09. Okt. 2026
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    Holt Euch die Zukunft zurück!

    Endzeitgefühle überall, Hoffnung Mangelware: Es ist dieses Zeitempfinden, das Zohran Mamdani, Elif Eralp und Co. in Gegenmacht verwandeln.

    Tiefes Krisenempfinden zeichnet unsere Zeit und Welt aus, ein regelrechtes Endzeitgefühl. Und es ist ja nicht nur ein „Gefühl“, sondern von Erfahrungen und Wissen getragen: Der Zerfall der Weltordnung führt zu Chaos und Gewalt, die Rivalität um Märkte und Rohstoffe zur Diktatur des Rechts des Stärkeren und zur Angst, dass es mit allen bergab geht. Kriege, die Märkte sichern sollen, zerstören diese wiederum, zerreißen Lieferketten, es lodert überall. Die Klimakatastrophe heizt unsere Städte auf, verwandelt ganze Landstriche in Wüsteneien, die Inflation macht das Heizen, das Wohnen, die Lebensmittel teurer.

    Das Thema „Leistbarkeit“ ist für viele das zentrale Thema geworden. Gewissenlose Tech-Bosse machen sich mit den neuen Faschisten gemein, weil die skrupellos und brutal genug sind, die Kapitalherrschaft abzusichern und sich nicht einmal auf kleinste Regulierungen zu beschränken. Es ist ein Milliardärsgesindel, das die größten Monopole der Geschichte angehäuft hat, und jetzt mit dem energiefressenden Monster KI auch noch das letzte Gas, das letzte Öl, die letzte Kohle aus dem Boden verfeuert, und damit die Welt weiter anheizt.

    Ein Empfinden von Aussichtslosigkeit zieht Kreise, was oft erst recht zu noch mehr Konflikten führt, denn wenn alle das Gefühl haben, dass es nur mehr bergab und ins Verderben geht, dann ist man sich häufig eher selbst der Nächste und man hofft, dass der Nachbar unter die Räder kommt, damit es einen selbst nicht erwischt, oder der Migrant in der Nacht von Verschleppungskommandos abgeholt wird, weil er am Ende auch ein Rivale um die knappen Ressourcen des Lebens wird.

    Die Angst ist nicht unbedingt eine Schule der Solidarität, sondern die Lehranstalt für Grausamkeit und Schwinden von Gewissen und Empathie. Die neuen Faschisten und ihre Geldgeber, die uns unsere Welt gestohlen haben, profitieren dann noch auf bizarre Weise von dem Unheil, das sie angerichtet haben, ganz zu schweigen von der Social-Media-Welt, die sie geschaffen haben, in der Geld damit verdient wird, dass wir alle süchtig nach schlechten Nachrichten und immer depressiver werden und die Leute sich in paranoide Charaktere verwandeln. Gewaltfantasien und Gewalt breiten sich aus.

    Die Welt als dystopische Kampfesarena

    Es ist das, was Naomi Klein und Astra Taylor in ihrem neuen Buch „Endzeitfaschismus“ nennen. Der hat „eine steile Erfolgskurve“. War der Faschismus auch in früheren Zeiten sowohl mit einem Empfinden des Niedergangs als auch mit der Überlegenheit der eigenen Nation, der eigenen Ethnie verbunden, so hat der neue Faschismus noch ein anderes Zeitgefühl, nämlich dass jeder auf sich alleine gestellt ist und es jetzt darauf ankommt, sich selber zu retten, ohne Rücksicht auf andere. Es ist letztlich diese radikal-negativistische Botschaft, mit der die Hasspropheten ihre Anhänger anstacheln und aufreizen. Plus: Die Aussicht, Rache nehmen zu können an allen imaginierten Feinden des Volkes, an Ausländern, Muslimen, betrügerischen linken Eliten, Feministinnen, Juden usw.

    Die Welt, unsere Heimaten, unsere Städte und Viertel verwandeln sich allmählich, aber doch für jeden spürbar in Kampfesarenen, die sich wie ein dystopischer Fiebertraum anfühlen.

    Die Welt von gestern – sie kommt nicht zurück

    Sie setzen unsere Welt in Brand, um ihre Privilegien zu sichern – um sich im Notfall in die Südsee oder auf den Mars zu flüchten. Sie zerstören die Demokratie und nähren die autoritären Parteien. Sie heizen unsere Welt auf, sie scheren sich nicht darum, wenn sich die normalen Leute das Leben nicht mehr leisten können. Diese Masters of the Universe, sie zerstören den Planeten und die Grundlagen für ein gutes Leben, aber damit auch den wackeligen Deal, der jahrzehntelang die westlichen Gesellschaften prägte: dass der Wohlstand wächst und jeder zumindest ein wenig davon profitiert. Alle spüren, dass diese Zeit vorbei ist. Es ist die Welt von gestern.

    Es ist an der Zeit, zornig zu werden und zu sagen: Ihr werdet unsere Welt nicht zerstören. Ihr werdet die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder nicht mit der Straßenwalze plattmachen. Ihr werdet uns nicht in einen Kampf alle gegen alle hetzen mit euren faschistischen Fieberträumen von der „Weißen Überlegenheit“ und dem Hass auf alle anderen. Ihr werdet keine Datenzentren bauen, die so viel Strom fressen wie Millionenstädte, die Landstriche in Ödnisse verwandeln, das Kühlwasser aus den Flüssen stehlen und es als kochende Brühe zurückleiten, sodass alles Leben in den Flüssen stirbt – wofür nicht einmal eine nennenswerte Zahl an Arbeitsplätzen geschaffen wird. Ihr werdet unsere Welt nicht stehlen, unsere Leben nicht zerstören und unsere Jobs nicht vernichten, nur damit ihr euch dann zum Mars davonmachen könnt.

    Währenddessen ist aber die „Linke“ – nehmen wir das jetzt als eine möglichst breite Hilfsvokabel – immer noch verwirrt und weiß nicht ganz, was gespielt wird. Nehmen wir nur zwei Geschehnisse der vergangenen Wochen: der Wahlsieg von Elif Eralp und der Partei „Die Linke“ in Berlin und der bemerkenswert patscherte Versuch von Gerhard Zeiler, die SPÖ zu übernehmen. Elif Eralp hat in Berlin eine unerwartet deutliche Mehrheit erobert, und seither ist das politisch-mediale Establishment in völlige Hysterie verfallen, versucht in einem Stil, den man seit den düstersten Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr kannte, diese gewinnende, hoffnungssprühende Frau zu diffamieren. In Österreich will, umgekehrt, Gerhard Zeiler die SPÖ übernehmen, erscheint aber selbst den wohlwollendsten Beobachtern auf groteske Weise aus der Zeit gefallen und viele machen dafür etwas vorschnell sein Alter verantwortlich. Tatsächlich gibt es für beide Geschehnisse tiefere Gründe und sie hängen miteinander zusammen.

    Ihr werdet unsere Städte und Lebensräume nicht zerstören

    Elif Eralp hat, so wie andere Politikerinnen und Politiker von Zohran Mamdani bis Claudia Sheinbaum (die mexikanische Präsidentin), von Pedro Sanchez bis mutmaßlich zum Britenpremier Andy Burnham intuitiv verstanden, dass die Zeiten sich geändert haben. Angst, Zukunftsfurcht und Zorn stecken den Menschen in den Knochen, sie fühlen sich auch in gewissem Sinne belagert, sie sind der Netze der Gemeinschaftlichkeit beraubt, empfinden, dass sie keine Stimme haben, sie sind in Pessimismus versunken und sehnen sich nach etwas, das sie da rausholt. Mamdani, Eralp und andere haben sie da rausgeholt. Plötzlich sind es Zigtausende, die den Parteien beitreten, es sind Hunderttausende, die Wahlkampf machen, aber es sind zugleich auch Leute, die neue Netze der Gemeinschaftlichkeit in den Städten, den Vierteln, den kleineren Gemeinden knüpfen und von der Energie getragen sind: Wir holen uns unsere Welt und unsere Zukunft zurück.

    Es sind manchmal Anführerinnen akzentuierter Linksparteien, manchmal energetische Sozialdemokraten, manchmal Grüne Spitzenpolitikerinnen, die auf das düstere Zeitempfinden eine Antwort der Energie und Leidenschaft geben. In Göttingen wurde gerade Onyeka Oshionwu, eine Grüne und Afrodeutsche, mit überwältigender Mehrheit zur Oberbürgermeisterin gewählt. Ihr Konkurrent in der Stichwahl war Ehsan Kangarani von der CDU. So viel nur zur Ansicht, dass unsere Gesellschaften vom Rassismus tief vergiftet sind. Es zeigt sich dann immer wieder, dass diese simplen Ansichten nicht immer sehr belastbar sind.

    Aus der Zeit gefallen: Nostalgie nach dem Gestern

    Das Staunen über Gerhard Zeiler wiederum ist nicht nur eine Folge davon, dass er über siebzig ist, unglaublich unvorbereitet herumstolperte und eine Medienkampagne startete, die sich als eine Abfolge von Fiaskos erwies, die man eigentlich kaum für möglich gehalten hätte – all das kommt nur dazu. Das Problem von Zeiler ist vielmehr, dass er nicht zu begreifen scheint, wie sich die Welt verändert hat. Wie tief die Verunsicherungen sitzen. Wie sehr die Angst von den Menschen Besitz ergriffen hat. Dauernd sprach er vom „Stillstand“, der die Menschen beunruhige. Dabei ist niemand vom Stillstand beunruhigt, sondern vom Empfinden, dass wir in einer Zeit der Monster leben.

    Sein denkwürdiger Auftritt in der ZIB 2 war getragen von Nostalgie, dem Glauben, man könne die alte Welt wiederherstellen, mit der Stabilität planbarer Lebensläufe, mit einer Reformpolitik, die ausreichend Wachstum generiert und einer Verteilungspolitik, die ein wenig Gerechtigkeit schafft plus einer Energiepolitik, die die Klimakatastrophe schon abwenden wird. Er versteht nicht, dass die Menschen genau das nicht mehr glauben. Genau darauf nicht mehr vertrauen. Man hat ihnen dieses Vertrauen in den vergangenen Jahrzehnten gründlich ausgetrieben. Es ist diese Weltfremdheit, die dazu führte, dass man mit offenem Mund vor dem Fernseher saß. Aber das ist eben nicht Zeilers bloße private Weltfremdheit. Es ist ja tatsächlich schwer, von der Idee der allmählichen Weltverbesserung im Konsens Abschied zu nehmen. Aber es ist die Welt und die Zeit selbst, die sich davon verabschiedet hat.

    Die neue Zeit braucht nicht nur neue Antworten, sondern auch neue Charaktertypen und neue Formen von Widerstand und Parteien. Niemand glaubt mehr, dass wir alle „im gleichen Boot“ sitzen, wenn wir sehen, dass Leute auf ihren Luxusjachten Austern schlürfen und die Welt in Brand stecken.

    Radikale Zärtlichkeit

    In dieser neuen Welt können wir nur einen Widerstand organisieren, der ein Dagegen, aber zugleich ein Dafür ist, nämlich Netze des Gemeinsamen knüpft, des Füreinander-Daseins, letztendlich sogar dafür, das gemeinsame Überleben zu sichern. Die Spaltungen zwischen den Jungen und den Alten, zwischen denen, die immer schon hier waren und denen, die neu dazukommen, die vielfältigen anderen Spaltungen, die die neuen Faschisten so gerne ausnützen, sie müssen in gemeinsamem Handeln überwunden werden. Die solidarischen Institutionen müssen nicht nur verteidigt, manche neu errichtet, viele gestärkt werden. Die geldgierigen Investoren, die etwa Städte als Beute betrachten und damit nicht nur Mieten hochtreiben, sondern auch die Bodenpreise, was selbst den sozialen Wohnbau dann schwer finanzierbar macht, müssen in die Schranken gewiesen werden. Es ist leider weltfremd, zu glauben, man könne an die Bereitschaft zu Kompromissen noch appellieren, wenn jeder sieht, dass die Beutemacher und Räuberbarone an Kompromissen nicht interessiert sind.

    Man holt auch niemanden aus der Depression heraus, wenn man nostalgisch (und daher unglaubwürdig) einer Welt anhängt, die längst Vergangenheit ist. Waren die „Gemäßigten“ früher die „Realisten“, sind sie heute die Weltfremden. In dieser Welt, in die wir heute geworfen sind, müssen wir Gegenmacht aufbauen und wir müssen das gegenüber den Komplizen von Autoritären und Plünderern mit Entschiedenheit tun, und gegenüber allen anderen mit der allergrößten Zärtlichkeit. Die Welt, die die vorsichtig-reformorientierte Sozialdemokratie der Nachkriegszeit ermöglicht hat, ist einfach untergegangen. Das ist nicht schön, aber leider Faktum. Je früher man das begreift, umso besser.

    Autor

    • Robert Misik

      Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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