Droht Kollaps in der 24-Stunden-Betreuung?

Der anhaltende Corona-Ausnahmezustand bringt für die häusliche 24-Stunden-Betreuung große Herausforderungen mit sich: Personenbetreuerinnen, die zu 98 Prozent aus dem Ausland kommen, können weder ein-, noch ausreisen. Zuletzt warnte die Ärztekammer vor dem Zusammenbruch des 24-Stunden-Pflege-Systems. Während eine bundesweite Lösung des Problems noch ausbleibt, basteln Länder und Agenturen an Einzellösungen.

Wien, 22. April 2020 | In Österreich nehmen rund 30.000 Menschen die Dienstleistung der 24-Stunden-Betreuung in Anspruch. Die dafür rund 60.000 selbstständigen Personenbetreuerinnen kommen allesamt aus dem Ausland: rund die Hälfte davon aus Rumänien, ein Drittel aus der Slowakei, weitere aus Kroatien, Ungarn, Bulgarien, Polen, Tschechien, Slowenien und Lettland. Nur 964, also 1,6 Prozent, haben einen österreichischen Pass.

Aufgrund der Corona-Maßnahmen ist für viele eine Ein- oder Ausreise bisher unmöglich gewesen, ZackZack hat bereits berichtet. Seit Wochen soll eine österreichweite Lösung in Arbeit sein. Zunächst hieß es, das Gesundheits- und Außenministerium seien darum bemüht. Derzeit verweist das Gesundheitsministerium auf die WKO, die an einem gangbaren Prozedere arbeitet. Bisher fehlt die bundesweite Lösung allerdings: die Lage schein sich zuzuspitzen, denn die Betreuerinnen gelangen, wie angenommen, an ihre körperlichen und psychischen Belastungsgrenzen.

Ärztekammer warnt vor Zusammenbruch

Die Ärztekammer warnte in einer Aussendung, gemeinsam mit der Uni-Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie Graz, am vergangenen Wochenende vor einem Zusammenbruch des 24-Stunden-Pflege-Systems in den kommenden zwei Wochen. Edgar Wutscher, Praktischer Arzt und
Bundesobmann der Sektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer, erklärt im Gespräch mit ZackZack die Beweggründe der Aussendung.

Ihm und seinen Kollegen sei als Allgemeinmedizinern aufgefallen, dass es zunehmend Probleme gäbe – und er sehe es in seiner Verantwortung, darauf aufmerksam zu machen. Die Zeit, über die eine derartige Belastung auszuhalten ist, sei begrenzt:

„Für mich ist das unvorstellbar und extrem lobenswert, wie diese Betreuerinnen 24 Stunden in der Pflege da sind. Sie haben nur ein bis zwei Stunden am Tag frei und halten das vier Wochen lang durch. Das alleine ist schon eine unvorstellbar großartige Leistung. Jetzt ist die Situation schwierig, niemand kann herauf, niemand kann hinunter, und die Betreuungsintervalle wurden daher verlängert – aber das hält ja kein Mensch aus. Da merkt man jetzt schon die Belastung: Wie man das sechs Wochen aushalten kann ist ja ein Wunder.“

Keine Lösung vom Bund, aber gezwungener Maßen viele Einzellösungen

Die bundesweite Lösung des Problems fehlt derzeit noch. Was es allerdings gibt, sind viele Einzellösungen auf Ebene der Länder oder der Vermittlungsagenturen. Die Wirtschaftskammer und das Land Niederösterreich griffen zur Selbsthilfe und organisierten einen Flug für 250 Betreuerinnen aus Rumänien und Bulgarien, das Burgenland ließ Pflegerinnen aus Kroatien einfliegen.

Die Wirtschaftskammern Wien und Niederösterreich starten ab kommender Woche mit einer Initiative, die eingereisten Personenbetreuerinnen Drive-in-Tests und die Unterbringung in Wiener Hotels ermöglichen soll, um so eine zweiwöchige Quarantäne zu vermeiden. Die Sprecherin der Gemeinnützigen GmbH ISL – Pflegedienst erzählt im Interview mit ZackZack von der agentureigenen Lösung:

„Über den Landweg können die BetreuerInnen einreisen und das sieht so aus: ein Transportunternehmen mit dem wir auch ohne Coronazeiten zusammenarbeiten, bringt die BetreuerInnen in Kroatien an die Slowenische Grenze, dann gehen sie zu Fuß hinüber und werden dort wieder von einem slowenischen Transportunternehmen, die sich mit dem aus Kroatien koordinieren, aufgesammelt. Sie fahren die BetreuerInnen wieder an die Grenze, dort gehen sie wieder zu Fuß rüber, um dann mit Taxis zum nächsten Bahnhof in der Steiermark zu gelangen, von dort geht es mit dem Zug zu unserem Quarantänehotel.“

Für die Hotel- und Verpflegungskosten kommt die Agentur zusammen mit ihren Kunden auf. Ab kommender Woche werde ein Arzt die Betreuerinnen testen, sodass die Quarantäne-Zeit und damit auch die Zeit im Hotel verkürzt werde, was Anklang bei den Betreuerinnen findet, sodass wieder mehr die Einreise wagen würden.

Tests brächten Entlastung

Diese beiden Beispiele des ISL Pflegedienst und der WKO zeigen mögliche bundesweite Lösungen auf, wie sie auch bereits von mehreren Seiten – darunter Ärztekammer oder Volksanwalt Bernhard Achitz – gefordert werden: flächendeckende Tests bei der Ein- und Ausreise der Personenbetreuerinnen. So würden einerseits keine zusätzlichen Kosten durch Quarantäne-Unterkünfte und Verpflegung entstehen, andererseits hätten die Personenbetreuerinnen keinen zweiwöchigen Verdienstentgang (Quarantäne ist natürlich unbezahlt) – und müssten darüber hinaus bei einem Test kurz vor der Ausreise zurück ins Heimatland auch dort nicht in Quarantäne.

ZackZack hat mit einer Personenbetreuerin aus der Slowakei gesprochen. Sie ist seit mittlerweile acht Wochen in Österreich. Sie müsste die Kosten sowohl von Tests, als auch einer allfälligen Quarantäne in ihrem Heimatland selbst tragen:

„Es gibt keinen Zug in die Slowakei. Ich müsste nach Wien fahren, von dort aus ein Taxi an die Grenze nehmen, um dann zu Fuß über die Grenze zu gehen. Dann müsste ich mit dem Bus in die Stadt, um dort in Stadtquarantäne zu gehen. Da sind zwei bis drei Menschen in einem Zimmer untergebracht: eine Kollegin hat sich in der Quarantäne sogar angesteckt. Ich bin selbst 60 Jahre alt und habe Angst, mich dort anzustecken. Außerdem müsste ich für die 14-tägige Quarantäne in der Slowakei selbst bezahlen, das darf ich nicht zuhause machen. Das zusammen kostet alles viel Geld: Ich müsste alles selbst zahlen, auch wenn ich einen Test machen möchte. 200 Euro in Wien für einen Test, 70 Euro in der Slowakei, dann Zug, Taxi, das ist viel Geld. Für uns ist es eine sehr schwere Zeit.“

Notfallpläne

Das Sozialministerium hat für den Fall, dass pflegende Angehörige ausfallen bzw. für den Fall des Wegfalls einer 24-h-Betreuungskraft 100 Millionen Euro aus dem COVID-Sonderfonds zur Verfügung gestellt. Hinsichtlich Maßnahmen für den Fall des Zusammenbruchs verweist das Gesundheitsministerium an die jeweiligen Länder. So zahlten die Länder zum Beispiel ausländischen Betreuerinnen, die ihren Turnus um vier Wochen verlängerten, eine Einmalprämie von 500 Euro aus.

„Zusammenbruch sehe ich nicht“

Andreas Herz von der Wirtschaftskammer sagte am Wochenende in der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“, er sehe keinen Zusammenbruch des 24-Stunden-Pflegesystems kommen. Aber es brauche eine Lösung zur Ein- und Ausreise: Die Wirtschaftskammer arbeite, so Herz, mit Ministerin Edtstadler und Staatssekretär Brunner an einer Zug-Transit-Lösung.

Roland Wallner, Pressesprecher des Hilfswerks, das ca. 1.700 Personenbetreuerinnen an Kunden vermittelt, sieht den Kollaps ebensowenig: Die Frauen würden nicht in Quarantäne und daher weder ein- noch ausreisen wollen, sagt er gegenüber ZackZack:

„Die Lage in der 24-Stunden-Betreuung ist derzeit relativ stabil. Das ist vor allem der unklaren Situation bei der Ein- oder Ausreise geschuldet, die dazu führt, dass der turnusmäßige Wechsel der PersonenbetreuerInnen in den meisten Fällen nicht stattfinden kann.“

Das Problem liegt im System

Die allgemeine Diskussion lenkt sehr viel Aufmerksamkeit auf eine sonst relativ unbeachtete Berufsgruppe und macht deutlich: Corona ist nicht das Problem, die derzeitige Krise macht das Problem nur sichtbar.

Österreich war bisher nicht im Stande, zahlreiche Gesundheits- und Pflegeberufe derart zu gestalten und zu entlohnen, dass die Betroffenen sich damit auch ein Leben in Österreich finanzieren können. Volksanwalt Bernhard Achitz sagte dazu in der ORF-Sendung „Bürgeranwalt“ am vergangenen Samstag:

„Das System, so wie es in Österreich aufgestellt ist, ist nicht optimal konzipiert, wenn diese wichtige Tätigkeit von Menschen übernommen werden muss, die um das Geld, das sie dabei verdienen, nicht in Österreich leben können.“

(lb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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