Freitag, Juli 19, 2024

Poet, Marxist, Priester – Ernesto Cardenal ist tot

Ernesto Cardenal ist tot

Er war eine Ikone der europäischen Linken. In Nicaragua kämpfte er unermüdlich für die Armen und Unterdrückten. “Stärker als der Glaube treibt mich die Hoffnung an und noch stärker als die Hoffnung die Liebe”, sagte Ernesto Cardenal.

Managua, 02. März 2020 / Der Poet, marxistische Revolutionär und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal ist 95-jährig an Nieren- und Herzversagen verstorben. Zu Lebzeiten war er das intellektuelle Aushängeschild der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Als idealistischer Dichter träumte er vom Himmelreich in sozialistischen Kommunen, als Kulturminister seiner mittelamerikanischen Heimat trieb er die Alphabetisierung der armen Landbevölkerung voran. Zuletzt war er ein erbitterter Gegner seiner einstigen Genossen.

“Mit dem Tod von Ernesto Cardenal verlieren wir einen bedeutenden Fürsprecher und Anwalt der Armen. Mit ihm ist eine einflussreiche Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in Lateinamerika verstummt”, sagte der Hauptgeschäftsführer des deutschen katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Pater Michael Heinz.

“Marxist und Christ”

Der Mann mit den langen weißen Haaren und der Baskenmütze war eine der schillerndsten Figuren Lateinamerikas. Er nannte sich selbst “Sandinist, Marxist und Christ”. Für Linke war er seit dem Sturz der Somoza-Diktatur 1979 der Beweis dafür, dass sich Christentum und Marxismus nicht widersprechen.

Damals hatte ein Bündnis den seit 1936 an der Macht klebenden Familien-Clan aus dem Land getrieben. Erstmals in der Geschichte erkämpften Christen und Kommunisten gemeinsam einen Machtwechsel. Katholische Konservative sahen in Cardenal indes den gefährlichen Vorkämpfer einer falschen Bibelauslegung.

Konflikt mit dem Papst

Weil er wie zwei weitere Geistliche ein Ministeramt in der Revolutionsregierung übernommen hatte, verbot ihm Papst Johannes Paul II. 1985 die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Das fand der Gescholtene zwar “völlig ungerecht” – schließlich habe die Bischofskonferenz den Schritt genehmigt. Unternehmen wollte er jedoch nichts gegen die Bestrafung. Selbst nachdem Ex-Außenminister Miguel D’Escoto den Papst gebeten hatte, wieder das Priesteramt ausüben zu dürfen, und Franziskus dem Wunsch sofort entsprach.

Cardenal reagierte, wie es seine Art war – stoisch-stur und auch immer ein bisschen provozierend: “Mein Priesteramt ist von anderer Art, deshalb ist es nicht nötig, die Aufhebung der Sanktion zu betreiben.” Punkt.

Versöhnung durch Franziskus

Im Februar 2019 hob Franziskus das Verbot dennoch auf. Eine späte Geste der Versöhnung. Cardenal hatte mehrfach Sympathien für den ersten Papst aus Lateinamerika bekundet: “Er ist dabei, die Dinge im Vatikan auf den Kopf zu stellen. Nein, genauer ausgedrückt: Er stellt die Dinge, die verkehrt herum stehen, wieder auf die Füße.”

Die Revolution frisst ihre Kinder

Gerade für die europäische Linke war Cardenal eine Ikone der sandinistischen Revolution, doch mit seinen früheren Genossen wollte er nichts mehr zu tun haben. “Es ist nichts geblieben von der Revolution”, klagte Cardenal. 1979 hatte Daniel Ortega an der Spitze der Sandinisten den damaligen nicaraguanischen Diktator Anastasio Somoza Debayle, genannt Tachito, gestürzt und Cardenal zum Minister gemacht. Doch seit Ortega 2007 erneut an die Macht gekommen sei, habe er sich das Land zur Beute gemacht, sagte Cardenal. “Es ist eine Diktatur von Daniel Ortega, seiner Frau und seinen Kindern, die sich schamlos bereichern.”

Ortega, der im Jänner 2017 seine vierte Amtszeit antrat und seine ganze Familie mit wichtigen Posten versorgte, war zuletzt der Lieblingsfeind des streitbaren Schriftstellers. Trotz seines schlechten Gesundheitszustandes bezog er während der monatelangen Proteste gegen die Regierung mit mittlerweile Hunderten Toten klar Position.

Staatstrauer für einen Kritiker

“Die Unterdrückung, die wir erleben, bereitet mir großes Leid. Es gibt Massaker und Verhaftungen, Entführungen und Folter”, sagte er zuletzt. “Wir wollen eine andere Regierung, eine demokratische Republik.” Trotz seiner scharfen Kritik an Ortega ordnete die Regierung eine dreitägige Staatstrauer an.

(dpa/APA/KAP/tw)

Titelbild: ZackZack/ow

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