Russland und das Virus

Land viel härter getroffen als bisher verlautbart

Lange Zeit sah es so aus, als könne Russland dem Schlimmsten entgehen. Doch nun zeigt sich: Das Land ist von der Coronapandemie viel stärker betroffen, als bisher verlautbart.

Wien/Moskau 14. April 2020| Offiziell gibt es in Russland Stand Dienstag 21.102 bestätigte Covid-19-Fälle und 170 Todesopfer. Bei aller mangelnden Vergleichbarkeit der Zahlen: Russland stünde damit sehr gut da. Schon am 31. Jänner hatte das Land seine lange Grenze zu China geschlossen, um die Verbeitung des Coronavirus zu verhindern, seit Februar gelten strenge Einreisebeschränkungen.

Alles Propaganda?

Es gebe “keinen Grund für Panik”, hatte Tatjana Golikowa, stellvertretende Ministerpräsidentin und Vorsitzende der Coronavirus-Task-Force der russischen Regierung noch Mitte März verlautbart. Russlands Spitäler seien mit allem ausgestattet, was sie zur Bewältigung der Pandemie bräuchten.

So gut, dass Russland es sich leisten konnte, ganze Flugzeugladungen an medizinischer Ausrüstung, darunter auch Beatmungsgeräte nach Italien und zuletzt auch in die USA zu schicken. Doch dabei könnte es sich um ein “potemkinsches Dorf” handeln. Wie Anton Trojanow, Russland-Korrespondent der New York Times berichtet, schickte der ärztliche Leiter eines Moskauer Spitals nur eine Woche nach Golikowas Erklärung heimlich einen Brief an die Hilfsorganisation Sozidanye, in dem er um medizinische Ausrüstung für die Krise bat. Sein Krankenhaus habe nicht genug, um alle Patienten zu versorgen.

Spitäler bitten heimlich um Hilfe

Die Leiterin von Sozidanye, Elena Smirnowa, ging an die Öffentlichkeit: Das Ausmaß der Krise sei zu groß geworden, um weiter verheimlicht werden zu können, sagte sie. Ihre Organisation sammelt Geld zur Unterstützung russischer Spitäler. Viele Krankenhausleiter würden Selbstzensur üben, sagte Smirnowa: “Ein Chefarzt, der sagt, es ist nicht alles in Ordnung, geht ein Risiko ein.” Noch am 26. März hatte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow betont: “Es gibt keine Epidemie in Russland.” Doch bereits zwei Tage zuvor war in Moskau, dem Epizentrum der Pandemie in Russland, eine strenge Ausgangssperre angeordnet worden.

Staatsfernsehen feierte Russlands Vorgehen

In den vergangenen Wochen hatte der russische Auslandssender RT (vormals Russia Today, Red.) in den Sozialen Medien vor allem das Ausmaß der Pandemie in Europa im Blick. So wurden gerne die Zahlen europäischer Staaten veröffentlicht, auch die mangelnde Koordination innerhalb der EU wurde gerne aufgegriffen. Auf der anderen Seite wurde Russland zum großen Vorbild stilisiert. Wie ein Video des Instagram-Accounts von RT zeigt, sparte man zumindest Ende März nicht an Lobeshymnen.

Der Sprecher sagt im Video:

„Wie, oh, wie nur kann es sein, dass es in Russland so wenige Corona-Infizierte gibt? Warum hat die Pandemie Russland nicht viel härter getroffen? Das ist eine Frage, die sie immer mehr in der westlichen Presse hören können.“

Fast schon enttäuscht wäre man im Westen über die wenigen Infizierten in Russland, sagt der enthusiastische RT-Sprecher. Und liefert die Antwort auf seine selbst gestellte Frage sogleich mit:

„Wie? Das ist relativ einfach. Es ist Handeln!“

Regierung ändert Informationsstrategie

Mittlerweile ändert sich die offizielle Informationspolitik Russlands. Die Regierung beginnt, das Land auf eine nationale Krise einzuschwören. In einer Videokonferenz mit hochrangigen Beamten und Amtsträgern sagte Russlands Staatspräsident am Montag: “Wir haben viele Probleme und wir haben nicht viel, womit wir prahlen könnten.” Putin berichtete von Szenen, wie wir sie aus der etwa aus Lombardei oder New York kennen: Medizinisches Personal am Ende seiner Kräfte, nicht genügend Schutzausrüstung. Putin warnte, davor, dass das russische Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch stehen könnte.

Am Montag kursierten in den russischen Sozialen Medien Videos von langen Schlangen von Rettungswagen, die sich stundenlang vor Moskaus Spitälern stauten. Die Regierung bestätigte später die Echtheit der Bilder, die schließlich sogar im Staatsfernsehen gezeigt wurden.

“Nicht genug vorbereitet”

Sonntagnacht musste schließlich auch Tatjana Golikowa zurückrudern. “Objektiv gesehen haben wir der Notwendigkeit, uns auf das Virus vorzubereiten, nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet,” sagte Golikowa in einem Fernsehinterview.

Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin sagte Ende März, die wirkliche Zahl der Erkrankten läge weit höher, als offiziell verlautbart. Wie viel höher, weiß niemand.

(tw/wb)

Lesen Sie auch

Titelbild: APA Picturedesk

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben