09. Okt. 2026
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    Ist das schon Faschismus?

    Wenn wir dem Grausamkeitsrausch nicht entgegentreten, kann das ganz übel ausgehen. Robert Misik stellt sein neues Buch “Erziehung der Grausamkeit vor”.

    Wahrscheinlich haben es manche von Ihnen schon mitbekommen: Vor wenigen Tagen veröffentlichte ich im Suhrkamp-Verlag mein neues Buch „Erziehung zur Grausamkeit“, in dem ich mich mit den massenpsychologischen Dynamiken des neuen Faschismus beschäftigte. Dabei werde ich in Interviews immer wieder zu den Grundthesen des Buches befragt. Ich will diese Woche meine Kolumne einmal ausnahmsweise dafür benützen, diese Kernthemen und immer wiederkehrenden Fragen einmal kompakt zu beleuchten und zu beantworten.

    Wie wird denn Unbarmherzigkeit eingelernt, so dass man von einer regelrechten „Erziehung zur Grausamkeit“ sprechen kann?

    Durch starke Emotionalisierung. Und zwar durch die Emotion der „Angst“ aber auch durch „Lust“. Zunächst einmal ist auffällig, dass Angst bis zur Paranoia geschürt wird – von den Faschisten und den mit ihnen verbundenen Pseudomedien und dem mit ihnen längst verbündeten Boulevard. Indem die Welt als ein gefährlicher Ort gezeichnet wird, wirkliche paranoide Gefühle geschürt werden – da ist vom „Genozid“ an den Deutschen die Rede, den Weißen, vom Großen Austausch. Jedes Verbrechen wird benützt, um Menschen aufzuhetzen, erfundene Schrecken werden auf wirkliche getürmt, sodass jede Grausamkeit dann als berechtigte Gegenwehr erscheint. Sofort aber wird auch die Lust an der Grausamkeit angestachelt, die Freude daran, sich auszumalen, was man anderen Menschen antun kann, wie man es denen endlich heimzahlen kann, unter denen man glaubt, zu leiden. Das ist eben die Eigenart dieses Rechtsextremismus gerade unserer Tage: Der Grausamkeitsrausch, die Härteekstase, dieser Lustgewinn bei der Vorstellung, allen möglichen Feinden das Schlimmste antun zu können. Eine Ekstase von Häme und Hass.

    Wie wird denn diese Umerziehung praktiziert?

    Bemerkenswert ist ja, dass die grausamen Taten nicht einfach geschehen, sondern öffentlich vollzogen werden müssen, um auf die Anhänger einzuwirken. Kristi Noem, die ehemalige US-Homeland-Secretary ist da ein gutes Beispiel, Donald Trump auch, und alle Reden von Alice Weidel bis Herbert Kickl, was die Schleusen der Enthemmung öffnet.

    Inwiefern wird eine Lust an der Grausamkeit ausgelebt?

    Einerseits wird das Gefühl geschürt, Teil einer belagerten Gemeinschaft zu sein. In der Folge erlebt die Anhängerschar das Ausleben von Rachegelüsten als Befreiung, diese endlose Suada an Böswilligkeit, Mordfantasien. Man sieht das gut an der Häme, der Böswilligkeit und der Hasskultur, wie sie aus den sozialen Medien quillt. Wir müssen das in seiner nackten Fürchterlichkeit so zur Kenntnis nehmen. Der ehemalige Zeit-Chefredakteur Bernd Ulrich hat unlängst die Frage formuliert: „Was macht das mit einem Menschen, wenn er tagein tagaus nur noch mit Verachten, Verhöhnen und Herablassen beschäftigt ist?“ Und darum geht es letztlich in meinem Buch: Darüber, dass Menschen in radikal andere verwandelt werden. Sie sind einer Gehirnwäsche ausgesetzt, werden umerzogen. All das ist nicht einmal besonders neu, schon der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno, der mit seinen Kolleginnen und Kollegen den autoritären Charakter jahrzehntelang studiert hat, sprach von einem „sadistischen Lustgewinn“, der mit Rachefantasien verbunden ist – und erst recht mit dem Ausleben derselben.

    Und diese Umerziehung geschieht durch die rechtsextreme Agitation?

    Ja, aber wir sehen auch, dass es keine Einbahnstraße ist. Die Anhänger werden nicht nur verhetzt, verführt, sondern sie sind daran ko-produktiv beteiligt. Auf krasse Takes muss ein noch krasserer gesetzt werden, aus Gewaltlust wird Mordlust, und die Anhänger feuern sich wechselseitig an. Das geschieht in der Masse und nur in der Masse, deren Glieder sich wechselseitig in immer ärgere Erregung versetzen. Das ist der Psychodynamik von Pogromen nicht unähnlich, auch wenn heute vornehmlich Menschen daran beteiligt sind, die vereinsamt und vereinzelt vor ihren Computern sitzen.

    Was hat uns Sigmund Freud da zu lehren. Der ist doch fast hundert Jahre tot?

    Ja, Freud hat die Gefühlsansteckung, die soziale Ansteckung sehr genau analysiert. Das liest sich wie ein Protokoll der Jetztzeit, dabei sind es 100 Jahre alte Texte. Die Masse gibt dem Einzelnen die Erlaubnis, schlechter zu sein, als er alleine wäre. Die Masse verändert den Einzelnen. Alle fühlen gemeinsam, alle hassen gemeinsam, sie bringen sich wechselseitig immer mehr in Rage. Triebhemmungen werden herabgesetzt, das Gewissen ausgeschaltet.

    Dadurch werden Menschen in andere verwandelt?

    Wenn das nur lange genug geschieht, wenn Menschen stündlich mit diesen Botschaften beschossen werden, sind das regelrechte Lehrjahre der Unmenschlichkeit, eine Erziehung zur Grausamkeit. Bei jungen Muslimen sehen wir die berühmte Blitz-Radikalisierung, aber das ist bei Wählern von AfD und FPÖ nicht sehr viel anders.

    Und Leo Löwenthal und andere Forscher der Frankfurter Schule, was haben die zu dieser Gegenwartdiagnose beizutragen?

    In der Forschung ist ja gut dokumentiert, welche Charakterdispositionen der autoritäre Menschentyp hat, der anfällig ist für autoritäre Weltbilder und einen Kult der Härte. Es ist auch gut dokumentiert, welche sozialen und ökonomischen Umstände rechte Parteien begünstigen – wenn Abstiegsängste überhandnehmen, es wenig Hoffnung, dafür viel Pessimismus gibt. Aber es ist weniger gut beschrieben, wie sich Menschen verändern, wenn sie in die Fänge dieser Agitation geraten. Normale Menschen werden dann in Monster verwandelt. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre davor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen eben immer die Lehrjahre der Unmenschlichkeit.

    Was ist an Löwenthals Studie so bemerkenswert?

    In „Falsche Propheten“ beschreibt er die Wirkung der Agitation so, dass man das Gefühl hat: Der beschreibt ja unsere Gegenwart! Die Agitation trommelt: Die Welt ist bedrohlich. Aber es sind dunkle Kräfte, die dich betrügen – die Eliten. Die stehen mit sinistren Kräften im Bunde, und mit den Flüchtlingen, den Ausländern, den Juden… Der letzte Schritt der Propaganda ist dann die Botschaft: Aber die Rettung naht. Der Anführer ist der Heiland, der die dunklen Mächte für Dich besiegt. Dabei muss die Agitation die Paranoia der Anhänger stehts steigern. Löwenthal schreibt, dass die mörderischen Impulse gesteigert werden, dass die Agitation wie eine umgekehrte Psychoanalyse funktioniert.

    Dabei werden die Menschen auch noch unglücklich?

    Was man in vielen Studien sieht: Die ersten Opfer der Faschisten sind die Faschisten selbst. Gerät jemand in die Fänge der Agitation, wird er unglücklicher. Er wird unglücklicher, als er vorher war, sogar wenn er vorher schon unglücklich war, bis sich diese Lebensunzufriedenheitskurve umdreht, wenn er starke Gemeinschaftsgefühle mit den anderen Wütenden entwickelt, und sich plötzlich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlt. 

    Und das ist jetzt echt schon Faschismus?

    Wir sehen einen Furor der Affekte und faschistische Gefühle der Härte und der Grausamkeitsfantasien, die sich in der Demokratie ausbreiten. Zugleich sehen wir aber natürlich keine faschistischen Regimes im Endausbau. Aber Faschisten waren auch in der Geschichte Faschisten, bevor sie endgültige totalitäre Regimes errichtet hatten. Faschismus ist diese Aufwallung der Gefühle, dieses Rasende, worin die Anhängerschaft versetzt wird. Der Faschismus beginnt nicht mit dem Mord. Er beginnt mit der Freude daran, ihn sich vorzustellen.

    Wird nicht zu leichtfertig mit der Faschismus-Vokabel herumgeworfen, etwa wenn schon Libertäre wie Peter Thiel oder sogar Neoliberale mit diesem Attribut belegt werden?

    Gewiss, wir müssen uns die Unterscheidungsfähigkeit bewahren, sonst wird der Begriff entleert und nichtssagend, wie man so gerne sagt: „In der Nacht sind dann alle Katzen grau.“ Auch radikale Libertäre sind keine Faschisten im engeren Sinne. Aber in diesen Zirkeln hat man der Demokratie abgeschworen, weil in der auch die Schwachen wählen dürfen und da die Schwachen aus ihrer Sicht die Mehrheit sind, werden sie den Starken dann bei ihrem entschlossenen Unternehmertum Zügeln anlegen. Das führe zu scheiternden und dekadenten Gesellschaften. Sie bejubeln die Starken, verachten den Schwachen, wenden sich gegen die Demokratie und folgen einem Kult der Härte. All das zusammen bringt sie mehr und mehr in eine Allianz mit dem Neuen Faschismus.

    Aber pathologisiert man nicht Menschen, erklärt man sie nicht zu regelrechten Geisteskranken, wenn man sie in diesem Vokabular beschreibt?

    Man kann die Entfesselung von Leidenschaften, einen affektiven Furor und die wechselseitige Aufstachelung des „sozialen Tieres Mensch“ aber eben nicht ohne Begrifflichkeiten der Sozialpsychologie beschrieben. Die Agitation zielt direkt auf den psychischen Apparat, und außerdem wissen wir doch auch aus vielen anderen Zusammenhängen, dass uns Umstände, Eintrübung unseres Seins, Dauererregung und Angststörungen in unserem Charaktertypus allmählich verändern kann.

    Wir können all das eben auch nicht nur mit politologischem Vokabular beschreiben. Man muss es ja nicht gleich in der Begrifflichkeit wie der schon erwähnte und auch unverdächtige Adorno machen, der diese Dynamiken als „ähnlich wie in einer bestimmten Form der Geisteskrankheit, der Paranoia“ titulierte.

    Und was tut man da jetzt dagegen? Gibt es gar keinen Ausweg mehr aus der fortschreitenden Verrohung von immer mehr Menschen?

    Um Gottes willen, natürlich gibt es den. Wir alle wissen, dass es eine entscheidende Aufgabe etwa für progressive Parteien und Bewegungen wäre, Menschen mit positiven Botschaften und einer eigenen Form der Leidenschaftlichkeit für sich zu gewinnen. Nur, davon handelt eben mein Buch nicht. Aber es soll zeigen: Man muss dagegenhalten. Immer dagegenhalten, und vor allem: diese beängstigenden Prozesse nicht leugnen oder die Menschenfeindlichkeit normalisieren. Wir Menschen neigen sowieso dazu, uns die Dinge schönzureden, was wahrscheinlich eine gewisse Notwendigkeit ist, wenn man nicht dauernd von Sorgen geplagt sein will. Mein Buch ist ein Weckruf, ein Warnruf an jeden einzelnen: Das kann alles verdammt übel ausgehen, wenn ihr nichts dagegen tut. Es ist sogar ein Warnruf oder Appell an diejenigen, die Mittun und die Mitläufer: Haltet ein, kommt runter von eurem Todestrip.


    Titelbild: Miriam Moné

    Autor

    • Robert Misik

      Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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