Unglaublich, was da geleistet wird

Heldinnen in der Corona-Krise

Mit sieben Kindern und Jugendlichen gleichzeitig Heimunterricht machen? Einer nonverbalen, geistig schwer behinderten Frau erklären, warum sie jetzt nicht hinausgehen soll? Oder Kinder und Jugendliche mit hohem Aggressionspotenzial auch 24/7 in den eigenen vier Wänden auslasten? SozialpädagogInnen leisten angesichts der Corona-Maßnahmen außerordentliche Arbeit und geben ihren KlientInnen gerade in der Krise Halt und Sicherheit. ZackZack wirft einen Blick auf den systemrelevanten Beruf, dem zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Wien, 31. März 2020 / Sie gehören zu den kritischen, systemerhaltenden Berufen, finden aber in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung: SozialpädagogInnen arbeiten unter anderem in Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche oder Menschen mit Behinderung. Der teils enge Kontakt mit den Betreuten gehört zum Kern ihrer Arbeit. Nicht selten kommt es zu Extremsituationen in der Arbeit, Polizei- und Rettungseinsätze sind keine Seltenheit. Die Maßnahmen in der Corona-Krise erschweren die sozialpädagogische Arbeit massiv. Gerade Zielgruppen, die hohes Aggressionspotenzial haben oder die Ausgangssperren nicht verstehen, leiden unter den Maßnahmen. Dadurch verschlimmern sich einige Probleme und Herausforderungen im sozialpädagogischen Alltag, der von den SozialpädagogInnen professionell bewältigt wird. Es ist einer der vielen systemrelevanten Berufe, der zum Großteil von Frauen ausgeübt wird.

Corona: Tagesabläufe über den Haufen geworfen

Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung betreuen ihre Klientel in der Regel unter der Woche nur in der Früh und am Spätnachmittag bzw. Abend. Zwischendurch fahren die Bewohner meist mittels Fahrtendienst in eine Tageswerkstätte, wo sie allerhand unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen. Kinder und Jugendliche, die in sozialpädagogischen Wohngemeinschaften untergebracht sind, gehen meist in die Schule. Ein geregelter Tagesablauf gehört zum wichtigen Grundgerüst der sozialpädagogischen Arbeit, denn er bietet Struktur und damit Sicherheit. Corona macht dies alles zunichte: Die Tageswerkstätten sind geschlossen. Was zusätzlich für viele wegfällt, ist der Kontakt zu den eigenen Eltern: Auch der ist angesichts des Social Distancing nicht mehr erlaubt.

Knochenjob SozialpädagogIn – in der Krise erst recht

Die fehlende Kontaktmöglichkeit führt teilweise zu vermehrten Anrufen von Eltern in den Einrichtungen. Diese wollen regelmäßig wissen, wie es ihren Kindern geht. Nun ist es Aufgabe der SozialpädagogInnen, im ohnehin oft turbulenten Alltag auch Tagesprogramm und Schulunterricht unterzubringen – zusätzliche Belastungen, die nicht gesondert entlohnt werden. SozialpädagogInnen sind in der Regel in Verwendungsgruppe 6 des SWÖ Kollektivvertrags eingestuft – nach 5 Dienstjahren wären das 2.281,30,- brutto für Vollzeit. Allerdings: Vollzeit-Anstellungen gibt es in dem Bereich kaum – und das aus gutem Grund: Die sehr fordernde Arbeit bedarf auch einiges an Erholungs- und Regenerationszeit. Im Schnitt ist eine 30 Wochenstunden-Anstellung üblich.

ZackZack hat mit SozialpädagogInnen unterschiedlicher Einrichtungen gesprochen. Dabei wurde sichtbar: Nicht alle trifft die Krise gleich hart. Doch die SozialpädagogInnen leisten sensationelle Arbeit und setzen alles daran, gerade in Krisenzeiten für ihre Zielgruppe da zu sein.

SOS Kinderdorf: Auf Sozialpädagoginnen ist Verlass

Vielleicht liegt es an der sozialen Ausrichtung des Berufs: Die SozialpädagogInnen lassen ihre Zielgruppen nicht im Stich. Das SOS Kinderdorf ist eine der Einrichtungen, die Kindern und Jugendlichen, die nicht bei ihrer Familie leben können, ein Zuhause bietet. SozialpädagogInnen übernehmen die tägliche Betreuung – seit Corona-Maßnahmen rund um die Uhr. Christine Weilhartner, Sprecherin des SOS Kinderdorfs, sagt im Gespräch mit ZackZack:

„Wir haben das große Glück, dass wir ein sehr tolles Team am Start haben. Für unsere Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen ist es selbstverständlich, dass sie gerade in Krisenzeiten eine gute Stütze für die Kinder und Jugendlichen sind.“

Die Super-SozialpädagogInnen organisieren den Heimunterricht selbst, bieten zusätzlich umfassendes Freizeitangebot und das alles zusätzlich zu Ausgangsbeschränkungen, verschärften Hygienemaßnahmen und Social Distancing. Sie haben innerhalb der Kinderdörfer entsprechende Regelungen getroffen: die Wohngruppen haben untereinander keinen Kontakt mehr, Gemeinschaftsflächen sind entweder räumlich oder zeitlich aufgeteilt.

„Die Kolleginnen sind sehr gefordert“

Anita Nöhammer, Leiterin für den Bereich Jugend-Wohngemeinschaften bei der Volkshilfe Wien, spricht gegenüber ZackZack die besondere Herausforderung der SozialpädagogInnen an:

„Es läuft nicht wie immer: Es sind in erster Linie die Kolleginnen sehr gefordert. Die Herausforderung ist, den Tag mit den Kindern so zu strukturieren und zu gestalten, dass es sich gut ausgeht. Sprich, dass das Lernen nicht zu kurz kommt, aber die Kinder auch ausreichend Freizeitangebot bekommen, dass man die Kinder und Jugendlichen gut drin behalten kann.“

Sie spricht insbesondere die außergewöhnliche Situation im Heimunterricht an:

„Die Kolleginnen und Kollegen übernehmen in Zusammenarbeit mit den Lehrern auch den Heimunterricht – das ist herausfordernder, als in einer normalen Familie, weil es ohnehin turbulenter zugeht im Alltag.“

„Unglaublich, was da geleistet wird“

ZackZack hat mit Erwin Rossman, dem Leiter des SOS Kinderdorfs Wien, gesprochen. Allein in Wien betreut die Einrichtung 200 Kinder und Jugendliche, österreichweit sind es 1.600 in SOS Kinderdörfern. Insgesamt sind 13.000 Kinder und Jugendliche österreichweit fremd untergebracht – leben also nicht bei ihren Eltern. Er ist von der Arbeit der SozialpädagogInnen beeindruckt. Die Situation der Kinder sei von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Plötzlich waren sie zu Hause, konnten Eltern und Freunde nicht mehr besuchen, und waren mit vielen Ängsten konfrontiert.

„Die Enge und das Nicht-Auspowern-Können steigert die Unruhe bei den Kindern, dazu kommt die Sehnsucht nach den Eltern und die fehlenden Sozialkontakte. Was ich bewundere  ist, wie gut und kreativ die Sozialpädagoginnen und –pädagogen mit den Kindern umgehen: Sie vermitteln ihnen Sicherheit und Geborgenheit.“

Durch Quarantäne-Maßnahmen seien einige Mitarbeiterinnen nicht verfügbar, daher habe er auf ehemalige Mitarbeiter zurückgegriffen: Einige davon seien unterstützend zum Betrieb zurückgekommen, eine Mitarbeiterin wurde aus dem Langzeiturlaub zurückgeholt. Einige neue habe er auch angestellt, doch versuche er, neues Personal in Grenzen zu halten. Dies bedeute immer auch eine Neu-Eingewöhnungsphase und Umstellung für die Kinder, und damit eine zusätzliche Belastung angesichts der Situation.

SozialpädagogInnen im SOS Kinderdorf drehen ein Video mit den Kindern und geben Tipps gegen die Langeweile in der Corona-Isolation.

Mitarbeiter gehen reihenweise in Krankenstand

Ganz anders sieht die Situation in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung aus. ZackZack hat mit einem Mitarbeiter in einer Behinderten-Einrichtung gesprochen. Die Mitarbeiter und Klienten der vollbetreuten Wohneinheiten trifft die Krise dort hart: Martin (Name von der Redaktion geändert) schildert die Lage:

„Es kommen keine Desinfektionslieferungen nach. Wir haben keine Masken, die Mitarbeiter gehen reihenweise in Krankenstand, weil sie sich nicht sicher fühlen. Wir haben jetzt den Tagesbetrieb auch noch – und müssen uns einfallen, was wir mit unseren Klienten machen.“

Die Mitarbeiter seien überfordert mit der Situation:

„Die Eltern rufen ein bis zwei Mal täglich an und wollen wissen, wie es ihrem Kind geht. Und ganz ehrlich, da sagt man dann halt auch nicht, dass der grad Schnupfen und Husten hat. Die Eltern können in dem Moment eh nix machen, und ich will halt auch niemanden deppert machen. Unsere Leute sind halt genau die Risikogruppe: Drei Viertel sind zwischen 70 und 90 Jahre alt.“

Viele davon hätten mehr oder weniger schwere autistische Ausprägungen, was vor allem die Ausgangsbeschränkungen erschwert. Denn freiheitsbeschränkende Maßnahmen sind nicht erlaubt – und wenn, dann maximal für eine dreiviertel Stunde am Tag. Bereits zwei Klienten seien seit Beginn der Krise im Stiegenhaus „hinuntergesprungen“, zum Glück ohne gröbere Verletzungen.

„Bei uns im Team ist die Stimmung gut“

In einer anderen Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Wien ist die Situation deutlich entspannter. Caroline (Name von der Redaktion geändert) ist Teil eines eingeschweißten Teams von SozialpädagogInnen – zusammen schupfen sie die Herausforderungen der neuen Situation, die plötzlich und unerwartet da war. Mitarbeiterinnen aus den Tageswerkstätten, die geschlossen sind, würden nun im Wohnbereich unterstützend mitarbeiten:

„Im Großen und Ganzen funktioniert’s sehr gut, wir versuchen einen Tagesrhythmus beizubehalten. Und dass nicht den ganzen Tag der Fernseher rennt. Es geht drum, einen normalen Tag, den die Bewohnerinnen und Bewohner auch in der Werkstatt haben, zu gestalten. Es wird dann auch gemeinsam gekocht: Das ist gut, wir haben das Gefühl, dass das die Gruppe nochmal mehr zusammenschweißt.“

In dem Haus würden 17 Bewohner 24/7 aufeinanderkleben, so Caroline – das sei schon eine Herausforderung. Dass Dinge desinfiziert würden, gehöre ohnehin zur täglichen Arbeit dazu. Nun würden vermehrt auch Türgriffe, Lichtschalter, Fernbedienung etc. öfter als zuvor desinfiziert. Die SozialpädagogInnen würden mit den Bewohnern auch öfter regelmäßig Hände waschen. Der Sicherheitsabstand sei jedoch nicht durchführbar, wenn zum Beispiel 17 Menschen miteinander essen:

„Was wir versuchen einzuschränken, sind Umarmungen, außer es ist aus emotionalen Gründen einfach erforderlich.“

 „Jetzt sind sie nicht mehr ausgelastet“

Thomas (Name von der Redaktion geändert) arbeitet in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche. Zusammen mit seinen Kolleginnen betreut er zehn Kinder und Jugendliche zwischen acht und 16 Jahren. Tag- und Nachtdienste wurden jeweils verlängert, um die durchgehende Betreuung sicherzustellen. Er sei jetzt besonders in seiner Kreativität gefordert, sich abwechslungsreiches und vor allem auslastendes Tagesprogramm für die Kinder und Jugendlichen zu überlegen – die Situation würde das Aggressionspotenzial der Kinder und Jugendlichen steigern:

„Es ist jetzt schon ein paar Mal eskaliert in der Gruppe, weil die Kids 24/7 aufeinanderpicken. Und wir sind auch 24/7 da, die Kids haben keine Auszeit von uns.“

Ein Jugendlicher, der ohnehin erhöhtes Aggressionspotenzial habe, habe eine Kollegin bedroht, als sie allein im Dienst war. Die Polizei sei zwar gekommen, habe aber auch nichts weiter gemacht.

Krankenstände gäbe es in seinem Team keine, so Thomas – dennoch seien KollegInnen auf Grund von Vorerkrankungen aus dem Team genommen worden. Das erschwere die Situation:

„Es werden jetzt Freiwillige und Aushilfen gesucht – aber das ist problematisch. Die Kinder brauchen ja eine Zeit, bis sie sich an wen gewöhnen: Da kommt eine komplett fremde Person in die Gruppe und die muss erst eingeschult werden – gerade jetzt in der 24/7 Situation ist das einfach schwierig.“

Thomas bleibt dennoch positiv und sieht sich gefordert, sich Neues zu überlegen:

„Ich mach’ mit ihnen Workouts, Youtube usw., Liegestütz usw. – jeden Tag basteln zaht die Kinder ja auch nicht. Normal geh’ ich mit Kindern raus und laufen, das ist für mich mittlerweile eine große Herausforderung, dass das nicht geht. Aber ich lerne viel dadurch.“

Bericht von Larissa Breitenegger

 

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Titelbild: APA Picturedesk

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