“Das ist doch kein Leben mehr!”

Einsamkeit und Isolation: Die letzten Lebtage im Altersheim

Warum wurden Alten- und Pflegeheime nicht ausreichend geschützt? – Diese Frage führte ZackZack in ein Seniorenheim, wo bereits einige Bewohner den Kampf gegen Covid verloren haben. Eine Pflegedienstleiterin gibt Einblicke in das Leben von Bewohnern, die zum Teil auch ohne Corona nicht mehr lange zu leben gehabt hätten – isoliert von ihren Liebsten.

 

Wien/Obdach 2. Februar 2021 | 56 Bewohner zählt die Seniorenresidenz in der steirischen Marktgemeinde Obdach an der Grenze zu Kärnten. Gabriele Schlögl, seit 30 Jahren als diplomierte Krankenpflegerin im Geschäft, leitet das Heim als Pflegedienstleitung. Gemeinsam mit ihren 50 Mitarbeiterinnen begleitet und pflegt sie – oft bereits demente – Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens.

„Ich kann die Frage, warum so viele Menschen in den Pflegeheimen sterben, ehrlich gesagt schon nicht mehr hören. Natürlich sterben sie hier, denn wo sonst hat man so viele Personen auf einem Fleck konzentriert, die durch ihr Alter und ihre Vorerkrankungen zu den absoluten Hochrisikogruppen gehören.

Wegsperren oder leben lassen?

Viel wichtiger sei es für Schlögl, diesen Menschen trotz aller Maßnahmen noch ein halbwegs erträgliches Leben zu bieten. Sie betrachtet es gemeinsam mit ihren Mitarbeitern als Aufgabe, diesen Menschen den letzten Lebensweg möglichst zu verschönern und mit Lebensqualität zu erfüllen. Der Fall eines im Zuge der Pandemie an Covid verstorbenen Bewohners, würde laut der Pflegeleiterin die schwere Situation gut beschreiben:

„Er hatte keinen Lebenswillen mehr. Er wollte in dieser Welt nicht mehr leben, weggesperrt von seiner Tochter, die er seit März nicht mehr umarmen konnte. Jedes Mal, wenn wir ihm den Sauerstoff angelegt haben, hat er ihn sich wieder abgenommen.“

2.500 Liter Sauerstoff hätte man im Zuge des Ausbruchs im Heim gebraucht, für Schlögl und ihr Team eine große logistische Herausforderung. Die Bewohner wurden in dieser Zeit noch mehr als sonst mit Medikamenten und Unmengen an Sauerstoff versorgt, zudem gedreht, gewickelt, gewaschen, gefüttert und häufig umgezogen. Bis Dezember hätte man es im Obdacher Heim geschafft, das Virus draußen zu lassen. Bei zunehmender Ausbreitung könne man es aber irgendwann nicht mehr verhindern:

„Wir hatten alle möglichen Schutzausrüstungen. Als wir am Morgen des 6. Dezember die ersten Fälle verzeichneten, hatten wir am Abend gleich 6 Fälle, weil die Bewohner auch schon vorher Kontakt zueinander gehabt hatten. Hinzu kommt, dass in dieser Zeit viele Menschen an Durchfall als eines der Symptome von Covid gelitten haben. Danach ging es Schlag auf Schlag.“

“Isolation im Altersheim unmöglich”

Isolation – laut Schlögl in einem Pflegeheim unmöglich. Demente Personen würden permanent vergessen, dass sie ihr Zimmer nicht verlassen dürfen. So müsste man sie wegsperren bzw. unerlaubt in ihrer Freiheit einschränken, um das zu unterbinden.

„Erklären Sie mal einem dementen Bewohner, dass er aus seinem Zimmer, das in diesem Fall nichts anderes als seine Wohnung ist, raus muss, weil wir hier eine Isolierstation einrichten wollen. Das ist so, wie wenn ich Ihnen sage, sie müssen ab jetzt bei Ihrer Nachbarin wohnen und essen.“

Auffallend wäre auch gewesen, dass demente Bewohner die Krankheit viel besser überstanden hätten als jene, wo der Kopf noch mitspielte. Denen sei es allein schon dadurch schlecht gegangen, dass sie wussten, dass sie nun Corona hatten und sich daher große Angst und Panik in ihnen breit machte.

„Das ist doch kein Leben mehr“

Man müsse anfangen, die ganze Krise auch aus der Sicht der Menschen zu sehen, die nur noch ein paar Monate oder aber auch einige Jahre zu leben haben:

„Wir waren so ein angenehmes, offenes Altenheim. Wir hatten ein Kaffeehaus, wo die Menschen aus dem Ort zu Besuch kamen. Jetzt gleicht es einem Gefängnis, die Menschen dürfen weder in den Arm genommen, noch gestreichelt werden, sollten zudem mit Abstand zu den anderen am Tisch sitzen und Mittag essen. Das ist doch kein Leben mehr.“

Die Pflegeleitung, gemeinsam mit einer Bewohnerin. Das Foto entstand im Rahmen einer Geburtstagsfeier vor Corona, als Kontakt noch möglich war. (Bild: Gabriele Schlögl)

“Es braucht mehr Geld und Personal”

Von der Politik und den Medien wünscht sich Schlögl, dass man mehr mit ihnen spricht und sich viel mehr in deren Lage hineinversetzt und nicht immer gleich mit dem Finger auf die Steiermark zeigt. Da würde es immer gleich heißen: „Warum sterben in den steirischen Altenheimen so viele Menschen?“ Das wäre laut Schlögl logisch, weil es in der Steiermark die größte Dichte an Alten- und Pflegeheimen gebe.

„Wenn wir alle in dieser Zeit mehr Geld und Personal zur Verfügung gehabt hätten, wäre das Management mit dem Virus sicher besser gewesen. Im Endeffekt kann man das Sterben in dieser Altersgruppe aber leider nicht verhindern.“

Deshalb will Frau Schlögl die Politik nicht für das Sterben in den Altenheimen verantwortlich machen. Versagt hätte sie, die Politik, hingegen in anderen Bereichen. Politiker würden mit den gegenseitigen Anschuldigungen eine Spaltung in der Gesellschaft vorantreiben. Dieser Aspekt mache der Pflegeleiterin viel mehr Sorgen.

92-Jährige schreibt sich Frust von der Seele

Corona und die Berichterstattung haben unter anderem dazu geführt, dass Frau Schlögl nach 30 Jahren ihren Beruf, den sie immer mit Herz ausgeführt hat, zu hinterfragen beginnt; und, ob sie dies noch bis zum Pensionsantritt aushalten kann. Zu belastend sei es, täglich 12 Stunden für Menschen da zu sein und nur das Beste für sie zu wollen, um dann schlussendlich doch für ihren Tod verantwortlich gemacht zu werden.

Um uns zum Abschluss noch die Stimmung im Heim näher zu bringen, sendete uns Frau Schlögl noch ein herzerwärmendes Gedicht einer 92-Jährigen Bewohnerin zu. Dieses trägt den Titel „Corona Quarantäne“:

Liebe Leut man glaubt es kaum, aber jetzt hot‘s auch uns dawischt und wir san alle eingsperrt in unsern Raum.

Draußen is grau, im Zimmer ists grau und mir kummts vor, das I boid das Programm im Fernsehen a neama long daschau. I lauf im Zimmer von rechts nach links, vom Bod und wieder zruck, aber es ändert sich nix, es wiad imma schlimma wenn I do huck.

Alloa dahoam, kann Freind, koa Familie, kann Hund und ka Kotz, es gibt koa „Mensch ärgere dich ned“ und auch koa Turnen mehr, kann Kontakt zu jemand aussen und scho goar net zu wen von draußen. Des is fürchterlich und I denk, Liaba Gott, wos is denn des für a Geschenk.

Vüle schlechte Zeiten hob ich in meinem Leben scho dalebt, aber mia kumt net vua, dass I scho irgend a schlechtere Zeit hob glebt. 

Alloan eingsperrt wia a Viech, koan Kontakt zu niemand wia im Häfn, Gott sog ma, wos hob I denn angstellt dass me diese Corona Quarantäne so hort duat treffen.

Mia san schoa testat negativ, also sa ma gsund, aber dos reicht anscheinend auch net aus um besser zu leben wia a Hund.

Vielleicht wird’s a boid besser or neit, I gloabs boid nimmer und bleib afoch in mein Bett.

(mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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