09. Okt. 2026
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    Jede Zeile wird noch Zeiler

    In der großen Kampagne der Kronen Zeitung gegen den Vizekanzler und SPÖ-Vorsitzenden geht es nicht um Andreas Babler und nicht um Gerhard Zeiler. In dieser Sache geht es um die Frage, ob der Boulevard Politik macht, wenn Politiker nicht spuren.  

    Ob Gerhard Zeiler wirklich glaubt, dass es um ihn geht, kann ich nicht sagen. Er ist nun täglich in allen Zeitungen präsent, schreibt sogar Artikel, eine ORF-Sendung nach der anderen lädt ihn ein oder diskutiert über ihn. Für politische Inhalte ist kein Platz mehr. In unseren Nachbarländern mag geschehen, was will: Jede Zeile muss noch Zeiler sein als die vorige.

    De facto geht es um etwas anderes: Um die Macht im Staat. Schon vor Jahrzehnten ist ein Konzept aus dem Ruder gelaufen. Die staatlichen Förderungen, die den Medien helfen sollen, unabhängig zu sein und damit zum demokratischen Diskurs und zur Meinungsvielfalt beizutragen, werden missverstanden und pervertiert. Sie gelten als Zuwendung der Regierung, die sie vergibt. Und entsprechend ihrer Höhe wird der Zahlende auch inhaltlich behandelt. Doch die Subventionierten wurden irgendwann unzufrieden und wollten mehr Geld. Es begann das große Inserieren der Regierungen, die sich damit selbst zum Kunden der von ihnen subventionierten Blätter degradierten. Unter Sebastian Kurz als Kanzler erreichten die staatlichen Gelder, die an die Medien gingen, bisherige Rekordsummen. Ihre Top-Empfänger sind die Boulevardmedien.

    Ein schlechter Film

    Schon vor Jahrzehnten begannen die Boulevardmedien massiv damit, nicht über Politik zu berichten, sondern Politik zu machen. Dabei geht es immer um Personalfragen. Und dabei gibt es immer einen Freund und einen Feind. Das Spiel ist simpel. Jeder soll es verstehen können. Es ist wie ein schlechter Filmplot: Der gute Held hier – der böse Bösewicht dort.

    Nun ist einer zum Bösewicht ernannt worden, in dessen Ressort die Vergabe der Mediensubventionen fällt. Und er erdreistet sich, diese auf neue Beine zu stellen, weil er Missbräuchlichkeiten erkannt hat, nicht dulden will und auch sparen muss (was nicht an ihm liegt, sondern an den vom Boulevard hochgejubelten Vorgängerregierungen). Dieser Bösewicht wird nun mit krankhafter Verbissenheit schlecht gemacht, angegriffen und verhöhnt. Man hat ihm schon allerlei vorgeworfen: eine lächerliche Frisur; man vermeldete wahrheitswidrig, sein Vater sei in einer Klinik bevorzugt behandelt worden; und man macht jeden Parteikollegen des Bösewichts groß auf, der irgendetwas über ihn zu meckern hat. Meistens erfolglose Lokalpolitiker oder frühere Parteiberater, die jetzt Millionäre sind, sich aber kränken, dass sie in der Bösewichtpartei nicht mehr mitreden können. Mit Talkshow-Einladungen vermehren sie ihren Reichtum und ruinieren dabei die Partei, für die sie behaupten zu brennen.

    Aus Sensationspresse wird Berichterstattung

    Und so hat man jetzt einen Mann gefunden, der sich von einer Society-Journalistin zu Hause besuchen lässt und sagt, er wolle Chef dieser Partei werden und den Bösewicht

    damit zur Strecke bringen. Im Boulevard keine Besonderheit. Doch nun passiert das Unglaubliche: Die Qualitätsmedien und der ORF übernehmen, unter konsequenter Fehldarstellung der Sachlage, unkritisch die Inhalte der Boulevardzeitung.

    Die meisten Medien machen sich gar nicht die Mühe, zu kommunizieren, wie eine Wahl zum Parteiobmann vor sich geht, wie das Statut aussieht, wann der nächste Parteitag stattfindet und wie und von wem ein Sonderparteitag einberufen werden könnte. Die meisten Medien tun so, als könne ein Parteivorsitzender ohne Parteigremien einfach ein neues Programm beschließen oder die Inhalte der Regierungsarbeit, die zwischen drei Parteien ausverhandelt wurden, über Nacht ändern. (In den Parteigremien hat Zeiler im Übrigen in vielen Jahren an keiner Diskussion teilgenommen oder sich positioniert.) Die Medien tun nun mehrheitlich so, als hole man Zeiler. Florian Asamer schreibt es sogar in Die Presse:

    „Doch dass nach Sebastian Kurz und Christian Kern nun mit Gerhard Zeiler wieder ein Ehemaliger (wenn auch in seinem Fall ein ORF-Chef) zurückgeholt werden soll, hat wohl auch andere Gründe als nur die (sehr unterschiedliche) Eignung der Genannten.“

    Das ist unwahr. Er soll nicht zurückgeholt werden. Er selbst drängt sich auf und bringt sich als Kandidat für eine Wahl ins Spiel, die gar nicht ansteht.

    Wer regiert in Wahrheit?

    Das ganze Spektakel ist natürlich eine konzertierte Aktion. Und in ihr spielen besonders jene Journalisten, die wieder und immer wieder vor einer Regierungsbeteiligung der FPÖ und vor einer hohen Staatsverschuldung warnen, eine üble Rolle, wenn sie an der Hasenjagd gegen Babler teilnehmen. Denn Babler hat schwere Kompromisse auf sich genommen, um eine Regierung zu ermöglichen. Und er hat die Ministerposten gut verhandelt und einen Finanzminister in die Regierung gebracht, der als Erster seit 25 Jahren sein Handwerk versteht. Da kommt man also nicht gegen ihn an. Die Anti-Babler-Kampagne, die mit seinem Vater und dessen OP zu tun hatte, war so dreckig und ungustiös, dass auch sehr viele Menschen angewidert waren, die Babler politisch nicht schätzen. Auch hier war man nicht erfolgreich. Also greift die Kronen Zeitung nun nach ihrem bewährtesten Mittel – sie regiert plötzlich. Sie regiert und dirigiert die SPÖ. Sie macht Babler klar, dass er nicht bleiben kann, wenn die Krone es nicht will. Armin Thurnher schreibt in seiner Seuchenkolumne im FALTER:

    „Wie und wo Gerhard Zeiler sein Angebot kommunizierte, war wesentlicher Teil der Botschaft, wenn nicht die Botschaft selbst: in einer Homestory in der Kronen Zeitung. Gegen die Krone kann man Österreich nicht regieren, das hat schon Michael Häupl gesagt, Wiener Langzeitbürgermeister und kluger pragmatischer Politiker.“

    Wird Zeiler tatsächlich einmal SPÖ-Obmann, dann wird er bald spüren, wem er hörig zu sein hat. Und als früheres Mitglied des Kabinetts Sinowatz hat er gesehen, was die Medien und vor allem die Krone mit einem Kanzler machen können. Sinowatz war der erste SPÖ-Kanzler, der systematisch aus dem Amt geschrieben wurde. Es folgte Christian Kern. Nein, wenn man sich auf dieses Spiel einlässt, wird man von der Krone regiert, wie Thurnher scharfsinnig feststellt:

    „Dieses Gesetz ist das Erste Gebot von Politik im Operettenstaat: Willst du die Republik regieren, musst du es mit der Krone tun. Du kannst es zumindest nicht gegen diese tun. Das war seit Bruno Kreisky so, und daran haben die digitalen Machtverhältnisse nichts geändert. Wer aber mit der Krone regiert, wird von dieser regiert.“

    Nicht umsonst

    Leider sind nur wenige in diesem Land mit diesem Scharfsinn gesegnet. Zu erwähnen ist noch Andrea Gutschi, Mitarbeiterin der Medienanalyse-Plattform KOBUK! In einem Posting auf Bluesky schreibt sie über Klaus Herrmanns Artikel „Was unser Land gleich doppelt brauchen wird“, der am Sonntag in der Krone erschien:

    „Elegant schlägt Herrmann die Brücke von der Krone als »Nachrichten-Grundversorger« für heimische Medien zu einem »Zukunftskonzept für Medien«, das man anscheinend von Zeiler erwartet. Die Großankündigung zur »Babler-Ablöse« kommt eben nicht umsonst.“

    Es geht in dieser Sache weder um Gerhard Zeiler noch um Andreas Babler. Es geht hier um systematisches Geben und Nehmen und letztlich um eine Form der Erpressung. In Österreich schaut man gerne weg und macht sich einen Karl oder gar den Herrn Karl und sagt: »Wir sind ja kein politisches Volk.« Aber sollen wir es zulassen, dass die Politik dort gemacht wird, wo sie eigentlich kommentiert und analysiert werden soll: in den Medien?


    Titelbild: Manon Véret

    Autor

    • Daniel Wisser

      Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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