Sonntag, Juli 14, 2024

Siemens-General Hesoun dementiert Griff nach MAN Steyr

Jüngsten Berichten zufolge wurde Wolfgang Hesoun einer Investorengruppe zugerechnet, die sich MAN Steyr holen will. Laut Siemens ein „Missverständnis“. Wer ist der Mann, der als Österreichs einflussreichster Manager gilt?

 

Benjamin Weiser

Wien, 20. April 2021 | Die Schlacht um MAN Steyr ist nach Sigi Wolfs Scheitern längst nicht entschieden. Nach der vorerst gescheiterten Übernahme von Wolf steht eine konkurrierende Bietergruppe im Rampenlicht. Medial wurde bereits vor einigen Wochen über das Interesse einer Investorengruppe um Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer und Siemens-Chef Wolfgang Hesoun berichtet.

Doch nicht MAN-Investor

Der Linzer Unternehmer Karl Egger (KeKelit) tritt als Kopf der Bieter-Gruppe auf, doch seine kolportierten Investoren-Kollegen sind weit bekannter. Welche Rolle spielt Wolfgang Hesoun, Generaldirektor von Siemens Österreich und Aufsichtsratsboss der Casinos Austria (CASAG) in Personalunion? Anwalt Gerald Ganzger, der für das Egger-Konsortium spricht, dementiert Hesouns Beteiligung: „Er war nie dabei. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Für Siemens und Hesoun handelt es sich bei den Berichten um ein Missverständnis. Der Erhalt und die Stärkung des Industrie- und Wirtschaftsstandortes Österreich sowie damit notweniger Weichenstellungen seien regelmäßig Inhalt von Gesprächen mit diversen Stakeholdern, aber: „In die konkreten Verhandlungen und Gespräche im Zusammenhang mit dem MAN-Standort in Steyr war und ist GD Wolfgang Hesoun nicht eingebunden oder involviert.“ Wie Hesouns kolportierte Beteiligung Eingang in breite Berichterstattung finden konnte, bleibt offen. Mit Hesoun wäre ein angestellter Siemens-Generaldirektor gleichzeitig als MAN-Investor tätig gewesen. Die Compliance-Abteilung des Konzerns wollte sich auf Nachfrage nicht äußern.

Für den MAN-Betriebsrat sei der Schwerpunkt des Egger-Angebots auf nachhaltige Technologie und Regionalbezug grundsätzlich nicht schlecht, jedoch: „es liegt an der MAN“. Vonseiten der Bietergruppe heißt es, man hoffe auf Gespräche – dann wohl ohne den Siemens-Manager.

Aserbaidschan-Connection

Jedenfalls bewegen sich im Umfeld der Investorengruppe Personen aus einem Verein, den Hesoun seit vielen Jahren unterstützt: die Österreichisch-Aserbaidschanische Handelskammer ATAZ. Der Siemens-Manager ist als Kenner des autokratisch regierten Landes auch für die Geschäfte der dortigen Siemens-Niederlassung verantwortlich. Nachdem er Generaldirektor von Siemens in Österreich wurde, trat seine Firma als Mitglied der ATAZ bei, die immer wieder luxuriöse Essen und Reisen nach Aserbaidschan veranstaltet.

Präsident des Vereins ist Gerald Gerstbauer, der auch als Prokurist bei der IT-Firma ATOS fungiert. Dort wiederum sitzt Wolfgang Hesoun im Aufsichtsrat. Die beiden Herren kennen sich gut, da Gerstbauer schon Hesouns Onkel Josef als Ministersekretär gedient hatte. Gerstbauer wird auch als Teil der Investorengruppe genannt, gemeinsam mit Alfred Gusenbauer, der im Beirat der ATAZ sitzt. Ganzger, der Sprecher der Investorengruppe, ist mit seiner Kanzlei ebenfalls Mitglied bei ATAZ.

Von Rot zu Türkis

Wer ist der Mann, der laut „Industriemagazin“ Österreichs einflussreichster Manager ist? Lange galt der HTL-Ingenieur aus Mödling als SPÖ-nah. Onkel Josef Hesoun war Baugewerkschaftschef und von 1990 bis 1995 SPÖ-Sozialminister. Zu Alfred Gusenbauer, der Hesoun als pragmatisch lobt, hat er ein enges Verhältnis. Seit einiger Zeit hat sich Hesoun aber mit den neuen Machtverhältnissen arrangiert. So gut, dass Insider sagen, er sei jetzt „die Spinne im türkisen Netz“.

Kein Wunder, kontrolliert er als CASAG-Boss doch zumindest bis 2022 die scheidende Generaldirektorin und Ex-ÖVP-Vize Bettina Glatz-Kremsner, die im Zuge des Ibiza-Ausschusses in Bedrängnis geraten war. Als bekannt wurde, dass Glatz-Kremsner ihren Vertrag nicht verlängern wird, bedankte sich Hesoun via Aussendung persönlich für ihren „großen Anteil an der positiven Entwicklung der CASAG.“

Hesoun bei einer Pressekonferenz der Wiener Linien und Siemens im Jahr 2018. Farblich markiert der Hintergrund beispielhaft Hesouns Wandel im Lichte der geänderten Machtverhältnisse. Bild: APA Picturedesk.

Hesoun als Nachfolger von Rothensteiner – das soll laut Insidern die ÖVP-nahe PR-Beraterin Gabi Spiegelfeld eingefädelt haben. CASAG-Aufsichtsratskollege und Ex-ÖVP-Chef Josef Pröll soll auf Drängen von Hesoun wiederum Aufsichtsrats-Vize bei Siemens geworden sein. Seine Konzernsprecherin bei Siemens, Katharina Swoboda, war früher für Ex-ÖVP-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner tätig. Der ÖVP-nahe PR-Berater Wolfgang Rosam schätzt Hesoun sehr, er habe ihn zu dessen Porr-Zeiten PR-technisch betreut.

Sauschädel-Essen, Opernball, Jägerball: Hesoun ist gern gesehener Gast in der Wiener Schickeria, gilt als begnadeter Netzwerker. Und als Machtmensch. 2015 nahm er bei der sagenumwobenen Plauderrunde „Bilderberger-Konferenz“ in Tirol teil.

Kurz sucht Nähe zu Hesoun

Für Hesouns CASAG-Posten dürften seine gut gepflegten ÖVP-Verbindungen zumindest nicht geschadet haben. Umgekehrt ist der einflussreichste Manager Österreichs für die ÖVP naturgemäß wichtig. So sehr, dass Kanzler Sebastian Kurz auf Bitten von ÖVP-Großspender Klaus Ortner zu Hesouns 60. Geburtstagsparty kam, um dort eine Lobrede auf den Wirtschaftsboss zu halten. Auf Drängen von Kurz ist Hesoun auch Mitglied im Standort-Beirat der Regierung. Ziel des Beirats ist es, Großprojekte in Österreich schneller als bisher genehmigt zu bekommen.

Hesoun kennt Ortner aus Porr-Zeiten. Bevor Hesoun 2011 Siemens-General wurde, hatte er sich mit unangenehmen Ermittlungen auseinandersetzen müssen. Wie der „Trend“ berichtete, hatte sich der damalige Porr-Manager der Aussage bei seiner Einvernahme im Zuge der Terminal Tower-Affäre (einem Nebenstrang der Buwog-Affäre) entschlagen. In den Protokollen der abgehörten Meischberger-Telefonate kommt ein mit H. abgekürzter Porr-Vorstand vor. „Ich weiß, dass ich es nicht bin“, so Hesoun zum „Trend“.

Siemens zahlte 3.600 Euro pro Jahr für Spiegelfeld-Verein

Das wirtschaftspolitische Engagement des umtriebigen Managers geht, wie das Beispiel ATAZ zeigt, weit über seine Jobs hinaus. So ist er Teil des Vorstandes von „Österreich verbindet Welten“ – ein Verein von Gabi Spiegelfeld, in welchem auch die Spiegelfeld Immobilien GmbH Mitglied ist. Gabi Spiegelfeld war zu keiner Stellungnahme bereit. Jedenfalls ist Siemens neben einigen anderen Big Playern mit einer Mitgliedschaft im illustren Netzwerk verewigt. Was genau der Verein macht, außer ohnehin gut vernetzte Leute zu vernetzen, ist nicht sofort erkennbar. Ganze zwei Presseaussendungen vom Jänner 2020 gibt es bisher.

Über seine Sprecherin ließ Hesoun ausrichten: „Siemens Österreich ist seit 2018 Teil der Initiative ‚Marke Österreich‘ und seit Ende 2019/Anfang 2020 Mitglied des Vereins ‚Österreich verbindet Welten‘.“ Man wolle die Plattform nützen, um österreichische Expertise im In- und Ausland bekannter zu machen. Es gehe darum, den Wirtschaftsstandort und Österreichs Position am Weltmarkt zu stärken. Man habe in der Vergangenheit einen Mitgliedsbeitrag in der Höhe von 3.600 EUR pro Jahr gezahlt. „Träger/Unterstützer dieser/s Initiative/Vereins ist im Übrigen auch die Industriellenvereinigung (IV)“, so die Konzernsprecherin weiter.

Hesoun kennt die IV: er war Präsident der Wiener Landesgruppe, einige Zeit wurde er zudem als IV-Präsident für die Bundesorganisation gehandelt, unterlag aber Georg Knill. Dass das Hesouns letzter Versuch war, neue Posten auszuloten, glaubt ein Insider nicht: „Er ist da, wo die Macht ist. Und wo die Macht ist, ist er.“

Titelbild: APA Picturedesk

Autor

  • Ben Weiser

    Ist Investigativreporter und leitet die Redaktion. Recherche-Leitsatz: „Follow the money“. @BenWeiser4

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