Dirndl gehen.

Hat sie noch eine Chance? Dazu muss sie sich das überlegen, was derzeit immer mehr Mitgliedern der türkisen Familie durch die Köpfe geht. Genau das hat mir einer meiner wenigen verbliebenen Freunde aus der ÖVP neulich erzählt.
Was macht Elli?
Das war auf der Straße, gleich ums Eck von der ZackZack-Redaktion. Zuerst fragt er mich etwas, was mich bis dahin nicht interessiert hat: Was macht eigentlich die Elli Köstinger? Ja, die aus der Kurz-Partie, die Ministerin war, wofür eigentlich? Ich habe nachgeschaut. Sie hat irgendwo auf einem Kärntner Berg ein Startup gestartet, dann ist sie nach Wien zurück und sitzt jetzt mit e+ventures in der Fichtegasse 9 am Ring in Wien.
Dort logiert im Obergeschoss im 4. Stock die Dream Advanced Technologies GmbH. Deren Geschäftsführer Bernhard Bonelli war damals auch dabei. Die GmbH gehört wiederum der Dream Security Limited, und damit ihrem damaligen Chef Sebastian Kurz.
Genau das meint der Freund auf der Straße. „Du, die Wirtschaft will, dass die Elli den fliegenden Wechsel macht.“ In ÖVP-Kreisen weiß jeder, was „die Wirtschaft“ ist: Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung. Mehr nicht, aber das reicht, um viel anzurichten.
Antreiberin
„Die Antreiberin ist die Mikl-Leitner.“ Das ist alles, und es ist sofort klar, was es damit ist: ein Gerücht. Ein paar Telefonate bestätigen: Das Gerücht macht die große Runde. Also: Was könnte dran sein?
Es gibt ein paar Fakten:
- Die Koalition nützt sich längst im Leerlauf ab. Alle Regierungsparteien verlieren.
- Der 26. September 2027 ist der spätestmögliche Termin für die Landtagswahl in Oberösterreich. Mit Stocker am Steuer des Koalitionswracks scheint Oberösterreich für die ÖVP verloren.
- Der große ÖVP-Schicksalstag lässt sich nur bis zum 29. Jänner 2028 aufschieben. Das ist ein Samstag, also wird in Niederösterreich wohl spätestens am Sonntag davor, dem 23. Jänner 2028, gewählt. Wenn Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner zu lange wartet, wird Pernkopf die Partei vor die Wahl stellen: mit der abgekämpften Chefin oder mit dem frischen Neuen in die entscheidende Schlacht ziehen.
- Mikl-Leitner läuft die Zeit und mit ihr die Macht davon. Aber es gibt einen Ausweg: eine FPÖ, die in die Bundesregierung wechselt und sich endlich wieder selbst die Hände schmutzig macht. Wer im Bund regiert – im Land verliert.
Bund verloren
Aber wie bekommt man die FPÖ schnell in die Regierung? Christian Stocker steht das Wasser bis zum Hals, aber er sieht, dass es bei Andreas Babler bereits die Nase erreicht hat. Als Nummer eines erst als Zweiter untergehen – das scheint das letzte Ziel des letzten ÖVP-Kanzlers zu sein.
Der Bund, so sehen das immer mehr in der ÖVP – ist vorerst verloren. Sollen sich doch die Freiheitlichen mit Pensionen, Spitälern und Dürrebauern herumschlagen. Ein paar Jahre FPÖ-Kanzler endet ohnehin wohl wieder in Dutzenden Verfahren, in denen die Kickl-Nachfolger der WKStA erklären, dass sie nicht einmal geahnt hätten, wie sich die blauen Minister die Taschen vollgestopft hätten. Dann könnte die ÖVP als neue Nummer 2 der Korruption ja noch einmal nach dem Kanzler greifen.
Rettet St. Pölten
Bis dahin geht es aber um Wichtigeres: um die Stammländer der Partei. Die Steiermark ist verloren, aber Oberösterreich und Niederösterreich müssen gerettet werden. Um jeden Preis.
Mit Sebastian Kurz gibt es einen, der das einfädeln kann. Vielleicht ist es für ihn der lang gesuchte Weg zurück. War es das, was Kickl und Kurz am Abend des 3. Juni 2026 im FPÖ-Parlamentsklub miteinander besprochen haben? Und ist der Entschluss, Kurz überraschend die Ladung in den Pilnacek-U-Ausschuss zu ersparen, an genau dem Abend geboren worden?
Arbeiten statt wandern
Vieles an der Geschichte klingt plausibel. Die ÖVP will schon lange nicht mehr mit der SPÖ, und die NEOS gehen ihr nur noch auf die Nerven. Von der SPÖ droht keine Gefahr, wenn die Partei ausgebootet wird, ist sie nur noch mit sich selbst beschäftigt.
Aber warum sollte sich die FPÖ das antun? Warum sollte sie eine Regierung übernehmen, die ihr ohnehin vor die Füße fällt? Warum sollte Herbert Kickl plötzlich arbeiten statt wandern? Oder, andersrum: Was müsste die ÖVP der FPÖ anbieten, damit Kickl anbeißt?
Das ist eine gute Frage. Es ist höchste Zeit, dass ich nach dem ÖVP-Freund wen aus der FPÖ treffe. Es muss ja kein Freund sein.


