Merkel in Auschwitz

Historischer Besuch

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel reist als dritte deutsche Regierungschefin ins frühere KZ nach Auschwitz-Birkenau. Den historischen Besuch absolvierte sie mit finanziellen Zusagen.

Berlin/Auschwitz-Birkenau, 04. Dezember 2019 / Erst zwei deutsche Regierungschefs vor Angela Merkel haben sich nach Auschwitz begeben: Der Ort steht wie kein anderer für den Rassenwahn der Nazis und den Völkermord an den Juden im Zweiten Weltkrieg.

Historischer Besuch von Merkel

Wenige Wochen vor dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gedenkt nun Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag im ehemaligen NS-Vernichtungslager der dort ermordeten Häftlinge. Es ist eine Reise von historischer Dimension. Der letzte Besuch eines Kanzlers in Auschwitz liegt fast ein Vierteljahrhundert zurück: Im Sommer 1995 reiste Helmut Kohl (CDU) zum zweiten Mal nach 1989 in das frühere KZ. Verrückt: Sein Vorgänger Helmut Schmidt (SPD) war 1977 als erster deutscher Regierungschef dort gewesen. Offizieller Anlass für Merkels Besuch in Auschwitz ist das zehnjährige Bestehen der Stiftung Auschwitz-Birkenau, die sich für den Erhalt der Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren KZ einsetzt.

Stiftungsgründung von ehemaligem KZ-Häftling

Die Gründung der Stiftung im Jahr 2009 geht auf eine Initiative des früheren polnischen Außenministers und ehemaligen Auschwitz-Häftlings Wladyslaw Bartoszewski zurück. Bartoszewski ist eine polnische Legende. In den 80er Jahren engagierte er sich in der Gewerkschaft Solidarność, wofür er zum zweiten Mal in seinem Leben eingesperrt wurde. Dank einer befreundeten Familie kam er frei. Von 1990 bis 1995 war er auf Ernennung von Lech Wałęsa Botschafter von Polen in Österreich.

60 Millionen Euro für Stiftung

Das Internationale Auschwitz-Komitee nannte Merkels bevorstehenden Besuch ein „besonders wichtiges Signal“ der Solidarität mit Auschwitz-Überlebenden, die heutzutage in Europa „mit antisemitischen Beschimpfungen und Hass-Mails überzogen“ würden.

Die Kanzlerin hat auch konkrete Zusagen im Gepäck: Die deutsche Regierung will die Stiftung Auschwitz-Birkenau mit 60 Millionen Euro unterstützen. Dies soll am Tag vor Merkels Abreise bei einem Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder offiziell verkündet werden. Zudem wollen sie einen gemeinsamen Beschluss fassen, um den Schutz jüdischen Lebens zu verbessern und den Kampf gegen Antisemitismus zu stärken. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle vor knapp zwei Monaten hatte die Debatte über die Gefahr des Antisemitismus in Deutschland neu entfacht.

Merkel hat während ihrer 14-jährigen Amtszeit als Kanzlerin bereits mehrere frühere Konzentrationslager in Deutschland besucht und war fünf Mal in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Als erste deutsche Regierungschefin hielt sie außerdem 2008 eine Rede in der Knesset in Jerusalem.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki im September. Bild: APA Picturedesk.

Besuch im Zeichen der deutsch-polnischen Aussöhnung

Der Auschwitz-Besuch von Merkel steht auch im Zeichen der deutsch-polnischen Aussöhnung. Erst im September waren Merkel und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Warschau gereist, um an den deutschen Überfall auf Polen vor 80 Jahren zu erinnern. Steinmeier bat Polen dabei um Vergebung für die historischen Verbrechen Deutschlands. Außenminister Heiko Maas hatte einen Monat zuvor bei einer Gedenkfeier in Warschau den Widerstand der Polen gegen die NS-Besatzung während des Zweiten Weltkriegs gewürdigt.

Merkel wird in Auschwitz vom polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki sowie einem ehemaligen KZ-Häftling und Vertretern jüdischer Organisationen begleitet.

Auschwitz-Birkenau war im Zweiten Weltkrieg im damals von Hitler-Deutschland besetzten Polen das größte Vernichtungslager der Nazis. Etwa 1,1 Millionen Menschen wurden dort ermordet, die meisten waren Juden. Auch 80.000 nicht-jüdische Polen, 25.000 Sinti und Roma sowie 20.000 sowjetische Soldaten wurden in dem Lager ermordet, das die Rote Armee am 27. Jänner 1945 befreite.

(wb/APA)

Titelbild: APA Picturedesk

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