„Giagiá, was ist eigentlich ein perfekter Körper?“ In ihrer neuen Kolumne fragt sich Nicola Werdenigg wie das Idealbild des weiblichen Körpers aussieht und wie wirkmächtig es ist.
Ich verbringe die nächsten Wochen mit dem Gefährten in einem kleinen Häuschen direkt am griechischen Inselstrand. Ein paar Schritte bis zum Meer, Salz auf der Haut, Sand zwischen den Zehen. Und natürlich sieht man hier Körper. Viele Körper. Junge, alte, dünne, kräftige, weiche, trainierte. Körper, die sich bewegen, sonnen, schwimmen, liegen, laufen.
Am Abend bei Thanasis in der Taverne haben wir uns die Frage nach Körperidealen gestellt.
Der Körper unserer Zeit
Denn plötzlich sehe ich etwas, das mich beschäftigt: Sehr viele jüngere Frauen sehen auf eine erstaunliche Weise ähnlich aus. Schmale Taille, flacher Bauch, straffes Gesäß, schlanke Beine, definierte Muskulatur. Nicht der Bodybuilderinnenkörper und auch nicht mehr das klassische Fitness-Sixpack. Eher eine Art körperliche Handschrift unserer Zeit: ich nenne es den Pilates Body.
Dagegen ist zunächst natürlich überhaupt nichts einzuwenden. Pilates ist eine Methode. Bewegung ist etwas Wunderbares. Kraft ist etwas Wunderbares. Beweglichkeit, Koordination, ausbalancierte Haltung und ein gutes Körpergefühl sind wunderbare Dinge.
Auch ich beschäftige mich mein Leben lang mit Bewegung. Die Feldenkrais-Methode, mit der ich sehr verbunden bin, hat meinen Blick auf den menschlichen Körper wesentlich geprägt. Sie beginnt nicht bei der Frage, wie ein Körper aussehen soll, sondern bei der Frage, was er kann, wie er sich bewegt, wie er wahrnimmt und wie er lernen kann. Vom Unmöglichen zum Möglichen, vom Möglichen zum Leichten.
Und selbstverständlich soll Motorik auch präzise werden. Man kann nach Perfektion streben, eine Bewegung verfeinern, ganz ohne jene parasitären Bewegungen auskommen, die Moshe Feldenkrais beschrieb, und so einen Ausdruck entwickeln, in dem auch Schönheit liegen kann.
Aber dann ist da dieser Körper am Strand. Und die Frage: Was genau soll an ihm eigentlich perfekt sein?
Ich kenne die andere Seite
Ich kenne die andere Seite dieser Frage. Als junge Skirennfahrerin war ich nach damaligen Vorstellungen für viele zu dick. Das wurde mir nicht nur einmal gesagt. Mein Körper war mein Arbeitsgerät und gleichzeitig Gegenstand ständiger Beurteilung. Gewicht war Leistung. Aussehen war Leistung. Körperkontrolle wurde Teil des Sports.
Nach dem Ende meiner Rennkarriere geriet dieses Verhältnis zu meinem Körper gefährlich aus dem Gleichgewicht. Ich wurde magersüchtig. Davor und darum herum gehörte auch Ess-Brechsucht zu meiner Geschichte.
Ich erzähle das nicht, weil ich Pilates verdächtig finde. Und auch nicht, weil ich glaube, dass jeder sichtbare Bauchmuskel ein Problem wäre. Ich erzähle es, weil ich weiß, wie schnell sich eine scheinbar harmlose Frage verändern kann.
Aus „Wie fühle ich mich in meinem Körper?“ kann „Wie muss mein Körper aussehen?“ werden. Aus Bewegung kann Training werden. Aus Training Disziplin. Aus Disziplin Kontrolle. Und aus Kontrolle kann etwas werden, das mit Freiheit immer weniger zu tun hat.
Wenn Selbstoptimierung wie Selbstfürsorge aussieht
Das Bemerkenswerte am heutigen Körperideal ist seine Freundlichkeit. Es kommt nicht unbedingt als Befehl daher. Niemand steht am Strand und sagt: Du musst so aussehen. Es kommt als Inspiration. Als Wellness. Als Selbstfürsorge. Als Morgenroutine. Als „strong, not skinny“. Als Pilates.
Und vielleicht liegt gerade darin seine besondere Kraft.
Das alte Körperideal sagte: „Du sollst so aussehen.“ Das neue sagt: „Du kannst so aussehen. Wenn du nur willst.“
Damit wird der perfekte Körper zur persönlichen Aufgabe. Wer ihn nicht erreicht, hat möglicherweise nicht genug trainiert, nicht richtig gegessen, nicht genug auf sich geachtet, nicht konsequent genug gelebt.
Dabei haben Körper nicht die gleichen Ausgangsbedingungen. Sie sind verschieden gebaut, altern, verändern sich, werden krank, werden stärker, schwächer, weicher, härter. Sie tragen Lebensgeschichte.
Was wir einem Körper ansehen wollen
Vielleicht ist genau das etwas, das wir gerade verlieren: die Selbstverständlichkeit, dass ein Körper nicht erst durch Optimierung seine Berechtigung erhält.
Ich sitze also hier am griechischen Strand und beobachte Körper. Nicht, um sie zu bewerten. Im Gegenteil. Ich frage mich, warum wir so viel Energie darauf verwenden, ihnen anzusehen, ob jemand genug aus sich gemacht hat.
Vielleicht ist ein perfekter Körper gar kein bestimmter Körper. Vielleicht ist ein perfekter Körper einer, mit dem man etwas anfangen kann. Einer, der einen ans Meer trägt, der ins Wasser springt, der einen auf Berge hinaufbringt oder hinuntercruist, der tanzt, der liebt, der altert, der sich verändert, der manchmal schmerzt und manchmal vor Freude fast aus der Haut fährt.
Und vielleicht darf er sogar einfach nur daliegen. Am griechischen Strand. Ohne etwas leisten zu müssen. Auch nicht perfekt auszusehen.
Titelbild: Barbara Pacholik, Montage

