Bisher hat Christian Hafenecker im Pilnacek-Untersuchungsausschuss gute Figur gemacht. Jetzt, gegen Ende der Befragungen, zögert er, Sebastian Kurz als Zeugen zu laden. Viele fragen sich: Ist die Altkanzler-Schonung Teil eines Deals zwischen Kickl und Kurz?
Kaum jemand bestreitet: Die parlamentarische Untersuchung des Falls „Pilnacek“ ist ein persönliches Verdienst des FPÖ-Abgeordneten Christian Hafenecker. Gegen innerparteiliche Widerstände ist der Ausschuss erst auf sein Betreiben eingesetzt worden. Hafenecker sorgte dafür, dass bis jetzt alle wichtigen Zeugen geladen wurden.
Sophie Wotschke sitzt für die NEOS im Pilnacek-Ausschuss. Sie will Altkanzler Sebastian Kurz laden. Aber in der Koalition verbietet ihr das die ÖVP – weil auch Ladungen in U-Ausschüsse laut Regierungsübereinkommen einstimmig erfolgen müssen.
Damit hängt alles von der FPÖ ab.
Revue mit Kickl
Am 3. Juni 2026 hatte Kurz um einen besonderen Termin gebeten. Herbert Kickl empfing ihn im Parlamentsklub der FPÖ. Kurz hatte laut Heute ein dringendes Anliegen: „unsere damalige gemeinsame Zeit, die positiven Momente genauso wie die negativen, Revue passieren zu lassen“. Wer das glaubt, hat eine gute Chance, selig zu werden.
Schon damals stand die Kurz-Ladung in den Pilnacek-Ausschuss im Raum. Hat es hier einen Deal gegeben? Verzichtet die FPÖ auf Kurz im Ausschuss, um nicht auf Kurz in einer Regierung Kickl verzichten zu müssen?
Das ist die gute Frage. Christian Hafenecker könnte sie schon bald beantworten.
Warum ist Altkanzler Kurz für den Pilnacek-Ausschuss so wichtig? Das erkläre ich gerne. Weil der Sonntags-Kommentar dafür nicht ausreicht, geht es Montag weiter.
Also, Punkt 1: Kurz behauptet Suizid. Als Erster.
Wenige Stunden nach Pilnaceks Tod stand Sebastian Kurz am 20. Oktober 2023 zum ersten Mal als Angeklagter vor Gericht. Oberstaatsanwalt Gregor Adamovic von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft WKStA warf ihm falsche Zeugenaussage im Untersuchungsausschuss vor. Nach einer Verurteilung in erster Instanz hat Kurz das Verfahren inzwischen bekanntlich gewonnen.
Noch heute kann man das Video sehen, das oe24.at am 20. Oktober 2023 um 18.03 Uhr online stellte. Dort erklärte Kurz wenige Stunden nach Pilnaceks Tod am Rande seines Prozesses wegen Falschaussage in einem Untersuchungsausschuss.: „Ich habe gestern Abend noch mit ihm telefoniert, und wenige Stunden später hat er sich das Leben genommen.“ Niemand fragte nach, wann Kurz mit Pilnacek telefoniert hatte, was die beiden miteinander besprochen hatten und vor allem: woher Kurz wusste, dass es Selbstmord war.
Seitdem wundern sich viele, dass der Altkanzler lange vor den ersten öffentlichen Erklärungen von Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt die Todesursache kannte.
Am 8. April 2025 gab der Lobbyist und Ex-ORF-Journalist Gernot Rohrhofer in der ZiB 2 einen wichtigen Hinweis. Armin Wolf fragte: „Woher wusste der Ex Kanzler wenige Stunden nach Auffinden der Leiche, dass es ein Suizid war? Das hat er öffentlich gesagt.“
“Da stimmt irgendwas nicht”
Gernot Rohrhofer war etwas aufgefallen: „Das hat er gesagt. Das ist richtig. Das hat viele natürlich auch auf den Plan gerufen, die gesagt haben: Da stimmt irgendwas nicht und das geht zu schnell.“

Heute scheint dreierlei klar:
- Die Ermittler der niederösterreichischen Kripo hatten kurz nach Auffinden des Leichnams weder die Obduktion noch die Auswertung von Datenträgern abgewartet und im Schnellverfahren „Selbstmord“ zur Todesursache erklärt;
- Niemand von Staatsanwaltschaft Krems bis Landeskriminalamt St. Pölten war damit am 20. Oktober 2023 an die Öffentlichkeit gegangen.
- Kurz wusste schon früh etwas, was er zu diesem Zeitpunkt aus den Ermittlungen noch nicht wissen durfte.
Kontakte spielen lassen
Woher wusste Sebastian Kurz als einer der ersten, dass die Weichen auf „Selbstmord“ gestellt waren? Gernot Rohrhofer hatte für sein Pilnacek-Buch Sebastian Kurz ausführlich interviewt. In der Zib 2 lieferte Rohrhofer die erste Erklärung:
“Man darf nicht übersehen: Sebastian Kurz hat natürlich Kontakte, und er hat diese Kontakte spielen lassen und hat dann sich natürlich auch erkundigt und hat den Ermittlungsstand de facto bekommen, wie ihn auch die Witwe von Christian Pilnacek bekommen hat. Und da hieß es von Anfang an Suizid.“
Sebastian Kurz habe „den Ermittlungsstand bekommen“, wie ihm Rohrhofer unterstellt. Doch was war am Nachmittag des 20. Oktober 2023 der „Ermittlungsstand“?
Der einzige schriftliche Bericht des Landeskriminalamts war zu dieser Zeit der „Anfallsbericht“, den Chefinspektor Hannes Fellner als Leiter der Mordkommission des Landeskriminalamts um 12.47 Uhr der Staatsanwaltschaft Krems übermittelt hatte.

In dem Bericht ist weder von „Selbstmord“ noch von „Suizid“ die Rede. Eine einzige Passage über das Einschreiten der Notärztin behandelt die Todesursache: „Fr. Dr. W. regte die Durchführung einer gerichtlichen Obduktion an, da ein Fremdverschulden nicht auszuschließen ist bzw. eine Todesursache für die Ärztin nicht feststellbar war.“
99,9 Prozent Sicherheit
In seinem Versuch, sich ein halbes Jahr später vor der WKStA zu rechtfertigen, sagte der damalige Kripo-Chefermittler Hannes Fellner am 25. April 2024 aus: „Wir gingen mit 99,9 % Sicherheit davon aus, dass es sich um einen Suizid gehandelt hat. Wir gingen auf Grund der vorliegenden Ergebnisse der Tatortermittlungen und der Vernehmung davon aus.“ Doch davon findet sich am 20. Oktober 2023 und in den Monaten danach nichts in den Akten von Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft Krems.
Am Nachmittag des 20. Oktober gab es keinen detaillierten Bericht über den behaupteten Suizid und kein Ergebnis der Obduktion, die erst sechs Tage später stattfand. Es gab keine Information an die Staatsanwaltschaft, dass Suizid als Todesursache feststünde. Das Einzige, was es möglicherweise gab, waren unzureichend begründete Vermutungen von Polizeibeamten, die noch keinen Eingang in den Akt gefunden hatten. Aber nicht das ist ausreichend sicher. Das war der „Ermittlungsstand“ am Nachmittag des 20. Oktober 2023.
Interner Ermittlungsstand
Sebastian Kurz „hat den Ermittlungsstand de facto bekommen“ – damit steht im Raum, dass Kurz interne Informationen aus den Ermittlungen der Kriminalpolizei erhalten haben könnte. Aber wer könnte Kurz hier etwas verraten haben? Ein Ermittler aus St. Pölten? Ein Vorgesetzter aus dem Innenministerium? Ein Ex-Innenminister, der auch in dieser Affäre eine Schlüsselrolle spielte?
Oder war es ganz anders und ging die Suizid-Saga gar nicht von der Polizei, sondern von der Politik aus? Haben Polizei und Staatsanwaltschaft mit mehrmonatiger Verzögerung eine Suizid-Sprachregelung aus der ÖVP übernommen?
Bis jetzt durfte dazu nur Kurz-Anwalt Otto Dietrich vor Gericht befragt werden. Er behauptete, eine Nachricht erhalten zu haben: „Pilnacek angeblich tot, Suizid“. Der Anwalt weigerte sich, den Namen des Absenders zu nennen. Ich saß selbst im Gerichtssaal und erinnere mich an meinen Eindruck: Das geht sich nicht aus. Da passt einiges auch zeitlich nicht zusammen.
Wer hier Licht ins tiefschwarze Dunkel bringen will, kommt um die Kurz-Ladung nicht herum. Auch, wenn er dazu zu Herbert Kickl gehen und ihm sagen muss: „Du Chef, wir stehen das nicht durch. Niemand von unseren Wählern versteht, wenn wir Kurz decken.“
Morgen Punkt 2: Kurz und das letzte Telefonat
Und Punkt 3: Pilnacek als illegaler Kurz-Berater

