09. Okt. 2026
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    Die Alchemie des Sündenbocks

    Jüdinnen und Juden werden wieder einmal zur Projektionsfläche für alles, was in der Welt schiefläuft. Das laute „Nie wieder“, das an Gedenktagen so gerne staatstragend beschworen wird, verkommt zur hohlen Phrase, wenn wir im Alltag wegschauen, sobald die alten Mythen neu verpackt werden.

    Am Nachbartisch wird debattiert. Die Stimmen sind nicht laut, aber die Worte sind schwer. Es fallen die üblichen Phrasen, die sich in den letzten Jahren klammheimlich wieder in die Mitte der Gesellschaft geschoben haben. In persönlichen Gesprächen sind sie noch dezenter angestrichen. Man spricht von „globalen Eliten“, von „Strippenziehern“ im Hintergrund, von geheimen Agenden.

    Niemand spricht das Wort Jude offen aus. Das müssen sie auch gar nicht. Die Codes funktionieren fehlerfrei. Online ist es weniger dezent. Da brüllt es einer „Kindermörderin!“ entgegen, wenn man nicht bereit ist, nur eine Seite der Geschichte zu betrachten, als hätte es den 7.10. nie gegeben.

    Nichts von dem, was ich davor schrieb, ließ auch, dass ich mit Israels Politik auch nur irgendwie einverstanden wäre. Gar nichts. Es ist egal. Wenn man nicht bereit dazu ist, alle Juden und Jüdinnen sofort zu verurteilen, als ob alle Jüdinnen und Juden Nethanjahu gewählt hätten. Dann: Selber schuld.

    Alle Jüdinnen und Juden weltweit. Man bemüht sich nicht einmal mehr, irgendeine Unterscheidung zu treffen zwischen einer rechtsextremen Regierung Israels und allen diesen Juden und Jüdinnen weltweit. Die Differenzierung, dass nicht einmal alle Israelis Nethanjahu gewählt haben, ist schon zu viel verlangt. Davidstern? Kindermörder. Hebräisch sprechend: Kriegshetzer. Israelischer Künstler? Boykottieren! Was, er setzt sich gegen diese Regierung ein und wird deswegen schon in Israel boykottiert? Egal, trotzdem boykottieren.

    Es ist eine unheimliche Eigenschaft unseres aktuellen politischen Diskurses: Wir erleben keine plötzliche Explosion des Antisemitismus, sondern eine schleichende Normalisierung. Aus dem Raunen im Netz ist längst ein lautes Argument geworden. Es ging recht schnell.

    Die Berichte über Angriffe auf europäische Synagogen, über jüdische Schulkinder, die ihre Symbole verstecken müssen, und über die offene Feindseligkeit auf den Straßen füllen die Chronik-Seiten. Doch das Verstörendste ist das Schweigen der Mehrheit. Antisemitismus wird wie eine Manövriermasse behandelt. Die extreme Rechte nutzt ihn, um gegen Zuwanderung zu hetzen, während nicht sehr, sehr kleine Teile der Linken ihn hinter einer vermeintlich progressiven Maske verstecken.

    Beides ist leider nicht neu. Das Ergebnis ist dasselbe: Jüdinnen und Juden werden wieder einmal zur Projektionsfläche für alles, was in der Welt schiefläuft. Sie sind der perfekte Sündenbock, weil das Vorurteil Jahrhunderte alt und tief im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Es ist mit Fingerschnippen aus dem kollektiven Unbewussten abrufbar. Instant Sündenbock-on-demand.

    Wenn die Politik beginnt, Sorgen nicht mehr zu lösen, sondern sie auf Minderheiten umzulenken, ist das Fundament der Demokratie bereits brüchig. Besser gesagt: Wir wandern auf dünnem Eis. Der Hass gegen Juden und Jüdinnen war historisch immer ein Seismograph für den Zustand einer Gesellschaft. Es sind neue Seismographen dazu gekommen, aber auch die alten funktionieren prächtig. Und dieser Seismograph schlägt heute im Jahr 2026 so heftig aus wie schon lange nicht mehr.

    Es erfordert Mut, dem Fingerschnippen nicht nur nicht zu folgen, sondern es auch zu benennen. Nicht nur im großen politischen Rahmen, sondern am Küchentisch, im Büro, beim Elternabend. Das laute „Nie wieder“, das an Gedenktagen so gerne wie staatstragend beschworen wird, verkommt zur bitter hohlen Phrase, wenn wir im Alltag wegschauen, sobald die alten Mythen neu verpackt werden. “Nur schon lange tote Juden sind politisch gute Juden,“ hat mir vor Kurzem eine jüdische Wiener Freundin gesagt. Nach einer weiteren Runde des „Nie wieder.“  Sie ist sehr verzweifelt. Am Nachbartisch wird nach erfolgter Diskussion und gegenseitiger Zustimmung nun entspannt gelacht.


    Titelbild: Miriam Moné

    Autor

    • Julya Rabinowich

      Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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