IG-Milch-Vertreter Ernst Halbmayr hat mit ZackZack über die Folgen der Rekorddürre und das Maßnahmenpaket der Regierung gesprochen. Der Landwirt kann der Landwirtschaftspolitik der Vergangenheit und Gegenwart wenig Positives abgewinnen.
Die Preise für Milchprodukte werden in den kommenden Monaten stark ansteigen, wenn die Regierung keine treffsichere Hilfe für die Milch- und Grünlandbauern bereitstellt, warnt Ernst Halbmayr vom Verein österreichischer Grünland- und Rinderbauern (kurz: IG-Milch), der selbst im Milchsektor als Tierhalter und Direktvermarkter für Naturkostfachhandel tätig ist. Denn aufgrund des trockensten Jahres seit Beginn der Messgeschichte in Österreich sind Felder und Weiden flächendeckend verdorrt.
Damit fehlt besonders den bestehenden und zukünftigen Milchkühen das Futter. Unzählige Tiere wurden deshalb bereits außerplanmäßig zur Schlachtung angemeldet. Die Schlachthöfe sind vielerorts an ihrer Belastungsgrenze, schildert der Bauer. Die österreichische Hagelversicherung kommunizierte Schäden in Höhe von über einer Milliarde Euro in der heimischen Landwirtschaft. Davon sind nur 400 Millionen Euro durch die Versicherung abgedeckt.
„Loch im Produktionszyklus“ – Teuerung
Der Landwirt warnt: „Wir stehen vor einem Loch im Produktionszyklus, das uns noch Jahre beschäftigen wird.“ Die Tiere, die jetzt geschlachtet werden, senken zwar aufgrund des Überangebots kurzfristig den Fleischpreis. „Im nächsten Jahr werden sie aber fehlen. Das wird man dann auch bei den Preisen merken.“ Halbmayr rechnet mit Preissteigerungen bei Milch- und Fleischprodukten von bis zu 10 Prozent.
Die Mehrwertsteuersenkung der Regierung auf ausgesuchte Lebensmittel, die im Juli 2026 in Kraft getreten ist, wäre damit komplett verpufft. Wird die Katastrophe bei den Milch- und Grünlandbauern, die oftmals nicht gegen Dürre versichert sind, nicht abgefedert, drohen die Preise für Milchprodukte langfristig hoch zu bleiben, so Halbmayr, der für ein treffsichereres Hilfspaket der Regierung plädiert.
Dürre-Hilfspaket „absurd“
Die im Milchbereich tätigen Bauern und Bäuerinnen würden von der Regierung alleingelassen, kritisiert die IG-Milch. „Das Schicksal der Milchbauern wird nicht ernstgenommen“, sagt Halbmayr, der dem Dürre-Hilfspaket der Regierung wenig abgewinnen kann: „Mit der Gießkanne bei knappen Budgetmitteln zu fördern, das versteht niemand.“ Es sei geradezu „absurd“, in einem Sektor mit so hohem Bürokratisierungsgrad wie der Landwirtschaft, die Gießkanne auszupacken. Wenn die Regierung gezielt die am schwersten Betroffenen unterstützen wolle, könne sie das deutlich treffsicherer machen und das Budget weniger belasten, ist sich Halbmayr sicher.
Die Bundesregieurng hatte beschlossen, allen in der Landwirtinnen und Landwirten Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 140 Millionen Euro nachzulassen. „Manchen Bauern geht es aber gut, die brauchen das nicht. Warum schenkt die Regierung denjenigen Geld, die es nicht nötig haben”, fragt sich Halbmayr.
Totschnig hat „wenig zu sagen“
Vielerorts hat man in der Bauernschaft das Gefühl, dass im Landwirtschaftsministerium vor allem die Interessen der Großbetriebe gehört werden. „Ich habe das Gefühl, das Ziel der österreichischen Landwirtschaftspolitik ist der Strukturwandel hin zu Großbetrieben“, sagt Halbmayr, der vor den Folgen warnt: Verarmung der Kulturlandschaft und Biodiversität, sowie eine schlechtere Qualität der Lebensmittel.
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) traut er inmitten der größten Landwirtschaftskrise seit langem keine Führungskompetenz zu: „Ich glaub‘, dass der Totschnig wenig zu sagen hat und ein Erfüllungsgehilfe des Hauptverbands der Land- und Forstwirtschaft, sowie der Raiffeisen ist.“
Als Beispiel führt er die Unterstützung der Regierung bei Krediten für Landwirte an, die kürzlich im Rahmen des Dürrepakets beschlossen wurde. Landwirtinnen und Landwirte sollen Bundesmittel in Höhe von 25 Millionen Euro ausschöpfen können, um dringend benötigte Kredite aufzunehmen.
„Davon profitiert vor allem die Raiffeisenbank. Dort haben 80 Prozent der Bauern ihr Konto und ihre Kredite“, erklärt Halbmayr. Die finanzielle Krise in der Landwirtschaft würde dadurch jedoch lediglich in die kommenden Jahre verschoben.
Klimaschutz „das Wichtigste“
Wie katastrophal die Lage derzeit ist, verdeutlicht der Bach, der normalerweise an Halbmayrs Haus im Mostviertel vorbeifließt. Diesen Sommer ist er vollständig ausgetrocknet.
Die Böden sind aufgrund der anhaltenden Trockenheit in einem kritischen Zustand. Daran würden auch sporadische Niederschläge nichts ändern. Auch finanzielle Kompensationen könnten bei der Nahrungsmittelerzeugung nicht wirklich helfen. „Wenn’s nicht regnet, nützt gar nichts mehr“, unterstreicht Halbmayr und sagt: „Halb Europa war vertrocknet. Man konnte auch im Ausland kaum Futter zukaufen.“
Um solche Szenarien in Zukunft zu vermeiden, helfe nur eines: Klima- und Naturschutz. Die IG-Milch war 2024 die einzige landwirtschaftliche Interessensvertretung, die Leonore Gewesslers Alleingang bei der EU-Renaturierungsverordnung unterstützt hatte, erinnert sich Halbmayr. Der Landwirt ist überzeugt: „Klimaschutz ist das Wichtigste, um solche Krisen in Zukunft zu vermeiden.“
Am Dienstagnachmittag legte das Totschnig-Ministerium den lange erwarteten Entwurf zur Umsetzung der EU-Renaturierungsverordnung vor. Er enthält wenig Konkretes und beruht vor allem auf Freiwilligkeit und bereits bestehenden Programmen. Unter anderem ist nicht klar, wer für welche Maßnahme zuständig sein soll. Grünen-Chefin Gewessler unterstellte Totschnig fehlende Ambitionen: „Totschnig macht aus der Renaturierung ein Programm nach dem Prinzip Hoffnung. Aber Hochwasser, Hitze und Dürre warten nicht darauf, ob sich irgendwann irgendjemand zuständig fühlt.”
Titelbild: Ernst Halbmayr

