Freitagabend am Karlsplatz

Zwischen ACAB und moderatem Verständnis

Das Verhältnis zwischen Polizei und jungen Leuten ist nach der Räumung des Karlsplatzes angespannt. Gestern zeigte die LPD Wien verstärkt Präsenz, ließ die Feiernden aber gewähren. Beide Seiten gingen sich aus dem Weg und es wurde ein friedlicher, langer Juniabend.

 

Wien, 12. Juni 2021 | „Ich glaube, heute bleibt’s ruhig“, sagt ein blonder Jüngling, der sein Rad durch den Resselpark beim Karlsplatz schiebt. Die Polizei könne sich nicht erlauben, noch einmal so hart durchzugreifen, auch gebe es keinen Grund dafür.

Wie so oft in den letzten Wochen genießen Dutzende Jugendliche den lauen Freitagabend. Diesmal allerdings unter verstärkter Überwachung der Polizei – vor einer Woche räumte die Polizei in voller Montur das Areal und verhängte ein Platzverbot, das laut Einschätzung von Experten wohl rechtswidrig war.

„ACAB“ steht nun in großen Lettern auf dem Baukran beim Wien Museum, „All Cops Are Bastards“. Es ist ein angespanntes Verhältnis seit der Eskalation, die laut Innenminister Nehammer „200 gewaltbereite Autonomen“ provoziert hätten. Videos und Augenzeugenberichte belegen das Gegenteil, auch die Polizei konnte keine Beweise für Nehammers Aussage liefern.

Um 21 Uhr ist es noch relativ ruhig – das mag an der verlängerten Lokal-Sperrstunde um 24 Uhr liegen, oder am Auftakt der Fußball-EM. Die, die da sind, sind überwiegend unbeeindruckt von den drei mobilen Überwachungswägen und der Polizeipräsenz bei den Eingängen zum Kirchenvorplatz und Resselpark. Aufgrund der „ruhigen Lage“ kamen diese nicht zum Einsatz, wird es später von der Polizei heißen. Anders als vor einer Woche werden diesmal auch die Abgänge zum Donaukanal überwacht, nicht aber gesperrt.

Freitag, 21 Uhr. „ACAB“ steht in großen Lettern auf dem Baukran.

“Nur unnötig“

„Gewalt ist immer scheiße. Beide Seiten haben dazu beigetragen, aber das war einfach nur unnötig“, sagt der Blonde. „Ich versteh schon, dass die Polizei jetzt wegen Corona Präsenz zeigt, aber die Überwachung des ganzen Platzes ist übertrieben.“

Heute geht man sich aus dem Weg, so gut es geht. Nur sehr vereinzelt gehen Polizisten durch die friedliche Menschenmenge, meist bleiben sie bei ihren Autos. Auch gegen die mobilen Bierverkäufer, der Polizei und Stadt auch schon seit Jahren ein Dorn im Auge, unternimmt man heute nichts. Wiewohl die äußerst diskret vorgehen. „Will jemand Bier?“ flüstert einer bei den Stiegen der Karlskirche. Er findet seine Kunden.

Mobile Videoüberwachung der Polizei. Sie blieb laut LPD Wien den ganzen Abend lang ausgeschaltet.

Zwei Mittzwanziger, etwas weg vom Schuss auf Parkbänken, wundern sich noch immer über die Eskalation. „Ich bin an diesem Abend vorbeigeradelt und habe mich gewundert, dass keine Leute mehr da waren. Stattdessen viel mehr Müll als sonst am Boden.“ Er habe erst am nächsten Tag gelesen, was los war. „Die Absurdität des ganzen dürfte ihnen selbst aufgefallen sein, nachdem das Platzverbot ja schnell wieder aufgehoben wurde“, sagt er. Er rechnet nicht damit, dass so etwas noch einmal passiert.

„War schockiert“

Nicht ganz so sicher ist sich die junge Studentin, die bei einer mobilen Bar hinterm Teich steht. „Ich war schon schockiert vom Vorgehen der Polizei. Das hätte auch anders ausgehen können, mit einer Massenpanik“, sagt sie. Ein mulmiges Gefühl habe sie schon ein bisschen, aber sie will heute nicht so lang bleiben.

Entspannter sieht es ihr Kollege (22). Er war am Abend der Eskalation hier, es sei entspannt gewesen, „wie in den Vorwochen auch“. Wegen der Matura waren vielleicht etwas mehr Leute da als sonst. „Als immer mehr Polizei kam und sich besprochen hat, wusste ich, die werden den Platz räumen“, sagt er und ging etwas früher als seine Freunde. „Ich hab schon geahnt, dass sie den Platz räumen, aber nicht so.“

Ausgelassene Stimmung, viele Müllcontainer, allein die Toilettensituation ist noch unzureichend.

Die Polizeipräsenz sei ja „irgendwo auch verständlich“, räumt er ein: „Es ist immer noch Corona. Wenn aber die Polizei mit Corona-Leugnern mitläuft auf Demos, die verboten sind, dann wundert man sich schon.“ Nachsatz: „Aber das waren ja Erwachsene, die kann man nicht so einfach zusammenknüppeln wie 16-Jährige.“ Dass heute etwas passiert, glaubt er nicht: Gerade wegen der Videoüberwachung. Und weil die Polizei und ihr Verhalten nun selbst unter Beobachtung steht.

Ein Student, der bis vor kurzem auf Auslandssemester in Lyon war, sieht das ähnlich: „Es ist nicht voller oder lauter als vor der Pandemie. Und es ist nun mal eine Stadt, wo es auch mal laut sein kann.“ Im Übrigen glaubt er, dass die meisten der Leute hier die 3G-Regeln erfüllen, weil sie zuvor in einem der Lokale gefeiert haben. Die Eskalation vom letzten Freitag sieht er differenziert: „Sicher haben beide Seiten Fehler gemacht. Wirklich aggressiv war keiner, es hat sich aber hochgeschaukelt.“

Etwas lauter um Mitternacht

Gegen Mitternacht steigt der Lärmpegel etwas, weniger wegen der mitgebrachten Lautsprecher, sondern wegen des bunten Stimmengewirrs. Dieses konzentriert sich aber auf den Bereich beim Teich, schon wenige Schritte beim Anfang der Argentinierstraße ist nicht mehr viel zu hören.

Mehr noch als zuvor erinnert die Stimmung an ein Festival: Der Altersdurchschnitt ist deutlich unter 20, viele spielen Beerpong und Flunkyball, manche haben schon zu tief ins Dosenbier geschaut. Die Leute sind aufgekratzt und motiviert, von „gewaltbereiten Linksautonomen“ und Sachbeschädigung aber keine Spur.

Die große Mehrheit bringt ihren Müll in die zusätzlich aufgestellten Container. Allein die Toilettensituation ist nach wie vor unzureichend, es gibt nur einen kleinen WC-Container, was sich etwa bei einem kurzen Gang um die Karlskirche negativ bemerkbar macht. Das Problem besteht seit Jahren, hier wäre die Stadt gefordert.

„Verstehe, dass die Jungen raus wollen“

Bevor die letzte U-Bahn um halb 1 fährt, ziehen einige davon, ein gar nicht so kleiner harter Kern bleibt. Wegen der nun geschlossenen Lokale kommen fast im Minutentakt Gruppen auf den Karlsplatz, aber überfüllt ist der er keinem Zeitpunkt. „Da bewegt sich nicht mehr viel heute“, sagt ein junger Deutscher mit einer Flasche Jägermeister in der Hand, und es bleibt unklar, ob er die Polizei oder das Nachtleben meint.

Auch nach Mitternacht ist noch viel los. 

Eine 64-Jährige mit Glockenhut spaziert über den Platz. Sie komme eigentlich aus Graz, ist aber für ein Seminar in Wien, sie unterrichtet Eurhythmie an einer Waldorfschule. Die „Kleine Zeitung“ habe „nur ganz klein“ über den Polizeieinsatz berichtet, kritisiert sie. „Dabei ist es so wichtig, dass man die jungen Leute rausgehen lässt. Ich verstehe das voll und ganz, dass sie raus wollen.“ Der Mensch sei nun mal kein Einzelwesen. Sie merke selbst, wie gut es ist unter Leuten zu sein.

Anderswo entsteht um 1 Uhr morgens ein kleiner Streit zwischen einem Obdachlosen, der seine Ruhe will und um sich schlägt, und ein paar Jugendlichen, die nicht einsehen, so viel Abstand zu ihm halten zu müssen. Die Polizei ist aber schon da und vermittelt. Ein paar Schritte weiter tanzen drei junge Frauen ausgelassen, eine in einer Hand die Boombox, in der anderen das Dosen-Ottakringer. „I wanna have the time of our life. Give me the time of our life”, schallt Pitbulls Pophymne, und sie singen inbrünstig mit.

Florian Bayer

Titelbild: APA Picturedesk

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