Skandalkalender – Türchen 11

Der Schredderman

Er war beim Papst. Er kennt den Messias des türkisen Österreich persönlich. Er ist der Schrecken aller Festplatten. Er ist… Arno M., der „Schredderman“.

Wien, 11. Dezember 2019 / Es ist der 22. Mai 2019 – kurz nach Auffliegen des Ibiza-Videos. Ein enger Mitarbeiter von Sebastian Kurz meldet sich unter falschem Namen („Walter Meisinger“) bei der Firma Reisswolf. Könner er bei der Aktenvernichtungsfirma auch Festplatten vernichten lassen? Er kann.

Am nächsten Tag fährt M. hin, um fünf Festplatten zu schreddern. Persönlich achtete er darauf, dass sie immer und immer wieder durch die Maschinen gejagt werden, bis nur noch Staub übrig ist. Doch Möchtegern-Geheimagent M. begeht zwei Anfängerfehler: Gegenüber Reisswolf gibt er zwar einen Tarnnamen an, aber seine richtige Telefonnummer. Und: Er bezahlt die Rechnung nicht. Reisswolf forscht ihn nun mit Hilfe der Telefonnummer aus, um den offenen Betrag einzutreiben – Arno M. fliegt auf.

Wer weiß was?

Was war auf den Festplatten? Kurz will es nicht sagen. Die Vorgänge um seinen Mitarbeiter Arno M. findet er „normal“.

Bei seiner Einvernahme durch die Polizei sagte M. ursprünglich aus, er habe den Auftrag zum Schreddern von einem hochrangigen Mitarbeiter aus dem Kabinett von Sebastian Kurz‘ rechter Hand, Kanzleramtsminister Gernot Blümel erhalten. Dieser Mitarbeiter, Bernd P., war Arno M. gegenüber nicht weisungsbefugt – das sagt zumindest Kanzlerin Brigitte Bierlein. Später würde M. behaupten, er habe von sich aus angeboten, die Festplatten zu vernichten. Warum? Wenn M. von sich aus anbietet, irgendwelche Festplatten zu vernichten, müsste er ja gewusst haben, dass sich etwas Brisantes darauf befindet. M. sagt aber, er wisse nichts darüber.

Auch Blümel und Kurz sollen von nichts gewusst haben. Überhaupt weiß angeblich niemand von irgendetwas. Im Bundeskanzleramt werden gegen den Protest des Leiters der IT-Abteilung, Erich A., Festplatten ausgebaut, von einem unzuständigen Mitarbeiter unter Angabe außer Haus gebracht und unter Angabe eines falschen Namens vernichtet. Aber niemand in der ÖVP will wissen, was sich darauf befand. Wenn das „normal“ ist, muss der Arbeitsalltag im türkisen Kanzleramt wie ein Thriller sein.

PS: Arno M. arbeitet mittlerweile wieder für Kurz.

Titelbild: APA picturedesk.com / ZackZack-Grafik OW

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