Kickl kommentiert

Umarmungen und Symbole für Moria

Haben Sie schon einmal in den sozialen Medien zum Ausdruck gebracht, dass es Ihnen schlecht geht? Probieren Sie es aus! Sie werden mit virtuellen Umarmungen bedacht werden, dass Ihnen schwindlig wird. Nur echte Hilfe, die gibt‘s nicht.

 

 

Wien, 12. September 2020 | Soziale Medien sind wirklich eine tolle Erfindung und es haben sich tatsächlich schon Freundschaften, sogar Ehen ergeben, die ohne Facebook, Twitter etc. wahrscheinlich nicht zustande gekommen wären.

Sie sind aber auch probates Mittel für eine neue Symbolpolitik, die als Ersatz für echte Politik, reale Handlungen verwendet wird. Wenn sich die grüne Abgeordnete zum Nationalrat, Ewa Ernst-Dziedzic, höchstpersönlich ins Flugzeug setzt, um das zu tun, womit eigentlich Reporter ihr täglich Brot verdienen, dann ist das wohl so eine Symbolpolitik.

Symbolpolitik statt Taten

Es gibt viele Symbole für unsere Gesellschaft, in der wir lieber reden, protestieren, vielleicht auch mal für andere, besonders Minderheiten demonstrieren und virtuelle Umarmungen verschicken. Aber eines nicht tun, nämlich explizit handeln.

Wenn sich Grüne bei einer spontanen Demo einfinden, um die verheerende Situation der Menschen im Lager Moria zu bekritteln, dann muss man sich fragen, welche Rolle sie eigentlich in der Koalition spielen, in der sie offenbar nichts mitzubestimmen haben. Andererseits sind sie dadurch auch nur ein Abbild der neuen Symbolpolitik, die lieber so tut, als würde sie etwas tun, als Handlungen zu setzen, die dann vielleicht Anlass zu Kritik wären, einen am Ende gar zum Ziel eines Shitstorms werden lassen.

Das ist der Vorteil, wenn man nichts tut. Man kann nichts falsch machen. Über eine virtuelle Umarmung hat sich noch nie jemand beschwert, während konkrete Hilfsangebote unter Umständen als nicht adäquat zurückgewiesen werden können.

Der symbolische Moria-Besuch

Selbstverständlich wird der persönliche Eindruck für Ewa Ernst-Dziedzic ein gewaltiger und prägender sein. Für unsereins sind es ein paar Bilder mehr, die in Wahrheit nichts zeigen, was wir nicht schon kennen würden. Was wird die Konsequenz daraus sein?

Selbst Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn hat mehr als deutliche Worte in Richtung des österreichischen Kanzlers gefunden:

“Für mich heißt der Missetäter Sebastian Kurz. Er hat diese erbärmliche Situation als Allererster zu verantworten.“

Und dennoch koalieren die Grünen mit ihm. Dennoch vergessen sie ihre Werte, den plakatierten „Anstand“. Weil sie in der Regierung „doch immer noch besser sind als die FPÖ.“ Was insofern stimmt, als dass sich wohl kein Blauer zum Lokalaugenschein nach Moria aufgemacht hätte.

Ob es für die Menschen im Lager einen Unterschied macht, wenn eine Abgeordnete eines fremden, kleinen Landes sie filmt und fotografiert? Wohl kaum. Aber es würde für einige einen Unterschied machen, wenn die gleiche Abgeordnete mit ihren Parteikollegen einen Plan schmiedet, wie man mit oder ohne Kurz ein paar Menschen herausholen kann. Aber Realpolitik ist eben anstrengender als Symbolpolitik.

Daniela Kickl

Der Kommentar gibt nicht die Meinung der Redaktion, sondern ausschließlich der Autorin wieder.

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Titelbild: APA Picturedesk

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