Dreht sich die Stimmung in Sachsen-Anhalt? Ein AfD-Sieg kann verhindert werden.
Am kommenden Sonntag wählt das deutsche Bundesland Sachsen-Anhalt. Halb Europa starrt auf den Wahlgang in dem deutschen Mini-Bundesland, als würde sich dort die Zukunft der liberal-demokratischen Zivilisation Europas entscheiden. Völlig falsch ist das ja auch nicht: Wenn einmal in Deutschland die Dämme brechen, kann ein Dominoeffekt eintreten. In Sachsen-Anhalt liegt die rechtsradikale AfD in Umfragen bei rund 40 Prozent und könnte, wenn es ganz übel läuft, sogar eine absolute Mehrheit an Mandaten gewinnen. Würde das Bundesland von Ulrich Siegmunds rechtsextremer Truppe beherrscht, würde das Schockwellen durch ganz Deutschland senden.
Und doch blickt man falsch, wenn man nur voller Angstlust und wohligen Gruselns auf den dauerfröhlichen Siegmund und die Finsterlinge hinter ihm blickt. Es gibt sogar in Sachsen-Anhalt erfreuliche Phänomene. Die AfD ist in den letzten Wochen in den Umfragen auf 40 Prozent gesunken, nachdem sie auch schon mit 43 Prozent taxiert wurde. Die CDU stieg auf 23 Prozent, die Linken liegen bei 13 Prozent.
Die SPD, die schon die Todesmarke von fünf Prozent vor Augen hatte, stieg plötzlich wieder auf neun Prozent. Die Grünen liegen irgendwo bei sechs Prozent. Kurzum: Ja, 40 Prozent der Bürger des Bundeslandes liebäugeln mit der extremen Rechten. Aber über 50 Prozent lehnen diese auch ab. Diese Mehrheit wird in der ganzen Aufgeregtheit gerne übersehen.
Zehntausende kämpfen für ihre Zukunft
Überall wird über den Wahlkampf und die selbstgewisse Siegeszuversicht der Rechtsextremen berichtet. Die meisten Reportagen aus dem Wahlkampf legen den Fokus darauf. „Wir sind auf der Siegesstraße“, verkündete die Extremistenführerin Alice Weidel schon beim Sommergespräch, das sie skurrilerweise in Wien aufzeichnen ließ – offenbar traut sie sich in Deutschland nicht unter Leute. Und auch das Gruseln vor dem rechten Wahlsieg, das große Teile der Berichterstattung prägt, nützt auf eigenartige Weise den Ultrarechten: Es dreht sich alles um sie, und die anderen kommen nicht vor. Sie sind sofort als Verlierer abgestempelt, was auch nicht gerade nützt.
Dabei wird übersehen, wie viele zehntausende Menschen aus der liberalen und antifaschistischen Zivilgesellschaft auch in Sachsen-Anhalt, in Magdeburg, in Halle, aber auch in Quedlinburg, Halberstadt und kleineren Gemeinden, für ihr Land kämpfen. Wie sie sich aufbäumen, um das Unheil abzuwenden. Sie gehen von Haus zu Haus, reden mit den Leuten, warnen vor dem, was auf sie zukommt. Sie klären auch auf, welche extremen und verrückten Gestalten mit Siegmund ins Amt kämen, die sich bisher eher versteckt halten.
Plötzlich zweifeln wieder einige Leute, die schon der AfD zugeneigt waren. Auch Schlagerstars und populäre Künstler, die üblicherweise nicht der links-progressiven Szene zugerechnet werden, kämpfen direkt vor Ort um jede Stimme. Die Sängerin Helene Fischer etwa zieht atemlos durch das Land, genau wie Sängerlegende Roland Kaiser. Sogar Dieter Hallervorden, der auch bei vielen AfD-Leuten populär ist und manche Haltungen dieser Milieus teilt, wirft sich mit seinen 90 Jahren wie ein Berserker in den Wahlkampf, um die AfD zu verhindern – auch, weil die in ihrem Wahlprogramm die Gleichschaltung der Kunst verspricht und nur mehr „patriotische Kunst“ fördern will.
Der amtierende CDU-Ministerpräsident ist zwar blass und neu im Amt und sicher keiner, der die Bühnen so rockt wie AfD-Grinsekatze Siegmund – aber in einer Direktwahl würde er dennoch deutlich gegen den AfD-Mann gewinnen.
Die Mehrheit muss um Gehör kämpfen
Natürlich – die 40 Prozent, bei denen die AfD liegt, sind immer noch viel zu hoch. Aber es dreht sich etwas in der Stimmung, und das verdanken wir den vielen Zehntausenden, die sich engagieren und aufklären. Wir verdanken das auch Journalisten, die endlich beginnen, genau hinzusehen, die nicht nur das Umfeld von Siegmund ausleuchten, sondern ihm auch die Fragen stellen, auf die er keine Antwort hat, und die die irrwitzigen völkischen Ideologen der AfD vor den Vorhang bitten.
Aber die Vielen, die immer noch die Mehrheit sind, haben es schwer, Gehör zu finden – während Siegmund von allen Titelblättern lachen darf und kein Tag vergeht, an dem er nicht dreißig Mal im Fernsehen ist. Das ist auch eine Frage, die man stellen muss: Warum wird es den Anderen so schwer gemacht, überhaupt vorzukommen, während selbst der normale Journalismus auf bizarre Weise dazu beiträgt, dem Rechtsradikalismus mehr Raum zu geben, als ihm zukommt? Hier gibt es eine Mitverantwortung an der Malaise, über die nicht einfach so achselzuckend hinweg gegangen werden darf.
Aber wie auch immer: Die Dinge sind nicht ganz so eindeutig, wie uns weisgemacht wird. Die AfD wird sicherlich den ersten Platz erobern, aber ob sie am Ende tatsächlich bei 40 Prozent oder mehr landet, ist nicht so sicher. Wir könnten am kommenden Wochenende auch eine kleine, erfreuliche Überraschung erleben.
Titelbild: Miriam Monet


