Skandalkalender: Türchen 16

Kreisky gegen Wiesenthal

Er war, was Sebstian Kurz gerne wäre: Sonnenkönig von Österreich. In der Wahl seiner Verbündeten und Mittel war er nicht immer zimperlich, sein aufbrausendes Temperament war berüchtigt. Genau, es geht um Bruno Kreisky. Wenigstens einmal in seiner Karriere traf der SP-Kanzler auf einen Gegner, der wenigsten so starrköpfig war wie er selbst.

Wien, 16. Dezember 2019 / „Ich habe gehört, daß Sie für Gerechtigkeit sorgen, und deshalb nenne ich Ihnen hiermit die Namen von 91 Naziverbrechern, die ich in vier Jahren Haft kennengelernt habe.“ Mit diesem Brief an den gerade befreiten KZ-Häftling Simon Wiesenthal begann dessen Karriere als Nazijäger. 15 Jahre später sollte Wiesenthal es zu weltweiter Berühmtheit bringen, weil es ihm gelungen war, die Spur Adolf Eichmanns aufzunehmen. Sein Dokumentationszentrum wurde zum Schrecken von nationalsozialistischen Verbrechern, die von der österreichischen Justiz bestenfalls lasch verfolgt wurden. Unter den übelsten Verbrechern, die Wiesenthal aufspürte, waren Franz Murer und Klaus Barbie, die als „Schlächter von Vilnius“ bzw. „Lyon“ bekannt wurden, sowie Karl Silberbauer, der Anne Frank verhaftet hatte.

„Die Juden nehmen sich furchtbar viel heraus“

Auch Kreisky hatte unter den Nazis gelitten. Nachdem ihn die Gestapo verhaftet und gefoltert hatte, gelang es ihm, nach Schweden zu emigrieren. Zuvor war Kreisky bereits vom austrofaschistischen Regime verhaftet worden. Dabei hatte er Kontakte zu ebefalls inhaftierten illegalen Nationalsozialisten geknüpft. Während seiner späteren politische Karriere war Kreisky die Zusammenarbeit mit ehemaligen Nazis oft leichter gefallen als mit früheren Austrofaschisten. Auf seine jüdische Herkunft wollte der Kanzler nicht angesprochen werden, von Organisationen, die jüdische Opfer vertraten, hielt er sich bewusst fern. „Die Juden nehmen sich furchtbar viel mir gegenüber heraus, das erlaube ich nicht“, sagte Kreisky.

„Jeder Mensch macht Fehler“

Zwischen Kreisky und Wiesenthal – der zur SPÖ ein distanziertes Verhältnis hatte – brodelte es spätestens seit 1970. Kreisky bildete damit eine Minderheitsregierung unter Duldung der FPÖ, die vom mutmaßlichen Kriegsverbrecher Friedrich Peter angeführt wurde. 1971 errang die SPÖ die absolute Mehrheit. Kreiskys Kabinett enthielt dennoch vier ehemalige Nationalsozialisten. Simon Wiesenthal kritisierte den Kanzler scharf dafür. Kreisky, der mit solcher Kritik nicht gut umgehen konnte, reagierte empört. Er sei „nicht dazu da, der jüdischen, israelischen Öffentlichkeit mich wie ein Angeklagter zu verantworten.“ Am Höhepunkt des Konflikts sollte er Wiesenthal vorwerfen, dieser sei ein Gestapo-Spitzel gewesen – eine haarsträubend falsche Behauptung.

Doch am Ende war es Wiesenthal, nicht Kreisky, der sich unter dem Druck der Öffentlichkeit entschuldigen musste. Die Wahrheit über die NS-Vergangenheit Friedrich Peters habe er in einem „für Kreisky ungünstigen Moment“ veröffentlicht. Das sei ein Fehler gewesen, aber: „Jeder Mensch macht Fehler.“ Im privaten Kreis sagte Wiesenthal jedoch, er habe durch die Affäre „eine neue Sorte von Antisemitismus“ kennengelernt.

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

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