Krankenpfleger klagt an

“Dass Österreich Akutbetten reduziert hat, ist eine politische Entscheidung gewesen”

Herbert L. (Name von der Redaktion geändert) ist diplomierter Krankenpfleger und arbeitet in einem Spital des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV). Im Interview mit ZackZack gibt er Einblick in seine Situation und kritisiert das Vorgehen der Politik und ihre Prioritäten scharf.

Wien, 27. April 2020 |

ZackZack: Können Sie Ihren derzeitigen Arbeitsalltag kurz beschreiben?

Herbert L.: Derzeit ist der große Corona-Peak ausgeblieben, daher haben wir nicht übermäßig viele Überstunden und Dienstbeginn wie auch sonst immer. Dadurch, dass wir keine Corona-Station sind, hat sich an meinem Arbeitsalltag wenig geändert – außer, dass man halt mit Maske herumläuft und von anderen Stationen hört, wo die halbe Belegschaft mit Corona in Kontakt kam.

ZZ: Immer wieder wurde von Initiativen und Organisationen darauf aufmerksam gemacht, dass massiver Mangel an Schutzmasken bestünde. Wie sieht die Situation bei Ihnen aus?

HL: Das mit der Schutzausrüstung ist echt ein Witz. Bei Dienstantritt erhalten wir ein bis zwei Mund-Nasen-Schutz oder eine FFP1 Maske für den ganzen Tag. Ein Wechsel erfolgt nur bei Verschmutzung. KAV-weit wird mittlerweile versucht, sogar Mund-Nasen-Schutzmasken wiederaufzubereiten. In Wahrheit sind das dieselben wie im Supermarkt, nur am Rand besser abgeschlossen. Wir haben den Auftrag bekommen, sie nach Verwendung zu sammeln. Diese ganzen Schutzmasken sind schlicht und ergreifend Einmalprodukte. Es ist völlig witzlos, die wiederzuverwenden, und das ist überall im KAV so passiert. Im SMZ Ost, ist mir erzählt worden, hat man seine Schutzmaske sogar mehrere Tage verwendet. Die hat man in den Spind gelegt und am nächsten Tag wieder aufgesetzt – das ist völlig absurd.

ZZ: Hinsichtlich Ansteckungsgefahr klingt das auch für mich als Laiin nicht gerade sicher.

HL: Normal müssten wir bei fraglichen Patientenkontakten alle mindestens mit FFP2 Masken im Dienst sein. Aber was wir bekommen, ist ein Mund-Nasen-Schutz. Hätten wir eine höhere Verbreitung des Virus gehabt, hätten wir uns alle angesteckt auf Grund der mangelnden Schutzausrüstung – da brauchen wir uns keine Illusion machen.

ZZ: Wie sieht es innerhalb der Kollegschaft mit Ansteckungen aus? Wie wird/wurde damit umgegangen?

HL: Teams wurden bei uns nicht in getrennt voneinander arbeitende Teams A und B aufgeteilt, wie es in einigen Spitälern als Vorsichtsmaßnahme getroffen wurde, und nur wenig Schutzausrüstung wurde zur Verfügung gestellt. Ich möchte fast sagen, man hat probiert, zu schauen: wie viele Krankenpfleger kann man anstecken? Es ist zum Glück nicht viel passiert, aber es war wirklich absurd, was man da betrieben hat.

ZZ: Haben Sie ein weiteres Beispiel?

HL: Ich war zum Beispiel mehrere Tage lang ungetestet arbeiten. Eine Kollegin war krank, wurde getestet, und sie musste sehr lange auf das Ergebnis warten. Ich hatte Kontakt mit ihr – ging aber weiter normal in die Arbeit, weil ich ja offiziell kein Verdachtsfall war, da das positive Ergebnis noch nicht vorlag. Wenn ich positiv gewesen wäre, hätte ich potenziell 25 Arbeitskollegen anstecken können – allein dadurch, dass man das Team nicht in A und B geteilt hat.

ZZ: Gibt es Kontakt zum KAV hinsichtlich Schutzmaterial und Covid-19-Zahlen intern, bekommen Sie Infos?

HL: Nein, das ist ein Riesenapparat mit 30.000 Mitarbeitern. Es gibt es da keine Infos. Man bekommt auch überhaupt keine Einsicht, wie viele Masken es tatsächlich gibt. Früher haben wir täglich ein Update bekommen, wie viele Verdachtsfälle und wie viele bestätigte Fälle täglich bei uns im Spital und auf der Station sind. Das gibt es jetzt nicht mehr – es kommt einmal wöchentlich eine Info-Mail, die nicht mehr so detailliert wie früher ist.

ZZ: Wenn ich Ihnen zuhöre, klingt es fast nach Resignation.

HL: Ich versuche eher, Grant zurückzuhalten, als dass ich resigniert bin. Es ist mühsam, dass so getan wird, als wäre alles in Ordnung, als gäbe es genügend Schutzausrüstung überall. Ich bin mir gefrotzelt vorgekommen, von Freunden zu hören, die in die Fabrik gehen, dort Schulter an Schulter stehen und während dessen üben wir uns alle in social distancing. Wo ja jedem klar sein muss, dass es wesentlich weniger gefährlich ist, wenn ich mit Abstand im Freibad oder im Park mit Freunden sitze, an der frischen Luft, als in einer Fabrikhalle.

Man tut meiner Meinung nach eben nicht alles, um Masken aus dem Boden zu stampfen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Österreich nicht mehr Masken produzieren kann. Es ist frustrierend, zu sehen: Die Wirtschaft wird hochgefahren mit allem Pipapo, und wir sollen uns einer zusätzlichen Gefahr ohne Schutz aussetzen. Das ist mir alles nicht einsichtig, während man Leute straft, die allein auf einer Wiese sitzen.

ZZ: Sie erhalten zu wenig Schutzmaterial, dafür aber viel Applaus…

HL: Was wirklich verheerend war, das dürfte in ganz Österreich passiert sein: Laut Krankenanstalten-Arbeitsgesetz gibt es einen Passus, dass die maximale Arbeitszeit von 60 Stunden pro Woche nicht überschritten werden darf. Man hat den Leuten zur Unterschrift vorgelegt, diesen Passus aufzuheben. Das macht jeder, wenn es wirklich notwendig ist. Das hat man den Leuten aber bereits ohne Bedarf vorgelegt. Auf jene Kollegen, die das nicht unterschreiben wollten, wurde massiv Druck ausgeübt: Man hat mit Versetzungen gedroht, weil man nicht verlässlich ist, wenn man das nicht unterschreibt, und und und.

Und dann bedankt man sich bei den Leuten mit Applaus, während man ihnen in Wirklichkeit die letzten 20 Jahre lang eh nur mit dem Arsch ins Gesicht gefahren ist. Das ist einfach frustrierend.

ZZ: Der hohe Bedarf an Masken ist durch das plötzliche Auftreten des Coronavirus wohl auch schwer vorhersehbar gewesen.

HL: Man kann jetzt natürlich so tun, als wäre es eine Naturgewalt, dass es keine Masken gibt – aber man muss auch ehrlicher Weise sagen, eine starke Grippewelle braucht auch viele Masken. Und ich frage mich ehrlich, wo man so viel eingespart hat, dass wir so viele Masken haben, dass wir sie wiederaufbereiten – europaweit gesehen.

Und dann tut die Politik so, als wäre sie nicht verantwortlich. Natürlich ist man dafür verantwortlich, wenn man für eine Pandemie keine Masken hat. Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht in 20 Jahren bereits die dritte oder vierte Pandemie. Wir hatten halt bisher das Glück, dass es nicht nach Europa gekommen ist. Aber es ist der dritte oder vierte Corona-Virus, der da grassiert. Jahrzehntelang ist das egal gewesen.

ZZ: Österreich hätte besser vorbereitet sein können auf die Krise?

HL: Es ist frustrierend, dass sich jeder abputzt und so tut, als wäre es eine höhere Naturgewalt und man könne nichts machen. Dass Österreich Akutbetten reduziert hat, ist eine politische Entscheidung gewesen. Ich kann mich noch an die NEOS erinnern, die uns 2015 vorgerechnet haben, wie viel unnötige Intensiv-Betten kosten. Und jetzt tun sie so, als würden sie den Krankenpflegern helfen wollen.

ZZ: Die Corona-Krise zeigt viel auf: Wie wird mit dem Personal im Gesundheits- und Sozialbereich umgegangen – und auch, wie der Bereich gerade jetzt politisch instrumentalisiert wird.

HL: Die Krise zeigt uns, dass die letzten 20 Jahre nur eingespart worden ist – bei Ausrüstung, bei Lieferketten, und das fällt uns jetzt am Schädel, wenn es wirklich ausbrechen sollte. Ich habe von vielen Kolleginnen und Kollegen gehört, die nur noch weg wollen aus dem Bereich – weil ihnen die Corona-Krise einfach gezeigt hat, dass wir für die Leitungen und für die Politik nur Kanonenfutter sind.

ZZ: Was fordern Sie von der Politik?

HL: Alle Produktion einstellen, die nicht irgendwie für etwas Lebensnotwendiges dient. Weil, dann kann man genug Masken produzieren – wir sind nicht in einem dritte Welt Land, wir sind in Österreich: Wenn sogar Ferrari und Fiat Beatmungsmaschinen herstellen können, dann muss es doch möglich sein, Masken und anderes Schutzmaterial in Österreich herzustellen.

Unsere Arbeitsbedingungen müssen langfristig verbessert werden, und unsere Akutbetten und Krankenhausbetten-Kapazitäten erhöht.

Und: Die 15a-Vereinbarung, in der Sparmaßnahmen festgehalten sind, muss aufgekündigt werden: Es kann nicht sein, dass die Ausgaben im Gesundheitswesen ans Wirtschaftswachstum gekoppelt sind.

Ich verstehe die Social Distancing Maßnahmen. Aber was ich nicht verstehe, ist dass die Leut im Privatleben eingeschränkt werden, manche Leute sich kaum mehr trauen, mit ihren Kindern rauszugehe. Gleichzeitig telefoniere ich mit einem Freund in Oberösterreich, dessen Firma die ganze Logistik wieder hochgefahren hat. Ob jetzt die Fußbodenheizung umgesetzt wird oder nicht – da werden Profite über Gesundheit gestellt. Das zeigt sich finde ich anhand der Krise.

ZZ: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Larissa Breitenegger

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Titelbild: APA Picturedesk

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