Österreich:

Jedes vierte Kind von Armut betroffen

Österreich ist eines der reichsten Länder der EU. Aber fast ein Viertel unsere Kinder ist arm oder armutsgefährdet. Studien zeigen: Ein tiefer Spalt geht durch unser Land.

Wien, 25. Dezember 2019 / Mehr als 300.00 Kinder in Österreich sind von Armut betroffen – das ist etwa ein Viertel aller Kinder, die in unserem Land leben. Studien zeigen: Wer als Kind arm ist, bleibt es auch meist als Erwachsener. Vera M., eine betroffene Mutter, sagt: „Die Wurzel des Übels ist für mich die Armut der Eltern. Ich hatte immer zu essen und immer einen Platz, an den ich gehen konnte. Wenn man das nicht hat, ist man aufgeschmissen.“

Arme Kinder sind häufig krank und haben Probleme in der Schule

Armut wirkt sich auf alle Lebensbereiche von Kindern aus. Arme und armutsgefährdete Kinder sind im Durchschnitt häufiger chronisch krank, erbringen schlechte Leistungen in der Schule und sind besonders anfällig für Entwicklungs- und Verhaltensstörungen.

„Armut kann man nur mit Geld erschlagen.“

Dabei weiß die Wissenschaft: Es geht nicht nur um den Bildungsgrad der Eltern. Armut an sich ist ein großes Problem. Bildung ist, wie Rolf Spiegel von der Caritas sagt, „ein entschiedender Faktor“ bei der Bekämpfung von Armut. Doch Bildung alleine genügt nicht: „Armut kann man nur mit Geld erschlagen“, sagt Armutsexperte Franz Ferner von der Volkshilfe.

Was heißt hier arm?

Wann gilt ein Kind in Österreich als arm? In Österreich wird Kinderarmut offiziell nicht gemessen. Die Berechnungsgrundlagen des sogenannten Regelbedarfssatzes (Was braucht ein Kind?), stammen aus dem Jahr 1964.

EU-weit gilt ein Haushaltseinkommen von weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens als armutsgefährdend. Doch die EU ist dazu übergegangen, Faktoren von Armut durch großangelegte Studien (EU-Silc – Statistics on Income and Living Conditions) zu messen, die Lebensumstände von Kindern direkt untersuchen. Das Einkommen alleine verzerrt nämlich das Bild: In reichen Ländern haben zwar auch arme Menschen mehr Geld – dafür kosten aber die Dinge des täglichen Bedarfs auch viel mehr.

Österreich auf den hintersten Plätzen

Österreich schneidet in den Messungen besonders schlecht ab. Wir sind zwar das viertreichste Land in der EU – bei der Bekämpfung von Kinderarmut liegen wir aber nur an 17. Stelle, hinter Ländern wie Tschechien, Slowenien, Polen oder der Slowakei.

Besonders armutsgefährdet sind Kinder alleinerziehender Eltern oder solche mit mehr als zwei Geschwistern und Kinder mit Migrationshintergrund. Kommen mehrere dieser Faktoren zusammen, ist ein betroffenes Kind fast sicher arm. Das Problem lässt sich nicht auf Migration beschränken. Rolf Spiegel sagt, die Bemühungen der Caritas um arme Kinder würden oft als „Teil der Asylindustrie“ schlechtgeredet. Über so etwas könne er „nur lächeln“.

Kinderarmut ist schlecht für alle

Kinderarmut ist schlecht für unsere Gesellschaft. Verantwortlich dafür sind die Langzeitfolgen von Armut, wie zum Beispiel Krankheit. Etwa 46.000 Kinder in Österreich leiden unter einem schlechten Gesundheitszustand. Während nur zwei Prozent der Kinder aus Haushalten mit mittlerem oder hohem Einkommen unter schlechter Gesundheit leiden, sind es bei armen oder armutgsgefährdeten Kindern sieben Prozent.

Das Problem setzt sich in der Schule fort: Arme Kinder erzielen beim PISA-Test deutlich schlechtere Ergebnisse, und zwar über alle Schulstufen, sowohl beim Lesen als auch in Mathematik und Englisch.

Lebenslang auf der Strecke geblieben

Dieser Nachteil bleibt auch bestehen, wenn der Bildungsgrad der Eltern herausgerechnet wird. Die Chancen armer Kinder, eine höhere Schule zu besuchen sind im Vergleich zu anderen viermal niedriger – auch, wenn man nur Eltern mit gleichen Bildungsabschlüssen vergleicht. „Jeder Schulausflug war ein Problem.“, erinnert sich Vera M. „Und dazu der Schulbeginn – der September war für mich immer der höllischste Monat im Jahr.“

Arme Kinder sind laut Studien weniger glücklich, haben weniger Selbstwertgefühl und können bei vielen Dingen, die Gleichaltrige tun, nicht mitmachen: Sport, Musik, oder andere Hobbys.

Investition in die Zukunft

All diese Nachteile nehmen arme Kinder ins Erwachsenenleben mit. Forscher sind sich einig: Steuergeld, das wir investieren, um Kinderarmut zu vermeiden, macht sich in späteren Jahrzehnten vielfach bezahlt. Schon nach zehn Jahren hat sich jeder Euro zur Bekämpfung von Kinderarmut amortisiert, rechnet Norbert Neuwirth vom Österreichischen Institut für Familienforschung der Universität Wien vor.

„Heute schäme ich mich nur noch ein bisschen."

Vera M. beschreibt, dass die Armut sie regelrecht krank vor Sorge gemacht habe. Das habe sie trotz aller Bemühungen nicht von ihren Kindern fernhalten können. Sie hätten sich geschworen, niemals arm zu werden „koste es, was es wolle.“ Obwohl ihre Kinder den Sprung aus der Armut schafften, wirft die Verganheit lange Schatten: bis heute habe eine ihrer Töchter unter psychischen Problemen zu leiden. Dazu komme die Scham für die erlittene Armut. „Aber heute“, sagt Vera M., „schäme ich mich nur noch ein bisschen.“

(tw)

Bilder: Zackzack.at/OW, Grafik: Zackzack.at/TE

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