09. Okt. 2026
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    Dubiose Pilnacek-Beratungen und das letzte Telefonat: „Servus Sebastian“

    Ex-Kanzler Kurz hat als einer der Letzten mit Pilnacek telefoniert. Hat der ehemalige Sektionschef Kurz wenige Stunden vor seinem Tod noch auf dessen Prozess am nächsten Tag vorbereitet, obwohl ihm das ausdrücklich verboten war? Teil 2 der Kurz-Pilnacek-Geschichte.

    Telefonprotokolle des U-Ausschusses haben es ans Licht gebracht: Am 19. Oktober 2023 rief Sebastian Kurz Christian Pilnacek um 20:55 Uhr an. Die Datenauswertung ergab eine Länge von exakt elf Sekunden und: Kurz soll der letzte Anrufer gewesen sein.

    Aber da war ja noch ein Kurz-Satz vom Interview wenige Stunden nach Pilnaceks Tod: „Ich habe gestern Abend noch mit ihm telefoniert…“ Damit können wohl nicht die elf Sekunden gemeint sein, die der Polizeibericht protokolliert. Elf Sekunden – das klingt nach einem Anrufversuch, aber nicht nach einem Gespräch zwischen Kurz und Pilnacek.

    Unvollständige Anrufliste

    Inzwischen wissen wir allerdings, dass die Protokolle der Pilnacek-Anrufe unvollständig sein dürften. Wie der FPÖ-Abgeordnete Christian Hafenecker bestätigt, fehlt ein Kontakt zwischen Pilnacek und ihm um die Mittagszeit des 19. November 2023. Fehlen noch weitere Anrufe und Nachrichten? Staatsanwaltschaften von Krems bis Wien und Kriminalpolizei haben einiges getan, um das nicht zu ermitteln.

    Als der Anruf um 20.55 Uhr protokolliert wurde, hatte Pilnacek gerade ein Treffen mit der Tochter seiner Ehefrau, der Grazer Gerichtspräsidentin Caroline List, hinter sich. Er saß in seinem Volvo und war betrunken am Weg in Richtung Krems.

    Warum hat ihn Kurz angerufen? Und: Hat er ihn später doch noch erreicht, mit einem Anruf über Signal, der in den Listen der Polizei nicht aufscheinen kann?

    Das ist der zweite heikle Punkt, der nur mit Kurz unter Wahrheitspflicht geklärt werden kann.

    Dazu kommt Punkt 3: Pilnacek als illegaler Kurz-Berater

    „Die strategische Beratung bestätigt auch das Team Kurz“, meldete die Kronen Zeitung am 26. November 2023. Als suspendierter Chef der Sektion für Einzelstrafsachen war es Pilnacek verboten, in laufenden Strafverfahren Beschuldigte und Angeklagte zu beraten. Er tat es trotzdem.

    „Wer vorbereitet Sebastian auf seine Vernehmung?“ War das die Frage, die Kurz und Pilnacek am Abend vor dem Tod des Sektionschefs am Telefon erörterten? Oder war die Frage längst geklärt, und Pilnacek besprach mit Kurz die Prozessstrategie?

    „Servus Sebastian“

    Pilnaceks letzte Gefährtin Karin Wurm erinnerte sich: „Seit ich Christian Pilnacek gekannt habe, hat er sich mit Kurz getroffen, zwei- bis dreimal pro Woche. Zum Prozess hin ist das noch mehr geworden.“ Pilnacek und Kurz kannten sich gut. „Sie waren per Du, da hat es immer geheißen ,Servus Sebastian‘. Einmal hat Christian sogar einen Termin mit mir in Krems platzen lassen, weil er Kurz treffen musste.“

    Bei Kurz selbst klang das in seinem Pilnacek-Nachruf auf Twitter etwas anders: „Aus zahlreichen persönlichen Gesprächen mit ihm weiß ich auch, dass es ihm ein ehrliches Anliegen war, dass der Respekt vor jedem einzelnen und nicht die ausgelebte Respektlosigkeit im Mittelpunkt stand.“

    Die Treffen, so erzählte Pilnacek Wurm, fanden immer „im ÖAMTC-Gebäude am Stubenring“ statt. Dort hat Kurz mit seiner SK Management GmbH sein Hauptquartier.

    Als das Strafverfahren gegen Kurz am Wiener Landesgericht begann, war Pilnacek längst an Bord. Am 18. August 2023 erhielt der suspendierte Sektionschef um 10.47 Uhr eine Mail von Suppan, Spiegl, Zeller Rechtsanwälte OG. Drei Minuten zuvor war dasselbe Mail von Richter Michael Radasztics an die Anwaltskanzlei versandt worden.

    Kurz-Strafantrag bei Pilnacek

    Das Mail des Richters war kurz: „Sehr geehrte Herren! In der Anlage übermittle ich den von der WKStA gegen Ihre Mandanten Mag. Glatz-Kremsner einerseits und Sebastian Kurz und Mag. Bernhard Bonelli andererseits eingebrachten Strafantrag.“

    Damit war Christian Pilnacek einer der Ersten, die den 108-seitigen Strafantrag gegen den Ex-Kanzler vor sich auf dem Tisch hatten.

    Warum erhielt der suspendierte Sektionschef die Anklageschrift gegen Sebastian Kurz? Und warum beriet er den Angeklagten als suspendierter Sektionschef hinter dem Rücken seiner Justizministerin?

    Das Beamtendienstrechtsgesetz regelt die Dienstpflichten der Beamten. Sektionschef Christian Pilnacek kannte es wohl ebenso wie Rechtsanwalt Werner Suppan. Beide mussten wissen, dass die Beratung des Beschuldigten Sebastian Kurz im laufenden Strafverfahren dem Beamten Pilnacek auch während seiner Suspendierung strikt verboten war.

    „Herr Justizminister“

    Warum nahm Pilnacek für Kurz dieses Risiko auf sich? Karin Wurm hatte Pilnacek gefragt: „Zahlt dir der Basti was?“ Pilnaceks Antwort war kurz und klar: „Nein“. Pilnacek hoffte auf eine Entlohnung, die ihm wichtiger war. „Falls Kurz wieder Kanzler würde, sollte Christian sein Justizminister sein.“ Danach zog Wurm Christian Pilnacek öfters mit dem „Basti“-Versprechen auf: „Guten Morgen, Herr Justizminister!“

    Monatelang versuchte Pilnacek, eine Prozessstrategie für den angeklagten Altkanzler zu entwickeln. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. „Ich habe Pilnacek selten so wütend gesehen“, erinnerte sich Wolfgang Rauball. „Ungefähr zwei bis drei Wochen vor seinem Tod hat mir Pilnacek im Cavalluccio berichtet, dass er gerade von Kurz kommt. Pilnacek hat Kurz geraten, beim kommenden Prozess so schnell wie möglich Aussagenotstand geltend zu machen. Aber Kurz sei völlig beratungsresistent. Pilnacek war sich sicher, dass Kurz so geradewegs in seinen Untergang gehen würde.“

    Karin Wurm bestätigte das: „Christian hat mir gesagt, wenn Kurz auf seine Berater hört und nicht auf ihn, dann verliert er den Prozess.“

    Der Streit um die richtige Strategie im bevorstehenden Prozess könnte sich zwischen dem suspendierten Sektionschef und dem angeklagten Ex-Kanzler bis in den letzten Abend vor Pilnaceks Tod gezogen haben.

    Verhindern FPÖ und ÖVP Kurz-Aussage?

    Damit sind wir wieder beim letzten Telefonat – und bei einer Zusammenfassung: Ex-Kanzler Kurz war wahrscheinlich der Letzte am Pilnacek-Telefon und mit Sicherheit der Erste mit „Suizid“.

    Es bleibt die letzte Frage: Wird sich NEOS-Abgeordnete Sophie Wotschke mit ihrer Forderung, Kurz in den Pilnacek-Ausschuss zu laden, durchsetzen? Oder verhindern FPÖ und ÖVP gemeinsam die Kurz-Befragung?


    Titelbild: APA-Images EXPA/JOHANN GRODER, APA-Images / AP / Markus Schreiber

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