Dienstag, Februar 7, 2023
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Jetzt spricht die ATB-Belegschaft: „Vom Basti hört man null, kein Wort“

„Vom Basti hört man null, kein Wort“

360 Personen verlieren bei der ATB in der Obersteiermark ihren Job. Der Betrieb galt bisher als Lebensader für die wirtschaftlich schwer unter Druck stehende Region. ZackZack sprach mit gekündigten Arbeitern, sie sehen zwei Verantwortliche: Die chinesischen Besitzer und die Bundesregierung. Letztere schweigt, bei ZackZack sprechen die Betroffenen.

 

Wien/Spielberg, 29. August 2020 | Das ATB-Werk in Spielberg, eine Lebensader der Obersteiermark, sperrt zu. Die chinesischen Eigentümer des Mutterunternehmens „Wolong“ übersiedeln nun endgültig nach Polen und Serbien, dafür nutzte man – auf Kosten der Steuerzahler – eine Lücke im Insolvenzrecht aus, ZackZack berichtete. Die Politik schweigt weiterhin: Weder von Kanzler Kurz, Vize-Kanzler Kogler oder Arbeitsministerin Aschbacher kam bisher ein Wort zum Kahlschlag. Das empört die Region fast noch mehr als die wenig überraschende Werksschließung.

„Vom Basti hört man kein Wort“

Die Empörung gilt auch für den ATB-Beschäftigten Manfred Schuster. Er ist 56 Jahre alt und seit 34 Jahren im Betrieb. Noch keinen Tag in seinem Leben war er arbeitslos. Das jetzige Ende sei absehbar gewesen:

„Ich arbeite seit 12 Jahren im Wareneingang, da bekommt man einiges mit. Seit „Wolong“ da ist, passierte einfach nichts mehr, Lieferanten wurden nicht bezahlt, nichts wurde investiert. Jeder sagte: Irgendwann sperren wir zu. Ich habe es erwartet, es war bewusst herbeigeführt.“

Der Bundesregierung wolle er via ZackZack etwas ausrichten:

„Viele in der Obersteiermark haben sicher auch unseren Basti gewählt, die sind jetzt ordentlich irritiert, das kann ich dem Kanzler sagen. Denn vom Basti hört man nichts, null, kein Wort. Aber vorher haben wir auf Staatskosten die Chinesen unterstützt. Die Regierung sollte sich mal Gedanken machen, wie es dem kleinen, armen Bürger geht. Bald gibt es viele Sozialfälle mehr, aber es geht ihnen nur um ihre großen Freunde.“

Von Wolong benutzt und fallen gelassen

Schuster erklärt sich die Entwicklung in den letzten zehn Jahren so:

„Die Chinesen haben uns gekauft, um am europäischen Markt Fuß fassen zu können. Dann wurden die Lohnkosten gedrückt, man produziert jetzt in Serbien. Die ATB in der Steiermark schob bestimmt einiges an Geld auch dorthin.“

Ähnlich sieht es Biela Alexander. Er ist 31 Jahre alt und begann 2005 als Lehrling bei der ATB. Mittlerweile ist auch seine Frau beim Motorhersteller beschäftigt: „Wir haben unseren Kinderwunsch nun auf unbestimmte Zeit verschoben.“ Er sieht in erster Linie die Wolong-Gruppe verantwortlich, aber auch die Politik. Von der Regierung „sieht man nix und hört man nix, vielleicht weil Spielberg rot ist“, spekuliert er.

Ende Juli habe Alexander einen Anruf bekommen, er und seine Frau waren gerade im Urlaub. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass ihre Jobs weg seien. Heute wurde ihm mitgeteilt, dass der August-Lohn nicht kommen werde:

„Die Begründung ist stark: Das Personalbüro kann aus Datenschutzgründen nichts an die Insolvenzverwaltung weitergeben. Deshalb gibt es einfach kein Geld mehr. Das geschah natürlich auf Anordnung der Geschäftsführung. Der neue Geschäftsführer (seit 2 Jahren im Betrieb, Anm.) führt ohnehin nur mehr das Kommando der Chinesen durch, und dieses Kommando heißt Schließung.“

Er hoffe, in Knittelfeld bleiben zu können, er wisse er aber nicht, was die Zukunft bringe.

Insolvenzrecht muss repariert werden

Frau Köckinger ist im 35. Arbeitsjahr bei der ATB, es wird ihr letztes sein. Sie befürchtet Schlimmes für die Region Obersteiermark: „Es ist ein enormer Kahlschlag in der ganzen Obersteiermark, ganze Familien mit Kleinkindern kriegen keinen Lohn mehr. Die Arbeiterkammer sagt, sie wird für jene Familie einspringen, die ganz schlimm betroffen sein werden. Ich weiß ehrlich nicht, wie es in der Obersteiermark weitergeht, vor allem wenn viele Betriebe diese Technik nun nachahmen werden. Und das wird passieren, wenn das Gesetz so bleibt.“

Sie sieht „in erster Linie die Politik in der Verantwortung. Es müssen Gesetze geändert werden.“ Köckinger verweist auf das Schlupfloch im Insolvenzrecht.

„Wenn man es gesetzlich ermöglicht, ist klar, dass sich die Chinesen dann einschleichen. Österreich wird zum Ausverkaufsland. Wir schimpfen über andere, aber sind selbst am besten Weg dazu, bald gehört nicht mehr viel uns.“

Um die Obersteiermark macht sie sich enorme Sorgen: „Auch hinter’m Semmering leben noch Menschen, das sollte sich die Politik hinter die Ohren schreiben. Man konnte wegen Corona sofort Gesetze ändern, warum schafft die Politik das jetzt nicht im Sinne der Arbeiter aus der Obersteiermark? Die Regierung müsste jetzt einspringen: Wir hätten Aufträge ohne Ende und alle wollen wir arbeiten, aber wir dürfen nicht.“

Wie geht es weiter hinter’m Semmering?

Sie werde in der Obersteiermark bleiben. „Wir haben hier ein Haus gebaut“, aber für die Jugend gebe es zu wenig keine Perspektive: „Was soll ich meinem Sohn sagen? Hör’ auf mit der HTL, es hat eh alles keinen Sinn mehr? Es wäre doch schön, wenn wir auf diesen schönen Platz Erde bleiben könnten.“

Wie sieht das die Jugend? Sabrina Haingartner ist 17 Jahre und Tochter einer ATB-Arbeiterin, auch ihr Vater verliert gerade seinen Job. Sie besucht die HLW. „Es ist ein Wahnsinn, wie viel Druck auf den Eltern lastet, wir haben Kredite zu zahlen. Mama ist jetzt 48 Jahre, arbeitete 26 Jahre bei der ATB.“ Sie will auch nach ihrer Ausbildung in der Obersteiermark bleiben. Wird sie einen Job finden? „Ich hoffe es. Aber Steine liegen viele im Weg.“

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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