Auto-Gipfel in Berlin

Merkel unter Druck

Die Autoindustrie hat den Umbruch verschlafen, Hunderttausende Jobs sind in Gefahr. Nach dem Autogipfel im deutschen Kanzleramt zeichnet sich ab: der Staat springt wohl ein.

Wien, 16. Jänner 2020 / Die Autoindustrie ist die Schlüsselindustrie in Deutschland, von der auch die Wirtschaft in Österreich maßgeblich abhängt. Der Wandel von Verbrennungsmotor zu Elektroantrieb setzt der Industrie zu. Deshalb trafen am Mittwoch die Spitzen aus Politik, Industrie und Gewerkschaften zusammen.

Staat springt ein

So einigten sich die Verhandler auf staatliche Maßnahmen, um dem Trend entgegenzuwirken. Es soll einen leichteren Zugang zur Kurzarbeit bei gleichzeitiger Förderung von Weiterqualifizierungsmaßnahmen geben. Viele Beschäftigte aus der Ära des klassischen Verbrennungsmotors können nicht einfach Elektroautos bauen, so die Angst vieler Experten und auch Gewerkschafter. Jörg Hofmann, Chef der Industriegewerkschaft IG Metall, forderte nach dem Treffen unter der Leitung von Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) schnelle Schritte vonseiten der Politik. Er erwarte „in Kürze konkrete Ergebnisse“. Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte schon vor dem Gipfel vollmundig den massiven Ausbau von Ladestationen für Elektroautos an.

Dafür „wollen wir eine Million Ladepunkte bis zum Jahr 2030 schaffen, und hieran wird sich auch die Industrie beteiligen“,

versprach die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin. Wie schon bei der sogenannten Abwrackprämie während der Wirtschafts- und Finanzkrise um 2008, will man jetzt also verstärkt auf Kaufprämien setzen. Auch das deutet darauf hin, wie schlecht es wirklich um die Autobauer steht.

Zulieferer ohne Plan

Ein Problem der Entwicklung ist auch, dass der riesige Rattenschwanz an Zulieferern genauso wenig gerüstet für die Zukunft scheint, wie es die Autobauer sind. Dabei geht es auch um das Spannungsverhältnis von ambitionierter Klimapolitik auf der einen und zukunftsfähiger Industriepolitik auf der anderen Seite. Eine zwei Jahre alte Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung stellt fest:

„Der Druck wächst (…) durch Digitalisierung, neue Formen der Nutzung und höhere Umweltstandards. China und das Silicon Valley drängen aggressiv auf den internationalen Markt. Schärfere CO2-Ziele im Verkehrssektor, die Feinstaubdebatte in den Städten und die Diskussion um Fahrverbote für Diesel setzen die Automobilhersteller unter Zugzwang. Gleiches gilt für die Zulieferer. Ohne einen tiefgreifenden Wandel droht Deutschlands Schlüsselindustrie Nr. 1 abgehängt zu werden.“

Massenweiser Jobverlust droht

Im Extremfall könnten, das haben Berater der Merkel-Regierung errechnet, weit über 400.000 Jobs wegfallen. Auch in Österreich hängt ca. jeder neunte Arbeitsplatz von der deutschen Autoindustrie ab. Just am Tag des Gipfels gab das Statistische Bundesamt schwache Konjunkturzahlen aus: das Bruttoinlandsprodukt stieg um gerade mal 0,6 Prozent. Das ist deutlich weniger als in den Vorjahren und vor allem auf die gesunkene Industrieproduktion zurückzuführen. Hofmann erhöhte unterdessen den Druck auf die Merkel-Regierung: So müsse man zusehen, dass man den Wandel schaffe, „ohne, dass Beschäftigte unter die Räder kommen“, und ohne „industrielle Wüsten“ in Regionen zu schaffen, die stark vom Verbrennungsmotor abhängen. Hofmann: „Kurzfristig heißt für mich nicht Monate.“

Auch die Autolobby sorgt sich um den Standort Deutschland. Arndt Kirchhoff, Chef des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), mahnte nach dem Gipfel schnelle Maßnahmen im Bereich der Weiterqualifizierung an.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

Aktuell

ZACKZACK unterstützen

Unsere kleine Redaktion kann mit 16 Redakteur*innen, Layouter*innen, Videomachern und einem Karikaturisten jeden Tag ZackZack neu machen.  Dazu braucht es 3.000 Euro am Tag für unabhängigen Journalismus.

Schließen