Skandalkalender – Türchen 20

Der BAWAG-Skandal

Die BAWAG – die Bank der Arbeiter. Jene Bank, mit der sich der Österreichische Gewerkschaftsbund fast selbst versenkte. 

Wien, 20. Dezember 2019 / Begonnen hat alles Mitte der 90er Jahre. Helmut Elsner wurde BAWAG-Chef und stand von Beginn an unter enormen Druck. Der Eigentümer der Bank, der ÖGB, wollte für sich hohe Gewinnausschüttungen, für die Kunden günstige Kredite aber auch hohe Sparzinsen. Ein Spagat, der eher an eine Herkules-Aufgabe erinnert.

Mit Gewerkschaftsgeld im Investoren-Kasino

Das Geld musste erst einmal verdient werden. Schaffen sollte das ein damals ganz Großer der Branche: Wolfang Flöttl. Ohne, dass der Aufsichtsrat überhaupt davon wusste, übergaben die BAWAG-Manager Flöttl Milliarden für hochspekulative Geschäfte. Es kam, wie es kommen musste: Flöttl verspekulierte sich in kürzester Zeit. Anstatt ihn zu entlassen, gaben die BAWAG-Manger Flöttl noch mehr Geld, um die Verluste „zurückzuverdienen.“ Ohne Erfolg. Letztendlich sollen es 1 Milliarde Euro an Verlusten werden. Verluste, die direkt der Gewerkschaftsbank zugerechnet wurden. Flöttl selbst ließ sich dafür trotzdem fürstlich entlohnen.

Damit die Bank nicht unterging, gab der ÖGB eine Bürgschaft ab. Als Sicherheit wurde das gesamte Vermögen des ÖGB und damit auch der Streikfonds verpfändet.

Verluste versteckt

Von 1998 bis zum Sommer 2005 wurden die Milliardenverluste nicht in den Geschäftsberichten der BAWAG ausgewiesen, sondern, weltweit verstreut, in Briefkastenfirmen und Stiftungen versteckt. Die Verluste wurden als Schuldverschreibungen an Gesellschaften verkauft, die im Umfeld von BAWAG und ÖGB eigens dafür gegründet wurden. Gleichzeitig erhielten die Gesellschaften von der BAWAG Kredite, um die Schuldverschreibungen kaufen zu können. So konnten die Verluste als werthaltige Forderungen in der Bilanz getarnt werden. So konnte die BAWAG Jahre lang erfolgreiche Bilanzen präsentieren.

Elsner kümmerte das alles wenig. Kurz vor dem Flöttl-Fiasko lässt er sich eine Pensionsabfindung für sieben Millionen Euro von der BAWAG absegnen.

Im Jahr 2005 vergab die BAWAG in einer Nacht- und Nebenaktion einen Riesenkredit an das US-Broker-Unternehmen REFCO. 350 Millionen Euro werden bereits am nächsten Tag überwiesen und Sekunden später behoben. Die BAWAG sollte das Geld nie wieder sehen. Kurz darauf war REFCO nämlich pleite. Nun begannen Ermittlungen und der Milliarden-Verlust von Flöttl kam zum Vorschein.

Ende mit Schrecken

Das löste einen Banken-Run aus. Die Kunden wollten ihre Einlagen bei der Bank beheben. Die BAWAG stand 2006 erneut vor dem Ruin. Einzig und allein die Staatsgarantie und eine Finanzspritze konnte die Katastrophe abwenden. Eine schwarz-orange Regierung rettete sozusagen die rote Bank und den ÖGB. Es kam zu einem Notverkauf der BAWAG. Die einst stolze Gewerkschaftsbank wurde ausgerechnet dem turbokapitalistischen amerikanischen Hedgefonds Cerberus in den Rachen geworfen. Dem ÖGB wurden allerdings die Schulden der Bank umgehängt. Der ÖGB verlor dadurch nachhaltig viel Eigenständigkeit und politischen Einfluss.

(fr)

Titelbild: APA Picturedesk

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