Satire im Netz

Wenn Mächtige sich als Opfer inszenieren

Satire muss nicht jedem gefallen. Den Anspruch stellt sie auch nicht. Manche mögen sie für geschmacklos halten: Auch das entspricht ihrem Auftrag. Satire ist für ihr Ziel nicht angenehm. Aber man muss sie aushalten, besonders als Politiker oder Person des öffentlichen Lebens.

Ganz im Gegensatz zu Hass, der übrigens nicht nur im Netz existiert – das Netz bietet dem Hass und der Übergriffigkeit in unserer Gesellschaft nur eine Plattform, ein Ventil, einen Kanal. Und dieser Hass hat viele Namen: Rassismus, Sexismus, Frauenverachtung, Antisemitismus usw. Die Bezeichnung von Hass im Netz kann irreführend sein, wenn sie verallgemeinernd alles unter einen Hut bringen will. Das kann dienlich sein für jene, die Satire nicht aushalten – und sie einfach mit dazu packen zum „Hass im Netz“ nach eigener Definition.

Kurz und Edtstadler als Möchtegern-Opfer

Wer Satire mit Hass im Netz gleichsetzt, hat etwas grundlegend nicht verstanden. Oder er ist geschickt und setzt neue Akzente im eigenen Interesse: Es ist ein Spin, der derzeit im Netz kursiert und von Personen wie Kanzler Kurz (Vergleich von Morddrohungen gegen Alma Zadic mit dem Vergleich von Kurz mit einem Baby-Hitler) oder Integrationsministerin Raab (Edtstadler-Vergleich mit Marilyn Manson sei Hass im Netz) bedient wird. Dieser Spin gefährdet nicht nur die Freiheit der Satire. Mit ihm machen sich die Mächtigen zu Opfern. Kurz und Raab argumentieren auf türkiser Linie: Sie setzen die türkise Opfer-Inszenierung konsequent fort. Nun sind sie Opfer von Hass im Netz.

Wehleidig

Die eigentlichen Opfer von Hass und Gewalt im Netz werden konsequent ignoriert. Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, rechte Hetze wird gleichgesetzt mit Satire: man müsse das aushalten, meint Kurz. Immerhin hält er seine Babyhitler-Vergleiche auch aus. Im nächsten Schritt wird Satire zu Hass im Netz: Frau Raab steht sofort zur Seite, als ihre Kollegin Edtstadler mit Marilyn Manson verglichen wird. Sie bezieht auf Twitter öffentlich Stellung: Sie würde Hass im Netz zutiefst verurteilen. „Verbale Angriffe und Verunglimpfungen, die ins Persönliche gehen, dürfen wir nicht tolerieren.“

Ich bin versucht, es Wehleidigkeit zu nennen, die Art und Weise, mit der viele Rechte auf Kritik und Satire reagieren. Aber es ist mehr als das: Es ist die geschickte Selbstinszenierung als Opfer. Wer kritisiert wird, ist Opfer. Wer kritisiert, ist zu verurteilen. Ein Spin, der wahre Opfer von Hass im Netz auf der Strecke lässt, der Kritiker mundtot macht – und dem es so schnell wie möglich seine Kreiselkräfte zu nehmen gilt.

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk, Grafik: ZackZack

Larissa Breitenegger kommentiert

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