Skandalkalender: Türchen 15

Heldenplatz

Türchen 15 beschäftigt sich mit Österreichs Vergangenheit – und dem Umgang damit.

Wien, 15. Dezember 2019 / Im März 1938 stand Adolf Hitler am Heldenplatz und tausende Menschen jubelten ihm zu. Österreich hörte für sieben Jahre auf zu existieren. Selbst 50 Jahre später, im Jahr 1988, hatte allerdings niemand große Lust, über diese sieben Jahre zu reden. Man akzeptierte Mauthausen und Auschwitz, fühlte sich aber trotzdem als Opfer. Das „Opfer-Sein“ wurde irgendwie sogar schon fast Teil der österreichischen Identität.

„Waldheim-Affäre“

Plötzlich kam heraus, dass der damalige amtierende Bundespräsident Kurt Waldheim Wehrmachtsoffizier war und vermeintlich an Kriegsverbrechen in Griechenland beteiligt war. Durch internationalen Druck musste Österreich fast 50 Jahre an NS-Wiederaufarbeitung nachholen. Bis jetzt sag man sich ja immer als Opfer von Nazideutschland. Dass einige der schlimmsten Nazis Österreicher waren und die November-Pogrome in Österreich noch schlimmer ausfielen, als in Deutschland, ignorierte man.

Thomas Bernhard

1988 feierte das Burgtheater den 100 Geburtstag. Der damalige Direktor des Burgtheaters, Claus Peymann, schlug vor, dass Thomas Bernhard das Jubiläumsstück schreiben soll. Obwohl Bernhard das nicht wollte, schrieb er es trotzdem. Der Titel des Stücks hieß „Heldenplatz“ und behandelte genau die dortige Hitler-Rede vom 15. März 1938.

Es war eines der schwächeren Bernhard-Stücke, doch es erregte enorme Aufmerksamkeit.

Widerstand gegen die Aufarbeitung

Man hielt den Inhalt des Stücks lange geheim. Sogar geprobt wurde im Verborgenen. Und dennoch: irgendwann wurden kurze Sätze und Phrasen via Kronen-Zeitung und „Profil“ geleaked – komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Sätze wie „Österreich, 6,5 Millionen Grenzdebile“ führten in der Öffentlichkeit zu ernormer Aufregung und zu Protesten gegen das Stück. Im Stück selbst geht es um eine Familie, die es nicht schafft, das Trauma von 1938 zu überwinden.

Einige wollten die Aufführung boykottieren. Man ließ sogar Mist vor dem Burgtheater abladen.

Der Protest war auch der erste Auftritt eines damals jungen, aufstrebenden Neonazis: HC Sprache.

Heldenplatz und die Folgen

„Österreich selbst ist nichts als eine Bühne /auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist / eine in sich selber verhasste Statisterie / von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen / sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige / die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien / Der Regisseur wird kommen / und sie endgültig in den Abgrund hinunterstoßen“

„Heldenplatz“ war das Stück, das Österreich nachhaltig verändern sollte. Zum ersten Mal setzte man sich intensiv mit der Nazi-Vergangeheit Österreichs auseinander. Ob man wollte – oder nicht.

(fr)

Titelbild: Wikicommens: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung / ZackZack-Grafik OW

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