Genitalverstümmelung

Weltweites Problem

Wien, 6. Februar 2020 / Am Donnerstag, den 6. Februar, ist Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung. Dieser Tag soll auf eine brutale Tradition aufmerksam machen: Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Menschenrechtsverletzung und eine extreme Form von Gewalt gegen Mädchen. Unter „Female Genital Mutilation“, abgekürzt FGM, wird die teilweise oder vollständige Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris sowie oft zusätzlich der inneren Schamlippen verstanden. Das geht sogar bis hin zum Zunähen der äußeren Schamlippen!

8.000 Frauen in Österreich betroffen

Für Urin und Menstruationsblut wird nur eine kleine Öffnung belassen. Der Verstümmelungspraxis, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielt, fallen weltweit rund rund 200 Millionen Mädchen und Frauen in rund 30 Ländern zum Opfer. In Österreich sind Schätzungen zu Folge ungefähr 8.000 Frauen betroffen! Seit 1997 wurde die Praxis in 26 Ländern Afrikas und im Nahen Osten verboten, dennoch ist sie immer noch weit verbreitet.

Weltweit verbreitetes Problem

Alle zehn Sekunden werden die weiblichen Genitalien eines Mädchens unter 12 Jahren verstümmelt. Meist findet der skandalöse Eingriff im Alter von vier oder fünf Jahren statt. Am weitesten verbreitet ist FGM in westlichen, östlichen und nordöstlichen Regionen Afrikas. Aber auch in asiatischen und arabischen Ländern wird diese Form der Verstümmelung praktiziert. In Ländern wie Somalia, Guinea und Dschibuti werden nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF mehr als 90 Prozent der Mädchen verstümmelt. Aber auch in Europa wird diese brutale Tradition ausgeübt – da sie verboten ist, findet die Verstümmelung im Genitalbereich von Mädchen und Frauen oft in den eigenen vier Wänden statt – und immer früher, da sie leichter zu verheimlichen ist, je jünger die Mädchen sind.

Zahlreiche Todesopfer

FGM hat schwerwiegende gesundheitliche und seelische Folgen und bringt Mädchen in Lebensgefahr. Gerade der Bereich rund um die Klitoris ist stark durchblutet. Wenn zu tief geschnitten wird, verbluten die Mädchen (rund 10 Prozent), andere sterben an lebensbedrohlichen Infektionen in Folge der Verstümmelung. Da Urinieren in den ersten Stunden nach dem Eingriff extrem schmerzhaft ist, bekommen die Mädchen im Vorfeld oft kein Wasser zu trinken. In der ersten Zeit nach der Verstümmelung brauchen sie oft bis zu einer halben Stunde zum Urinieren. Komplikationen nach einer Verstümmelung, Probleme während der Periode, Unterleibsentzündungen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr gehören zum Alltag der genitalverstümmelten Frauen.

Verstümmelung durch eigene Verwandte

Oft sind es eigene Verwandte, die die Verstümmelung von Klitoris und Schamlippen der Mädchen und Frauen vornehmen. Das macht es für die Betroffenen umso schwieriger, sich der traditionsgeleiteten Praxis zu widersetzen. Darüber hinaus verfügen die durchführenden „Beschneiderinnen“ meist über keine medizinische Ausbildung, noch über Kenntnisse der weiblichen Anatomie oder Hygiene-Bewusstsein. Als Tatwaffe dienen ihnen stumpfe Scheren oder Rasierklingen und Messer, die sie für mehrere Beschneidungen verwenden – dadurch besteht auch die Gefahr, dass HIV, Hepatitis und andere Krankheiten übertragen werden.

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Genitalverstümmelungs-Tourismus

Besonders gefährlich ist sogenannter Tourismus zum Zwecke der Genitalverstümmelung: Die Mädchen werden bei einer „Ferienbeschneidung“ von ihren Familien in den Schulferien in die Herkunftsländer gebracht, um dort verstümmelt zu werden. Damit man dies in Österreich ahnden könnte, müsste der Eingriff zusätzlich in den Katalog für Auslandsstraftaten aufgenommen werden. Umgekehrt kommen traditionelle Beschneiderinnen für kurze Zeit zum Beispiel aus Somalia nach Europa, um vor Ort gleich mehrere Mädchen auf einmal zu beschneiden.

Weltweite Sensibilisierungskampagnen

In den Jahren zwischen 2000 und 2018 ist laut Vereinten Nationen die Verbreitung dieser Praxis um 25 Prozent zurückgegangen. Die UNICEF setzt sich weltweit mittels Informations- und Sensibilisierungskampagnen für einen Rückgang der Verstümmelungspraxis ein. Laut UNICEF sind ungefähr zwei Drittel der Männer, Frauen, Buben und Mädchen in Ländern, in denen weibliche Genitalverstümmelung an der Tagesordnung steht, der Meinung dass diese Praxis beendet werden sollte.

Kontrolle der Sexualität

Die Mädchen – oft sind es noch Säuglinge – werden beschnitten, um ihre Sexualität zu kontrollieren. Unverstümmelte Mädchen, lässt die Tradition glauben, würden oft viel zu früh schwanger, seien unrein oder ihrem Mann nicht treu. Es ist in vielen Gebieten vor allem Afrikas bis heute immer noch schwer, eine unverstümmelte Tochter zu verheiraten. Durch Verstümmelung sollen die Frauen wertvoller für ihre zukünftigen Männer gemacht werden. Die Beschneiderinnen berufen sich meist auf den Koran, dabei wird darin in keiner einzigen Sure der heiligen Schrift die Verstümmelung von weiblichen Genitalien erwähnt.

Schwerwiegende Gefährdung bei Geburten

Im Falle einer vaginalen Geburt entstehen neben extremen Schmerzen auch schwerwiegende und teils lebensbedrohliche Geburtsverletzungen. Für eine Geburt muss die Vulva geöffnet und später wieder versorgt werden, in vielen Fällen werden die Frauen wieder zugenäht. In Österreich ist es verboten, den Intimbereich nach einer Geburt wieder zuzunähen, FGM fällt unter den Straftatbestand einer schweren Körperverletzung mit Dauerfolgen.

WHO: Genitalverstümmelung verursacht Milliardenkosten

Laut WHO sind Komplikationen durch die Genitalverstümmelung bei Mädchen eine schwere Belastung für die Gesundheitsbudgets der Länder, wo diese Praxis verbreitet ist. Jedes Jahr müssten dafür knapp 1,3 Milliarden Euro aufgebracht werden, berichtete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf zum internationalen Tag für „Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung“ an diesem Donnerstag. In einigen Ländern mache das 30 Prozent des Gesundheitsbudgets aus, rechnet die WHO vor.

(lb)

Das Gespräch führte Thomas Oysmüller

Titelbild/Fotos: ZackZack – Martin Pichler

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