Die WKStA-Auswertung des Pilnacek-Laptops ist ein vernichtender Bericht über die ÖVP-nahe Strafjustiz und das, was man nicht nur im Journalismus als Gamechanger bezeichnet. Der Bericht ist der Beweis, der bisher gefehlt hat.
Monatelang haben Beamte des Landeskriminalamts St. Pölten vergeblich nach dem privaten Laptop von Christian Pilnacek gesucht. Es ist bekanntlich gelungen, ihn an ihnen vorbei zur WKStA zu bringen. Jetzt liegt auf 440 Seiten unter dem Titel „Sichtung des Datenbestands des Mag. Christian Pilnacek“ die brisante Auswertung der WKStA vor. ZackZack wird im Detail über alles, was neu und explosiv ist, berichten.
Christian und Christian
Am besten beginnen wir ganz oben, bei Christian und Christian.
Am 20. Juni 2023 entschuldigte sich Christian Stocker bei Christian Pilnacek:
Lieber Christian,
Leider war ich in die bisherigen Gespräche zu den Stellungnahmen nicht eingebunden. Ich versuche zu retten was zu retten ist.
LG Christian
Pilnacek sorgte sich um das Korruptionsstrafrecht, das die grüne Justizministerin gegen seinen Willen und den der ÖVP verschärfen wollte. Am 21. Juni 2023 antwortete Pilnacek:
Lieber Christian,
war wirklich nicht als Kritik gedacht, aber Z muss man doch ein wenig auf die Finger schauen. (…)
Herzliche Grüße,
Christian

Worum war es gegangen?
Stocker und Pilnacek gegen Zadić
Pilnacek war damals als Leiter der Sektion für Einzelstrafsachen im Justizministerium bereits vom Dienst suspendiert. Stocker diente der ÖVP gerade als Nationalratsabgeordneter und Generalsekretär. „Z“ war Alma Zadić, die amtierende Justizministerin. Pilnacek wollte die Kanzlerpartei ÖVP gegen die Justizministerin aufhetzen. Stocker war auf seiner Seite.
Es ging um die geplante Verschärfung des Korruptionsstrafrechts. Die Grünen standen mit Zadić auf der einen, die ÖVP mit Stocker und Pilnacek auf der anderen Seite.
Das ist nicht das einzige, was sich zu Stocker auf den 440 Seiten findet. Der damalige Generalsekretär und heutige Bundeskanzler war ein verlässlicher Diener des System, das Pilnacek in der Strafjustiz geschaffen und der ÖVP zur Verfügung gestellt hatte.
So fasst das die WKStA zusammen: „Weiters ist festzuhalten, dass Mag. Christian PILNACEK offensichtlich wesentlich engeren Kontakt mit Vertretern der ÖVP hatte als mit anderen Parteien.“
“in die Verteidigung eingebunden”
Wozu nützte die ÖVP den mächtigen Sektionschef, der längst als Herr der Strafjustiz entschied, was verfolgt und was „daschlogn“ wurde? Die WKStA beantwortet auch diese Frage: „Spätestens nach der Suspendierung intensivierte sich die Zusammenarbeit mit den Vertretern der ÖVP stark und mündete in einen Informationsaustausch hinsichtlich des ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschusses.“
Aber das war längst nicht alles: „Parallel war Mag. Christian PILNACEK in zahlreichen Verfahren der WKStA in die Verteidigung eingebunden, wobei auch hier hauptsächlich – wenn auch nicht ausschließlich – eine Verbindung zur ÖVP ersichtlich ist oder zumindest naheliegt.“
Von Eurofighter bis Benko mischte sich Pilnacek zugunsten der Korruptionsverdächtigen ein. In einem Verfahren fiel das besonders auf: „Dies betrifft insbesondere das „Ibiza-Verfahren”, in dem Mag. Christian PILNACEK intensiv an der Verteidigung mithalf, unter anderem auch von Sebastian KURZ und Ing. Siegfried WOLF.“
Dazu finden sich entscheidende neue Dokumente im WKStA-Bericht. Aber all das ging nur, weil das System weit über den Machtbereich von Pilnaceks gefügiger Oberstaatsanwaltschaft Wien hinausging. Dort betritt der Bericht Neuland.
Eine OStA, ein Klub und vier Kanzleien
Es geht vor allem um vier Anwaltskanzleien, deren – nicht nur rechtlich fragwürdige – Zusammenarbeit mit dem inzwischen suspendierten Sektionschef auf Dutzenden Seiten dokumentiert wird. Es geht um die Kanzleien Ainedter, Wess, Hausmaninger und Suppan und um die Anwältin Linda Poppenwimmer.
Und: Es geht um eine Drehscheibe. Der WKStA-Bericht zeigt, was alles über den Parlamentsklub der ÖVP lief – und wer hier die Hauptrollen spielte. Dazu werden wir im Detail berichten.
Auf Seite 270 kommt die WKStA zu einem politisch wichtigen Schluss: „Hervorzuheben ist insbesondere mit Blick auf den Tatverdacht allerdings, dass die Hilfestellungen von Mag. Christian PILNACEK – soweit aus den Daten ersichtlich – praktisch ausschließlich bei ÖVP-Vertretern oder ÖVP-nahen Personen erfolgten. Eine ähnliche Mitwirkung an der Verteidigung von (teils ehemals) beschuldigten Personen aus dem Kreis der FPÖ (im „Ibiza”-Verfahrenskomplex etwa Heinz-Chrisian STRACHE, Mag. DDr. Hubert FUCHS) oder sonstigen Dritten, ist nicht erkennbar.“
6 Monate
Auch in der FPÖ scheint man überrascht, dass die sicherlich nicht FPÖ-freundliche WKStA derartig klar bilanziert. Für Kickl und seine Partei geht es damit um eine neue Frage: Soll der Pilnacek-U-Ausschuss schon Anfang November beendet werden und damit jede Chance, mit dem neuen Bericht entscheidend aufzuklären, vertan werden? Soll also der ÖVP ein gewaltiger Gefallen getan werden? Oder lässt Kickl seine Abgeordneten den Ausschuss um sechs Monate verlängern?
Der Bericht könnte sich so zum Gamechanger in der Pilnacek-Untersuchung auswachsen. Nicht nur in der FPÖ ist man überzeugt, dass mit der gelungenen Auswertung des Laptops die entscheidende Phase der Aufklärung begonnen hat.
Beitrag korrigiert am 2.10.2026 um 11:20 Uhr.
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