09. Okt. 2026
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    Der Täter, das Opfer

    Im Fall des Kabarettisten Gunkl ging es nie um das Opfer. Es ging um den Täter, der sich selbst zum Opfer machte. Und darum, auf die Schnelle noch politisches Kleingeld zu wechseln.

    Und wieder ist es passiert: Ein Mann, dem man nichts Abgründiges zugetraut hätte, ist abgründig gewesen. Er hat seinen Abgrund über Jahre gehegt und gepflegt, er hat sich darin verstrickt und sich nicht rechtzeitig Hilfe geholt und er handelte erst, als er keinen anderen Ausweg sah, als den, die Wahrheit zu sagen. Großmutter und Mutter des Opfers sollen ihn erpresst haben.

    Der Kabarettist Gunkl wollte sich irgendwann nicht mehr erpressen lassen. Mit seinem Ansprachevideo hat er sehr viel Mitgefühl für sich gezeigt (und vermutlich auch auf jenes der anderen gehofft). Von dem Kind, das er nach eigenen Angaben missbraucht hat, jenes Kind, das ein unglückliches Schicksal hatte, in eine toxische, dysfunktionale Familie geboren worden zu sein, die es an den Täter auslieferte, hat er wenig gesprochen. Ein großes Mitgefühl mit diesem Kind war nicht wahrnehmbar.

    Das ist nicht nur tragisch, das ist die Essenz dessen, was Missbrauchstäter ausmacht. Das Kind ist bereits aus anderen Gründen aus dieser dysfunktionalen Familie entfernt worden, was dem Kind neue Chancen geben wird. Aber es ging ja nie um das Opfer. Es ging um den Täter, der sich zum Opfer machte. Der Täter hat dazu aufgerufen, bei pädophilen Neigungen Hilfe zu suchen. Ja, ein wichtiger Aufruf, aber zu spät. Es riecht nach Litigation-PR. Und es sollte nicht so riechen. Es sollte um das Kind gehen, um seine Rechte, seine Zukunft, seine Ängste- nicht die des Täters und der dysfunktionalen Familie.

    Der Täter wurde erpresst und wehrte sich schließlich mit Selbstanzeige. Er hatte verdammt lange Zeit dazu gehabt, diese Anzeige zu machen. Er hat diese Zeit verstreichen lassen. Und er hat sexualisierte Gewalt an Kindern in Form von Videos auf seinem alten Computer gehabt. Es war also mehr als nur diese eine Tat mit dem kleinen Kind. Es war offensichtlich ein Interesse an Darstellungen weiterer Missbrauchstaten gegeben. Das ist ein tragischer Fall, eine Verwicklung voller Grausamkeiten. Und dieser Fall ist für manche ein willkommener Anlass, auf die Schnelle noch Politkleingeld zu wechseln.

    Das macht die FPÖ wie sie es immer wieder macht, wenn sie Gelegenheit dazu wittert.  Was aber notwendig ist, ist kein Kleingeld politischer Natur, sondern mehr Ressourcen. Für Täterarbeit (die weitere Opfer verhindern kann). Für Opferarbeit (denn das wird jedes Opfer benötigen, um das Trauma überwinden zu können). Die Freiheitlichen, sehr vokal im Fall Teichtmeister und auch jetzt im Fall Gunkl, sind nicht dafür bekannt, solche Projekte zu fördern und zu unterstützen.  Jetzt brüllt die FPÖ „Kinderschänder!“, als wäre dieser Begriff nicht ein völlig unpassender, der die Schande, die doch die Seiten wechseln soll, bei dem Kind verortet. Das Opfer ist nicht der Nutznießer dieser Kampagne.  Als ein ehemaliger FPÖ-Politiker  betroffen war, der im Jahre 2015 verurteilt wurde, hörte man recht wenig von den Blauen. Wäre es den Freiheitlichen um die Opfer gegangen, hätten sie sich schon lange anders artikuliert und gehandelt.


    Titelbild: Miriam Moné

    Autor

    • Julya Rabinowich

      Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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