Um die Nordbahnhalle herrschte eine monatelanges Politikum. Eine Bürgerinitiative versuchte den Abriss zu verhindern. Stattdessen sollte aus der leerstehenden Lagerhalle ein Kulturzentrum gemacht werden. Für das neue hypermoderne Grätzel „Nordbahnviertel“ wäre dies ein großer Gewinn. Doch die Stadt Wien widersetzte sich der Initiative, sie wollte den Abriss. Gestern ging die Nordbahnhalle in Flammen.

Wien, 11. November 2019 / Das Nordbahnviertel am Südufer der Donau, unweit vom Praterstern, verändert sich gerade. Jahrelang war dort der alte Nordbahnhof. Jetzt ist es ein zentrales Element der Wiener Stadtentwicklung. Auf 85 Hektar entsteht dort, mitten in Wien, ein neues „Grätzel“ für rund 40.000 Menschen. Und viele der neuen Wohnungen, Büros und Nahversorgern sind bereits eingezogen. Doch wenn man durch das Viertel spaziert, dann wirkt es fast ein wenig unheimlich: viele neue Wohnhäuser in modernstem Design, frischer Asphalt, reißbrettartig angelegte Straßen.

Wiener Stadtentwicklung

Doch ein Gebäude stach heraus, es passte nicht in dieses neue, künstliche Viertel: die alte Nordbahnhalle. Viele der neuen Bewohner des Grätzels, vorrangig Jungfamilien, hatten klare Pläne: den Erhalt der Nordbahnhalle, um aus ihm das Kulturzentrum des neu entstandenen Wohnortes zu machen. Stadt und Investoren hatten freilich andere Pläne: Ein Kulturzentrum war nicht vorgesehen.

Und vor allem nicht in der Nordbahnhalle, denn sie besetzte eine 1350m2 große Fläche. In der Planung war auf der Fläche unter anderem eine Straßenbahn vorgesehen, deshalb sollte die alte Halle weichen. Zwei Jahre erlaubte die Stadt Wien ein Projekt in Kooperation der TU Wien. Die Hallen wurden von Studenten umgestaltet, um den neuen Bewohnern einen Raum zum Experimentieren und zum Vernetzen zu geben. Nach zwei Jahren, diesen Sommer, war Schluss: Die Stadt gab die Halle zum Abriss frei.

Konflikt mit Bewohnern wird durch Feuer bereinigt

Die neuen Bewohner wollten das nicht akzeptieren: Es gründete sich die IG (Interessensgemeinschaft) Nordbahnhalle, sie sammelte in wenigen Wochen über 4500 Unterschriften für den Erhalt der Halle. Doch jetzt hat sich alles erledigt: Gestern ging die Halle in Rauch auf. Ein wilder Brand zerstörte das Gebäude auf seine Grundfesten. Für die Stadt Wien ist damit ein Konflikt mit engagierten Bürgern einfach verpufft. Denn noch vor rund zwei Monaten knickte die Stadt etwas ein und sagte den Totalabriss vorerst ab. Ein Teilabriss war allerdings bereits durchgeführt worden. Jetzt erledigte das Feuer den Rest.

Die offizielle Stellungnahme der IG Nordbahnhalle liest sich traurig, doch noch immer kämpferisch: „Trotz massiven Gegenwind durch das Ressort Stadtentwicklung von Birgit Hebein und den Bezirksgrünen [wollten] wir weiter für die Entwicklung eines Modellprojekts für Nachbarschaft, Kultur und Soziales kämpfen. Die Nordbahnhalle hat alle Voraussetzung für ein solches Stadtlabor mitgebracht.“

War es Brandstiftung?

Die IG glaubt nicht an Zufall: „Als Bürger*innen-Initiative IG Nordbahnhalle gehen wir von Brandstiftung aus. Der Strom war gekappt, es wurden keine Chemikalien oder Ähnliches gelagert. Uns fehlt jegliche Vorstellung, wie die Halle ohne Fremdeinwirkung abbrennen konnte. Wir fordern eine penible, transparente und lückenlose Untersuchung des Brandes.“

Es folgt eine Forderung an die Stadtplanung rund um Birgit Hebein. Sie hätten für einen Ersatz zu sorgen. Denn gerne brüstet sich die Stadt Wien, wie viel Kulturräume sie schaffen würde. Auch auf die Priorität von „dezentraler Kulturarbeit“ verweist die Stadt Wien regelmäßig. Wenn es dann aber um eine Bürgerinitiative geht, die einen gemeinschaftlichen Ort für Kunst, Kultur und Vernetzung erhalten will, blockt die Stadt ab.

ZackZack.at hat das Büro von Birgit Hebein um eine Stellungnahme gebeten. Die Anfrage blieb bisher noch unbeantwortet.

(wh)

Titelbild: ZackZack

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