Wecker in Wien

Träumen von der Revolution

Sonntagabend war im Wiener Konzerthaus die Hölle los. Konstantin Wecker war angriffig wie eh und je. Die 68er machten aus dem Konzert des bayrischen Liedermachers ein Hochamt des politischen Widerstand gegen Rechts.

Wien, 02. Dezember 2019 / Gut, dass man im Konzerthaus sitzen kann. Viele der ausgelassen feiernden Fans hätten nämlich Konstantin Weckers dreistündiges Mammut-Konzert nicht stehend durchgehalten. Die Feinbilder des hochpolitischen Stars sind die selben wie eh un je: Monsanto, Deutsche Bank, Heckler&Koch. Weckers Publikum ist jedoch merklich gealtert. Müde sind seine Fans aber nicht geworden.

„Empört euch!“

Er wolle eine „zärtliche Revolution“ sagte Wecker. Zärtlichkeit gab es zuhauf. Man kann auch noch Groupie sein, wenn das Haar schon grau ist – das bewiesen die vielen Umarmungen, die sich Wecker beim Bad in der Menge gerne abholte: „Geh her da!“ forderte er im breitesten bairisch. Das ließ sich keiner der Fans zweimal sagen. Und was das Sitzen betrifft – Bei „Empört euch“ gab es zum ersten Mal Standing Ovations und ab „Sage nein“, mitten in der langen Zugabe, zahlte sich Hinsetzen nicht mehr aus.

Es war – wie könnte es anders sein – ein hochpolitisches Konzert. Die Symphatien des Publikums waren eindeutig verteilt. Die „anonymen Herren“ in den Vorstandetagen kamen nicht gut weg, „Fridays for Future“ erhielt dafür viel Solidarität der verammelten Alt-68er. Dass die meisten jugendlichen Klimademonstranten die Namen der von Wecker in Liedern verehrten „Trozki“ oder „Scholl“ nicht kennen dürften – geschenkt.

Wecker gut, Ensemble noch besser

Nicht nur politisch, sondern auch musikalisch wurde Einiges geboten. Das Kammerorchester der Bayrischen Philharmonie unter Leitung von Mark Mast präsentierte sich als  gut eingespielter junger Klangkörper, der vom sehr souverän gespielten Programm eher unterfordert wirkte. Die Arrangements von Weckers Stammpianist Jo Barnikel kippten zwar oft ins Pathetische, verfehlten aber ihre Wirkung nicht. Nicht viele Augen im Großen Konzerthaussaal blieben trocken. Cellistin Fany Kammerlander, die auch schon für Peter Gabriel und Deep Purple tätig war und „Österreichs bester Gitarrist“ (Konstantin Wecker) Severin Trogbacher ließen ihre Virtuosität durchblitzen.

Konstantin Weckers Stimme und Bühnenpräsenz sind faszinierend wie eh und je – die eine oder andere Textschwäche fiel da nicht weiter ins Gewicht. „Weltenbrand“ – der Titelsong des Programms, stellte mit seiner urwüchsigen Kraft sogar bekannte Gassenhauer in den Schatten. Das Alphorn, das extra für die Nummer auf die Bühne geschleppt wurde, war deutlich mehr als nur Dekoration.

„Es geht ums Tun“

Die Linke der 70er Jahre ist in die Jahre gekommen. Im Erscheinungsbild deutlich bürgerlich, aber im Herzen offenbar rebellisch wie vor 40 Jahren, träumten die Wecker-Fans von der Revolution. Das war mitreißend, sogar erhebend. Am Ende des Abends bleibt die harte politische Realität – weit und breit ist keine neue Welt in Sicht. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Wie heißt es in Weckers altem Kampflied „Ich habe einen Traum“? „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.“

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

Aktuell

ZACKZACK unterstützen

Unsere kleine Redaktion kann mit 16 Redakteur*innen, Layouter*innen, Videomachern und einem Karikaturisten jeden Tag ZackZack neu machen.  Dazu braucht es 3.000 Euro am Tag für unabhängigen Journalismus.

Schließen