Die Zukunft des Tourismus kann nicht darin liegen, immer mehr Menschen in immer empfindlichere Landschaften zu bringen. Sie muss darin liegen, mit weniger Wachstum mehr aus dem zu machen, was bereits da ist.
Ich bin zurück von „unserer“ Insel. Vier Wochen ohne Schuhe. Vier Wochen ohne Megasupermarkt. Was man braucht, ist da. Wenn es nicht da ist, kommt es morgen. Und wenn es nicht kommt, ist es auch egal. Zwischen Slowfood und Gelassenheit lese ich am Handy abwechselnd Berichte über die beängstigende Gletscherschwindsucht in den Alpen und euphorische Einladungen zu Skiopenings Ende September auf diversen Skifernern und Tourismuskeesen.
Wo der Massentourismus einmal ist, bleibt er
Dass das eine auch durch das andere entstanden ist, wird kaum erwähnt. Wozu auch? Wo der Massentourismus einmal angekommen ist, ist er nur schwer wieder wegzubekommen. Die Bettenburgen stehen da, sie müssen gefüllt werden. Notfalls werden vom ewigen Eis freigegebene Felsen und Moränen weggesprengt und mit Kunstschnee bedeckt.
Und während ich in der Ägäis-Sonne die Seele baumeln lasse, trifft mich bisweilen die Erkenntnis: Inseln sind nichts anderes als umgestülpte Bergtäler. Als in den Alpentälern in den 1980ern die Tore für den Massentourismus weit geöffnet wurden, bekam die Insel ihre erste Straße, die beide Häfen mit der Chora und miteinander verband. Und damit auch den ersten Autobus. Was folgte, kennt man aus den Bergen: Aus einem Ort zum Leben wird ein Ort für Gäste. Aus Infrastruktur für die Bewohner wird Infrastruktur für Besucher.
Und irgendwann wird aus Tourismus eine Abhängigkeit. Während Mykonos und Santorini inzwischen versuchen, die Massen irgendwie wieder loszuwerden, gibt es auf unserer Insel noch immer Menschen, die genau diese Massen hereinholen wollen: Kreuzfahrer in Bussen, Yoga-Touristinnen aus den USA, die direkt ins Hotel gehen, Massen, die kurz bleiben, Sehenswürdigkeiten abgrasen und weiterziehen. Sie hinterlassen in den kleinen Dörfern wenig Geld, mehr Müll, viele Duftwolken und zunehmend die Frage, wem die Insel eigentlich noch gehört.
Touristen und Reisende
Was können wir daraus lernen? Wie lässt sich Bewusstsein schaffen, bevor aus Tourismus Overtourism wird? Vielleicht hilft schon ein Unterschied, der gerne untergeht: zwischen Touristen und Reisenden. Auf unserer Insel gibt es keinen Flugplatz. Die Landschaft lässt das nicht zu. Wer dorthin will, muss mit dem Schiff kommen. Wer das Speedboot via Santorini nicht mag, nimmt die Fähre in Piräus. Acht Stunden Überfahrt sind Teil der Reise. Zeit, in der man langsam aus dem Alltag herauskommt. Und wenn man auf der Insel von Bord geht, ist man schon richtig angekommen. Das ist natürlich kein Patentrezept. Aber vielleicht eine ganz gute Erinnerung daran, dass Reisen etwas anderes sein kann, als Orte abzuhaken.
Wiederkommen statt abhaken
Was bedeutet das für die Täler? Vielleicht weniger immer neue Quellmärkte bewerben. Erst die Briten, dann die Schweden, die Russen, die Araber und wer gerade als nächste Zielgruppe entdeckt wird. Immer neue Menschen möglichst schnell herbringen, ihnen möglichst viel verkaufen und sie zum nächsten Hotspot weiterschicken. Vielleicht wäre es klüger, Reisende und Stammgäste zu pflegen. Menschen, die wiederkommen, weil ihnen ein Ort etwas bedeutet. Die nicht nur eine Sehenswürdigkeit konsumieren, sondern Landschaft, Menschen und Jahreszeiten kennenlernen.
Natürlich geht es in vielen Regionen längst nicht mehr ohne Tourismus. Zu viele Arbeitsplätze, Betriebe und ganze lokale Wirtschaftskreisläufe hängen davon ab. Die Lösung kann also nicht heißen: Tourismus abschaffen. Aber vielleicht muss auch nicht alles immer mehr werden. Die zentrale Forderung ist eigentlich ganz einfach: Kein touristisches Wachstum um des Wachstums willen. Dort, wo eine Region ihre Belastungsgrenze erreicht hat, muss Schluss sein mit neuen Betten, neuen Liften, neuen Straßen und immer neuen Werbekampagnen. Stattdessen: den Tourismus auf einem tragfähigen Niveau stabilisieren und mit den Gästen, die bereits da sind, gemeinsam mehr Wert für alle schaffen.
Ein nachhaltiger Status quo
Ein nachhaltiger Status quo wäre doch einmal ein ziemlich radikales Ziel: genug Gäste, genug Einkommen, genug Leben vor Ort. Nicht jedes Jahr neue Rekorde. Dafür müssten wir auch aufhören, Tourismus immer nur als Wachstumsgeschichte zu erzählen. Wer einen Ort liebt, muss nicht dafür sorgen, dass ihn möglichst viele Menschen möglichst schnell besuchen. Und vielleicht müsste sich besonders der Skitourismus endlich die Skibrille abnehmen. Gegen eine sich beschleunigende Klimakatastrophe hochalpine Landschaften umzugraben, Gletschergründe wegzusprengen, Moränen abzutragen und mit Schneekanonen eine Wintersaison zu simulieren, ist ungefähr so zukunftstauglich, wie im Hochsommer den Kachelofen einzuheizen und mit Glühwein den Hitzefrust zu betäuben, damit es sich winterlicher anfühlt.
Die Zukunft des Tourismus kann nicht darin liegen, immer mehr Menschen in immer empfindlichere Landschaften zu bringen. Sie muss darin liegen, mit weniger Wachstum mehr aus dem zu machen, was bereits da ist. Kurzsichtig ist daran nicht nur die Skibrille.

