Hunderte Arbeiter sind auf der Baustelle des Erdogan-Flughafens in Istanbul bereits verunglückt. Nun stürzte ein junger Mann am zukünftigen Gelände des DHL-Logistikzentrums in den Tod. Danach wurden zügig alle Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die DHL wäscht indes ihre Hände in Unschuld.

Wien/Berlin/Istanbul, 12. November 2019 / Es ist das große Prestigeprojekt des Möchtegern-Diktators Erdogan: Der neue Flughafen Istanbul. Er ist achtmal so groß wie der alte Istanbuler Flughafen. Denn der Bosporus-Sultan denkt in großen Maßstäben. Er will, dass der neue Flughafen zum Drehkreuz zwischen Ost und West wird. Seine Vision: 200 Millionen Passagiere jährlich ab 2028.

Anschlag auf Mensch und Natur

Beim Bau – der noch immer nicht gänzlich abgeschlossen ist – offenbarte Erdogan seine ganze Macht. Seit 2014 wird gebaut, hauptsächlich sind Betriebe beteiligt, die sich im engsten Kreis von Erdogan befinden. Mensch und Natur leiden unter dem Megaprojekt.

Auch dem Gelände befinden sich Speicherseen, Naturschützer sehen die Istanbuler Wasserversorgung gefährdet. Wälder nördlich von Istanbul sind zerstört, unmittelbar schlimmer haben es die Arbeiter erwischt. Die Zustände am Bau sind verheerend. Mehrere Hundert tote Arbeiter seit Baubeginn sind traurige Realität (von der Regierung sind 58 Todesfälle bestätigt). 32.000 Arbeiter lebten zur Hochphase zusammengepfercht in Baracken, die Betten voll mit Käfern. Viele Todesfälle ergaben sich durch die ungesicherte Arbeit in der Höhe.

Toter auf DHL-Baustelle

Mittlerweile ist der Flughafen teilweise eröffnet, die Bauarbeiten gehen aber weiter. Aktuell entsteht das DHL-Logistikzentrum. Die deutsche Wirtschaft stört sich also nicht daran, im Erdogan-Land wirtschaftlich zu denken. Das, obwohl Erdogan sein Land autoritär umbaut und im kurdischen Rojava einen Angriffskrieg führt. Nun forderte auch der Bau des DHL-Zentrums den ersten offiziellen Toten. Am 30. Oktober starb der 19-jährige Mehmet Aydin auf der Baustelle. Er fiel in einen Liftschacht. Wie taz.gazete, einer Berliner Zeitung von Exil-Türken, berichtete, war der Schacht völlig ungesichert. 20 Meter stürzte Aydin inmitten einer finsteren Nacht in die Tiefe.

Deutsche Unternehmen sind am Flughafen stark involviert. Brückenteile kommen von Thyssen Krupp, Heinemann macht die DutyFree-Geschäfte und die DHL baut ihr neues Logistikzentrum. Brisant: Für den Tod von Mehmet Aydin fühlt sich die DHL nicht verantwortlich. Denn die Bauarbeiten sind an ein türkisches Subunternehmen ausgelagert. Nach dem tödlichen Unfall ging es schnell. 300 Arbeiter streikten, forderten grundlegende Sicherheitsvorkehrungen.

Vertuschung?

Arbeiter, die mit der taz.gazete in Kontakt stehen, erzählen, dass diese auch kamen – kurz bevor eine Delegation aus Deutschland anreiste, um die Baustelle zu inspizieren. Man brachte Licht an, Schächte wurden abgesichert, feuchte Stromkabel sammelte man auf. Und die Arbeiter mussten unterschreiben, dass sie sich an alle Sicherheitsvorkehrungen halten. Wenn eine Regel missachtet wird, dann fassen die Arbeiter eine Geldstrafe aus.

Erdogan feiert den Istanbuler Flughafen nicht nur als sein Vorzeigeprojekt. Er bezeichnete es häufig als sein „Geschenk für die Welt“. Eher ist es ein Geschenk für die Wirtschaft, und keinesfalls ist es eines für die Arbeiter, die dort wie Leibeigene gehalten werden. Doch wenn großes Wirtschaftswachstum ansteht, dann blickt das europäische Kapital schnell über politische und moralische Grenze hinweg. Für die Zehntausenden Arbeiter auf der Baustelle ist der Flughafen nur eines: ein Albtraum.

(wh)

Titelbild: APA Picturedesk

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