Eugen Freunds Wahlbeobachtungen

Erst Obama hat Trump möglich gemacht

Was ist los im US-Wahlkampf? Bis zur Präsidentschaftswahl am 03. November schreibt USA-Experte Eugen Freund wöchentlich über Tops, Flops und Trends. Zu lesen jeden Freitag bei ZackZack. Heute: Obama hat Trump möglich gemacht.

 

Eugen Freund

Wien, 16. Oktober 2020 | Zweieinhalb Wochen vor der US-Wahl ist die Ausgangslage ziemlich klar: Joe Biden, der Kandidat der Demokraten, führt, der Präsident ist deutlich abgeschlagen. Doch heisst das auch, dass das Kapitel „Trump“ damit beendet ist? Ganz sicher nicht. „It’s not over before the fat lady sings“, heisst es in einem populären Spruch, der sich auf die Oper bezieht, aber genauso gut auf Wahlen passt. In dem Fall ist es der „fat man“ und der hat seine letzte Arie noch nicht angestimmt.

Blickt man vier Jahre zurück, muss man sich die Frage stellen, wie konnte es überhaupt so weit kommen? Wie konnte ein Blender, ein fragwürdiger TV-Unterhalter, ein Ego- und Exzentriker, ein mehrfacher Pleitier, ein Frauen“held“, ein Übertreiber, ein Selbstverliebter – und das alles in einer Person – wie konnte sich so jemand ins Weiße Haus schwindeln? Alles, was kürzlich der USA-Experte Reinhard Heinisch im Podcast von Andreas Sator „Erklär mir die Welt“ aufgezählt hat (das Wichtigste: „ein Aussenseiter, der auf der Seite der Aussenseiter steht“ – oder zumindest so tut) war natürlich richtig. Dennoch hat Professor Heinisch einen wichtigen Aspekt unerwähnt gelassen: Donald Trump als Präsident wäre ohne Barack Obama undenkbar gewesen. Durch die Wahl eines schwarzen Kandidaten 2008 – und mehr noch durch dessen Wiederwahl 2012 – hatte der unterschwellige Rassismus in der weissen Unterschicht nach einem Ventil gesucht, um ihren Hass loszuwerden.

Trump war dafür die ideale Person: er hatte seinen Kampf gegen Obama schon sehr früh begonnen, indem er ihm vorwarf, gar nicht in den USA geboren zu sein und damit keine Legitimation für dieses hohe Amt zu haben. Wie sehr vor allem Afro-Amerikaner unter diesem Rassenhass leiden, konnte man immer wieder durch dramatische Vorfälle bestätigt sehen: von der Schiesserei in einer Kirche in Charleston im Bundesstaat South Carolina im Jahr 2015, bei der neun Menschen ums Leben kamen, bis hin zu den jüngsten Polizeiübergriffen.

Zugute kam Trump natürlich auch noch, dass er ein Fernsehstar war: kein wirklich sympathischer (sein ständiger Slogan war: „You’re fired!“ – wer wird schon gerne irgendwo rausgeschmissen?), dennoch identifizierten sich Millionen von Zusehern mit ihm, vielleicht, weil sie gerne in die Lage versetzt worden wären, jemanden zu entlassen…

Das Radio auf der Seite von Trump

Auch wenn die liberalen Medien ihre Gegnerschaft zu Trump kaum verhehlen, es wäre ein großer Fehler anzunehmen, der Präsident hätte keine mediale Unterstützung. Im Fernsehen ist es „Fox News“, das der australisch-amerikanische Medienzar Rupert Murdoch Mitte der Neunziger Jahre gründete und längst das liberale „CNN“ überholt hat. Doch fast noch bedeutender sind die konservativen Radiosender, die pro Woche rund 15 Millionen Zuhörer haben. Haben diese Sender während meiner Zeit in Washington (1995 – 2001) vorwiegend traditionelles republikanisches Gedankengut verbreitet, sind sie danach mehr und mehr nach rechts aussen abgedriftet. Rush Limbaugh oder Michael Savage lassen sich von Aussprüchen Donald Trumps füttern und dieser wiederum benützt das, was dort gesagt wird, um es dann in seinen Tweets weiter zu verbreiten. Populistische und nationalistische Sendungen und deren Gestalter sorgen vor allem für riesigen quantitativen Output: fest jedes ihrer Programme dauert drei Stunden, in denen gegen alles gewettert wird, was liberal erscheint. Das gibt, verteilt auf die einzelnen Sender, 45 Stunden pro Tag, wo geschimpft, gebrüllt, übertrieben oder einfach gelogen wird. Die Zielgruppe der Hörer deckt sich im Wesentlichen mit jenen Wählern, die Trump zumindest positiv gesonnen sind: meist sind das weiße, ältere Männer, die schlecht ausgebildet oder arbeitslos sind.

Gemeinsamer Auftritt im TV – und doch getrennt

Sie waren wohl auch dabei, als Trump am Donnerstag Abend im Fernsehen auftrat. So wie Biden. Doch es war keine Konfrontation, wie geplant, denn der Präsident hatte sich geweigert, nach seiner Corona-Erkrankung die Debatte nur virtuell abzuhalten. Weil aber Joe Biden am Termin festhielt, setzte die TV-Gesellschaft NBC für den gleichen Abend eine Konkurrenzveranstaltung mit Trump fest. Auf ABC diskutierte also der demokratische Präsidentschaftsbewerber ganz zivilisiert mit dem Moderator über die verschiedensten Themen, während im Konkurrenzsender Donald Trump seine Show abspulte. Ganz gelang ihm das nicht, denn die extrem gut vorbereitete Fragestellerin Savannah Guthrie fuhr ihm oft in die Quere. Sie wollte Details über seine Steuern wissen, über seine Erkrankung, die Covid-Tests, seinen Zugang zu Rechtsradikalen – und bekam immer nur – wie gewohnt – ausweichende Antworten.

Doch auch das wird Trump nicht schaden, aber aus seiner Sicht, ihm auch kaum nützen. Er muss den Rückstand, den ihm die Meinungsumfragen nachsagen, unbedingt aufholen, will er Präsident bleiben. Nächste Woche gibt es – aller Voraussicht nach – noch eine Chance. Da ist die letzte TV-Konfrontation der beiden Kandidaten angesetzt. Dann wird man sie gleichzeitig messen können. Bis dahin haben allerdings schon Millionen Amerikaner ihre Stimmen durch Briefwahl oder in vorzeitig geöffneten Wahllokalen abgegeben. Sie haben sich ihr Bild schon gemacht. Da bleibt dann Trump nur noch der Weg zum Obersten Gerichtshof, um gegen die „Stimmenbetrug“ Einspruch zu erheben. Und der wird nach der Wahl schon, ganz in seinem Sinne, von einer deutlich konservativen Mehrheit bestimmt sein.

Titelbild: APA Picturedesk

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