Alt- und Neokanzler Kurz warb damit in fast jeder Fernsehdiskussion: Wasserstoff als Energieträger einer klimafreundlichen Zukunft. Konkret kann Kurz derzeit aber nur sogenannten „blauen Wasserstoff“ meinen. Als „blauer Wasserstoff“ wird derjenige bezeichnet, der mittels CO2-Abscheidung ausgerechnet aus Erdgas gewonnen wird. Das Abfallprodukt CO2 muss dann aber noch in geeigneter Weise gespeichert werden, was derzeit sehr teuer ist. Jede andere Methode ist derzeit großindustriell nicht verfügbar.

Wien, 11. Oktober 2019 / „Mit dem Einsatz von ‚blauem Wasserstoff‘ ist klimapolitisch nichts gewonnen. Die Technologie ist energieintensiv und es besteht das Risiko, dass das gespeicherte CO2 später wieder in die Atmosphäre austritt.“ Dieses vernichtende Urteil zur derzeitigen Wasserstoffstrategie fällte der Leiter Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe, Constantin Zerger.

Der ewige Durchbruch

Insider der Automobilindustrie erzählen gerne folgenden Witz: Die Wasserstofftechnologie ist seit 30 Jahren kurz vor dem Durchbruch. Und damit ist die Situation schon relativ klar beschrieben. Es fehlt viel für den wirklichen Durchbruch: ein umweltfreundliches Massenproduktionsverfahren, eine Verteilungsinfrastruktur, ein Kostenvorteil und die entsprechenden Anwendungen. Wasserstoff ist derzeit ein absolutes Nischenprodukt.

Morgengabe für Kurz?

Grünen-Chef Werner Kogler ließ in einer der Fernsehkonfrontationen mit der Aussage aufhorchen, dass Wasserstoff bei der VOEST eigentlich schon OK wäre, nicht aber bei den Autos. Als gestandener Umweltschützer sollte ihm eigentlich bekannt sein, dass Wasserstoff schon auf Grund seines Herstellungsverfahrens klimatechnisch ein absolutes No-Go ist. Die Absicht dahinter könnte natürlich gewesen sein, sich nicht gleich als Koalitionspartner aus dem Spiel zu nehmen. War das eine erste Morgengabe für Kurz?

Klimaschutz, Marktwirtschaft und die ÖVP

Josef Riegler, der ungeliebte Visionär und Ex-Parteichef der ÖVP kommt dieser Tage zu neuen Ehren. Seine Ökosoziale Marktwirtschaft ist plötzlich hipp. Der Druck auf Politiker aufgrund der immer deutlicher fassbaren Klimaerhitzung in Österreich steigt. Wasserstoff ist für die Werbestrategen der ÖVP eine elegante Methode, die Pfründe der Erdöl- und Erdgaslobby zu verteidigen und sich dabei noch ein grünes Mäntelchen umzuhängen.

Ist ÖVP Klimakatastrophe egal?

Die Klimaerhitzung ist für die Türkisen, so scheint es, ein unwichtiges Thema. Das haben die Eigeninitiativen der Kurz-Vertrauten und Ex-Umweltministerin Köstinger gezeigt – es gab nämlich keine. Das Klimaprogramm der letzten Regierung blieb auf Ankündigungen und der notgedrungenen Umsetzung europäischer Vorgaben beschränkt. Die Grundhaltung der ÖVP: Nichts tun, was die Wirtschaft und die konventionelle Landwirtschaft bremsen könnte. Die Gesellschaft hat sich der Marktwirtschaft anzupassen. Josef Riegler und seine visionäre Wirtschaftspolitik leisten als PR-Gag ihren Dienst.

Vom Feigenblatt und anderen Nebelgranaten

So wurde also das Feigenblatt Wasserstoff für den Wahlkampf 2019 erfunden. Mit Erfolg: Dieses Feigenblatt ist scheinbar groß genug, um die Grünen dahinter zu verstecken. So sie Koalitionspartner werden. Eigentlich können an diesem Punkt die Grünen auf keinen Fallen mitgehen, wenn es ihnen mit Klimaschutz ernst ist. Eine CO2-Steuer, die über eine realistische Höhe zur Lenkungsmaßnahme wird, ist immer noch der beste Weg laut einigen renommierten Experten. Doch bei der letzten Elefantenrunde hat Kurz zu diesem Thema nur herumgeeiert.

(sm)

Eine aktuelle Studie von Toyota zum Thema Wasserstoffautomobil. © Bild: ZackZack

Was wäre eine realistische Alternative für „blauen“ Wasserstoff?

Power-to-Gas nennt sich eine Technologie, die Strom in Erdgas verwandelt. Power-to-Gas-Anlagen stellen in einem Elektrolyse-Verfahren aus Strom Gas her. Energiewirtschaftlich, durch einen schlechten Wirkungsgrad, und ökologisch sinnvoll ist die Nutzung der Power-to-Gas-Technologie nur in einem einzigen Fall. Nämlich dann, wenn für die Herstellung Stromüberschüsse aus erneuerbaren Energien verwendet werden. Deshalb heißt diese Technologie auch Windgas oder Solargas. Durch die Einspeisung ins Gasnetz wird der normale Gasmix so Stück für Stück „grüner“. Gasnetze und riesige Erdgasspeicher sind in Österreich vorhanden, es besteht daher kaum ein Investitionsbedarf. Schlecht für die Industrie, gut für den Steuerzahler.

Titelbild: Rendering – Benjamin Bauer

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