Danke, Peter Hacker!

Corona und die soziale Krise

Stadtrat Hacker hat ein bemerkenswertes Interview gegeben. Er erkennt den Kern der Krise und glänzt im Angesicht des Debatten-Stillstands mit wohltuender Weitsicht. Die prompte Reaktion der paternalistischen Empörungsmaschine gibt ihm dabei Recht. Auf den zweiten Blick ein gutes Zeichen.

Wien, 25. März 2020 /

Wenn „Mr. Neun Prozent“ Manfred Juraczka (ÖVP) billigen Wahlkampf und auf Twitter kostenlos Werbung für ein bemerkenswertes Interview macht, muss man sich im Büro Peter Hacker eigentlich auf die Schulter klopfen. Alles richtig gemacht! Zumindest vieles, was der Gesundheitsstadtrat der SPÖ im „Falter“ sagt, ist sinnvoll und wichtig für künftige Entscheidungen.

Die Arroganz des erhobenen Zeigefingers

Peter Hacker hat Recht, Corona ist zunächst ein Naturereignis. Das Virus, in der Forschung noch nicht mal als primitives Lebewesen gesehen, breitet sich aus. Es wird viele infizieren. Die Frage ist also nicht, ob es kommt, sondern zu welchem Zeitpunkt. Letzteres ist der einzige Ansatzpunkt politischen Handelns. Dass Türkis-Grün manchmal den Eindruck erweckt, Abriegelung könne das Virus quasi besiegen, ist ein großer Fehler. Die meisten Maßnahmen der Regierung sind derzeit notwendig, aber sie sind nicht sakrosankt (Grüße an den Kanzler, der das Wort immer dann benutzt, wenn ihm eine Sichtweise nicht passt). Die Debatte kippt zusehends in elitäre und autoritäre Besserwisserei derjenigen, die im warmen Altbau weiterhin ihr Gehalt beziehen oder das von Papi. Innerhalb weniger Wochen wird Österreich mehr Hobby-Epidemiologen als Fußballtrainer haben. Nur, anders als bei den knapp neun Millionen Fußballtrainern, sagt bei den Amateur-Forschern scheinbar jeder dasselbe. Weil, ja natürlich, man hat sich informiert! Damit erhöht man sich über jene, die es ein bisserl anders sehen und wirft ihnen implizit vor, sich nicht ausreichend informiert zu haben. Oder es „einfach nicht zu verstehen“. Das ist arrogant und gefährlich. Hacker weiß, dass die Krise, die noch in all ihrer sozialen Härte auf uns zukommen wird, komplexer ist als eine bloße massenhafte Infektion.

Wien ist nicht das Waldviertel

Gerade Wien mit seinen zwei Millionen Einwohnern und all seiner sozialen Vielfalt hat größere Herausforderungen zu managen als kleinere Orte, in denen die sozialen Netze auch aufgrund ihrer Überschaubarkeit funktionieren. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen temporär notwendiger Maßnahmen zu hinterfragen, ist nicht nur richtig, sondern die verdammte Aufgabe eines Regierungsmitglieds einer Millionenstadt. Hacker hier Wahlkampf vorzuwerfen, ist fragwürdig. Dass gerade dieselben, die jegliche Kritik am Regierungshandeln unter Verweis auf den „nationalen Schulterschluss“ abtöten, selbst politisches Kleingeld mit billigen Attacken auf das Wiener Gesundheitssystem zu sammeln versuchen (Blümel in der Kurz-freundlichen „Krone“), ist eine bodenlose Frechheit. Das aber zeigt die Angst der Bundesregierung vor einer überfälligen Debatte. Niemand weiß, ob die derzeitigen Maßnahmen ausreichen und wie lange sie sinnvoll sind.

Bleib‘ daheim – und wachsam

Eine Fehler- und Debattenkultur im Angesicht einer nie dagewesenen, komplexen Lage, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern ein Muss. „Die Leute brauchen Strom, Gas, Öffis, Wasser, Müll­entsorgung und Kanal“, so Hacker im Interview. Dem würde wohl jeder zustimmen. Doch hat man manchmal das Gefühl, die Zeigefinger-Clique versteht nicht ganz, dass Produktions-, Liefer- und Versorgungsketten nicht einfach aufrechterhalten bleiben, weil es halt ein paar Ausnahmen von der Ausgangsbeschränkung gibt. Nein, es wird mehrere brauchen, da die Billa-Verkäuferin oder die Ärztin nicht dauerhaft vor Infektion geschützt sind. Im Gegenteil: die Helden des Corona-Alltags sind mit am schnellsten infiziert. Es wird – das sagt auch „Mister Corona“ aus dem Kanzleramt – schrittweise eine Normalisierung des Lebens geben müssen, weil sonst langfristig viel mehr Existenzen durch einen monatelangen Shutdown gefährdet sind als durch das Virus. Ja, man muss die Ausbreitung verlangsamen. Ja, man muss Social Distancing jetzt ernstnehmen. Und ja, man muss das vor allem für die Risikogruppe tun. Aber nein, man muss nicht alles, was über den Tellerrand des Mezzanins hinausschaut, pauschal als verantwortungslos abkanzeln, weil es nicht dem gefühlten Corona-Mainstream entspricht. Gerade die prekär Beschäftigten brauchen bald eine Perspektive, die über Kurzarbeit hinausgeht. Bei allem, was jetzt noch kommen wird, ist ein kritischer und vernunftbegabter Verstand lebenswichtig. Das heißt auch, Vernunft als Abwägung und nicht als ewig eingefrorene Weisheit zu verstehen. Der Wiener Gesundheitsstadtrat hat hierzu einen wertvollen Beitrag geliefert.

Danke, Peter Hacker!

Benjamin Weiser

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Titelbild: APA Picturedesk

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