Inhaltliche Kritik am SPÖ-Vorsitzenden Andreas Babler ist passé. Nun wühlt man in der Krankengeschichte seines Vaters. Auf Schutz der Privatsphäre und Sicherheit von Patientendaten wird gepfiffen. Ein Tiefpunkt der politischen Kultur und österreichischen Presse.
Die politische Hetze ist in eine neue Dimension entartet: Mit der Veröffentlichung von Patientendaten, die der Schweigepflicht unterliegen, geht man nun aufgrund der Erkrankung seines Vaters gegen Andreas Babler vor. Sein Vater sei bevorzugt behandelt und bei einer OP ohne Indikation vorgezogen worden. Partner der Schmutzkampagne in der Presse ist die Freiheitliche Partei Österreichs, deren Geistesgröße und ethisches Niveau dem der berichtenden Medien gleicht. Begonnen hat die Kampagne die Kleine Zeitung – das Abo habe ich heute gekündigt!
Und nun passiert das, was leider in Österreich immer passiert: Die sogenannten Qualitätsmedien übernehmen die Themen des Boulevard unkritisch und füllen auch ihre Politikseiten mit dem totalen Dreck. Hier ist ein Mensch erkrankt. Ein Mensch, der kein Politiker ist. Hier wurden, mit welchen Methoden auch immer, Menschen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, Daten entlockt, die sie nicht preisgeben dürfen. Wie es in der Kleinen Zeitung heißt: »Gegenüber der Kleinen Zeitung bestätigen Mitarbeitende des Spitals nicht nur die Operation Mitte August, sondern auch die ungewöhnlich schnelle Durchführung des Eingriffes – obwohl es sich beim Vater des Vizekanzlers um einen Gastpatienten handelte.«
Hingeschrieben ist es leicht
Wahrscheinlich ist das frei erfunden. Hingeschrieben ist es leicht. Wenn es tatsächlich jemand gesagt hat, ist es noch schlimmer. Jedenfalls: In einem Medium hat das alles nichts verloren. Doch Österreichs Qualitätszeitungen haben anscheinend keine eigene Ethik, wenn sie in ihren Redaktionen festlegen, worüber berichtet werden soll. Sie übernehmen die Themen des Boulevard und damit dessen »Ethik«, die lautet: Wenn wir nicht mehr Förderungen bekommen, machen wir die Politiker fertig, die diese Förderungen nicht jährlich erhöhen!
Und es mögen nun hunderte und tausende Richtigstellungen und Relativierungen kommen: Jede Journalistin und jeder Journalist weiß, dass der initiale Artikel, der eine Aufregung inszeniert, ungleich höher beachtet wird als alle kommenden Korrekturen. Daher hat nicht nur Gesundheitspersonal, sondern haben auch Journalisten eine moralische Pflicht. Oder sie sollten eine solche haben.
Jede Methode ist recht
Im Ehrenkodex des Österreichischen Presserats heißt es: »Jeder Mensch hat Anspruch auf Wahrung der Würde der Person und auf Persönlichkeitsschutz.« Dort fehlt leider die Fußnote, die besagt, dass Verwandte des SPÖ-Vorsitzenden von dieser Regelung ausgenommen sind.
Das Babler-Bashing ist ein Selbstläufer geworden, ein Spiel. Wer es mitspielt, gefällt sich darin, in stummem Einverständnis mit anderen zu sein. Man hat sein Opfer gefunden. Und nun ist jede Drangsalierung recht und jede Methode. Das war im Nationalsozialismus nicht anders.
Aufhören!
Falsch liegen übrigens auch jene, die nun meinen, dass es Qualitätsjournalismus sei, wenn man beim betreffenden Krankenhaus weitere Recherchen anstellt. Richtig ist: Die Daten und Informationen über den Patienten gehen niemanden etwas an! Niemand will, dass seine Gesundheitsdaten öffentlich werden oder Gegenstand öffentlicher Spekulationen werden. Das ist der Bruch eines Grundsatzes, der mit Recht zum Schutz von Menschen besteht.
Es ist grundverkehrt, wenn es heißt: »Jetzt spricht Spital« (Kronen Zeitung) Oder: »Jetzt spricht Klinik« (Heute). Nein, ein Spital ist nicht dazu da, um in den Medien über seine Patienten zu sprechen. Wenn ich in ein Spital gehen muss, will ich, dass das Spital den Medien gegenüber schweigt. Ja, es hat sogar die Pflicht zu schweigen! Alles, was die Presse jetzt tun kann ist: aufhören! Damit aufhören, in der Krankenakte eines Menschen herumzuwühlen, weil er der Vater einer Person ist, die in der Öffentlichkeit steht.
Je persönlicher, desto besser
Ich nehme die Angelegenheit zum Anlass wieder einmal Abos zu stornieren und vor allem eine zweiwöchige Zeitungslesepause zu machen. Es gibt genug Bücher, die zu lesen ich mir vorgenommen habe, und die ungleich wichtiger sind als der Dreck in den Medien, die bewusst produzierten »Aufreger« und das Hinhauen auf einen Menschen. Unserem Land ist nicht zu helfen. Es hat die Medien, die eigentlich dazu da sind, um Informationen zu transportieren, in einen Tummelplatz für Krawallmacher verwandelt. Information ist ihnen zu langweilig. Dort müssen tägliche und stündliche Aufregungen her. Dort beherrschen negative Elemente das Geschehen: Skandal, Anfeindung, Hass – je persönlicher, desto besser.
Dort messen Chefredakteure die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen längst nach Aufrufen und Kommentaren und nicht nach der Qualität des Geschriebenen. Niemand kann sich aus dieser Abwärtsspirale befreien. In einer Schutzreaktion lasten die Medien diesen Abstieg nun der Politik an. Damit beginnen sie selbst Politik zu machen. Allerdings geht es dabei nicht um Inhalte, sondern um Personen. Warum Andreas Babler ihr liebstes Hassobjekt ist, da sie weder Christian Kern noch Pamela Rendi-Wagner objektiv sahen noch die Person objektiv sehen werden, die Babler einmal im SPÖ-Vorsitz nachfolgt, weiß niemand. Es ist auch völlig egal.
Abgekanzelt
In der Tageszeitung Der Standard schrieb ein einziger Journalist, Gerald John, vergangene Woche, an drei Tagen drei Anti-Babler-Artikel: SPÖ im Sinkflug – ist Babler der falsche Pilot oder nur Passagier? (24. August 2026), Babler hat den Kompromiss, den er nun verteidigt, selbst verdammt (25. August 2026) und Mit Babler auf Tour: “Wir sorgen dafür, das Sommerloch zu füllen” (26. August 2026)
John kanzelt Babler in allen drei Artikeln mit einem durchgehend hämischen Tonfall ab, wie er ihn bei anderen Parteivorsitzenden wie Christian Stocker oder Beate Meinl-Reisinger niemals an den Tag legt. Vom »Stargast« der Parteiveranstaltung ist dort die Rede, vom »passionierten Vielredner« Babler, der »mit seinem Sprechtempo dem Publikum wieder viel Ausdauer« abverlangt. Wir haben uns längst daran gewöhnt.
Immerhin geht es in Johns Artikeln noch um Politik. Davon kann bei der laufenden Anti-Babler-Kampagne nicht mehr die Rede sein. Das Niveau der Anfeindung ist weiter gesunken. Viel weiter. Nun muss Bablers kranker Vater wahrscheinlich bald die Rezepte vorlegen, die ihm ausgestellt wurden, seine Befunde, Röntgen-Bilder und Vorerkrankungen veröffentlichen. Dann wird man mit den anderen Familienmitgliedern weitermachen. Nur: Ich werde den Dreck nicht mehr lesen. Ich wünsche allen kranken Menschen, dass sie wieder gesund werden, dass man sie in Ruhe lässt und warne sie davor, Zeitung zu lesen.
Titelbild: Miriam Moné

