Es ist ein Wendepunkt im blutigen Krieg, der Syrien seit acht Jahren im Würgegriff hält. Nachdem US-Präsident Donald Trump letzte Woche seinen kurdischen Verbündeten den Angriffen von Erdogans Armee auslieferte, greifen die nun zum letzten verbliebenen Mittel: Gestern verkündeten die kurdischen Milizen, dass sie einen Deal mit Syriens Machthaber Baschar al-Assad geschlossen haben. Damit stehen die Kurden nun auf Seiten Russlands.

Wien/Washington, 14. Oktober 2019 / „Ich schäme mich!“ Das sagte ein Offizier einer US-amerikanischen Eliteeinheit, der ungenannt bleiben möchte, gestern zur „New York Times“. Er und seine Einheit mussten vergangene Woche auf Befehl von Präsident Trump ihre Stellungen im Norden Syriens räumen. Die kurdischen Milizen, die jahrelang die Hauptlast des amerikanischen Kampfes gegen die islamistischen Terrorkrieger von ISIS trugen, sind damit schutzlos ihrem schlimmsten Feind ausgeliefert.

Auf der Flucht vor Erdoğans Truppen

Seit dem Rückzug der Amerikaner zerbröselt die Abwehr der kurdischen Kämpfer unter den Angriffen der türkischen Armee. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan betrachtet die Kurden, die er auch im eigenen Land seit Jahren bekämpft, als Terroristen. Solange die USA ihre schützende Hand über ihre Verbündeten hielten, waren die Kurden in Syrien für Erdoğan unangreifbar. Doch nun ist alles anders.

Zwar hatte Trump noch letzte Woche in Richtung Türkei gedroht, wer immer die syrischen Kurden angreife, werde von ihm „wirtschaftlich vernichtet“. Doch der Präsident ist offenbar nicht bereit, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Er lässt dem NATO-Verbündeten Türkei freie Hand. Angesichts der gewaltigen Übermacht der türkischen Armee suchen die Kurden nun ihr Heil in der Flucht. Die führt sie geradewegs in die Arme des syrischen Langzeitmachthabers Baschar al-Assad. Der Diktator ist ein eingeschworener Feind der USA, im Bürgerkrieg konnte er sich nur dank russischer Militärhilfe an der Macht halten.

Karte:Liveuamap bearbeitung ZackZack

Wettlauf um Syrien

Syrische Regierungstruppen strömen seit Sonntag Abend nach Norden, um „die türkische Aggression zu bekämpfen“, wie es gestern hieß. Heute Früh waren Assads Truppen nur noch sechs Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. In diesem Augeblick findet ein Wettlauf zwischen syrischer und türkischer Armee sowie mit ihr verbündeter Milizen zu den wichtigsten Städten Nordsyriens statt.

Amerikaner fürchten Freilassung von ISIS-Gefangenen

Während die Welt gebannt zusieht, wie die wichtigsten Verbündeten der USA sich gezwungen sehen, zu deren schlimmsten Feinden überzulaufen, fürchtet die amerikanische Öffentlichkeit vor allem, dass Gefangene entkommen könnten. Im Auftrag der USA hatten die syrischen Kurden tausende ISIS-Kämpfer gefangengehalten. Die könnten nun freikommen. Das würde vor allem die Terrorgefahr für Europa erhöhen. Etwa 2000 der gefangenen Kämpfer kommen aus dem Ausland, viele davon aus Europa.

Was niemanden so recht zu kümmern scheint: Einem Frieden ist Syrien durch den Abzug der Amerikaner keinen Schritt näher gekommen. Im Krieg um das Land am Mittelmeer kam bisher rund eine halbe Million Menschen ums Leben. Etwa 12 Millionen Syrer sind auf der Flucht – die meisten davon im Land selbst.

(tw)

Titelbild: BULENT KILIC / AFP / picturedesk.com

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