Wie Ischgl die Welt infizierte

“Profil” und VSV zeigen Virenumschlagplatz

Der Skandal rund um den Tiroler Wintersportort Ischgl zieht immer weitere Kreise. 5384 Personen aus fünf Kontinenten und 45 Ländern meldeten sich bis dato beim Verbraucherschutzverein (VSV), sie hatten sich in der Region rund um Ischgl mit dem Coronavirus infiziert.

Wien, 11. Mai 2020 | „Die Behörden haben alles richtig gemacht“. Der geflügelte Satz des Tiroler Gesundheitslandes Rats Bernhard Tilg liegt wohl noch Vielen in den Ohren.

Diese Meinung teilen mindestens 5384 Personen aus aller Welt definitiv nicht. Insgesamt meldeten sich bis Stand 4. Mai über fünf Kontinente hinweg verteilt Personen aus 45 Ländern, die das Coronavirus aus Ischgl mit in ihr Heimatland schleppten, berichtet das “profil”. Sie schlossen sich der Sammelklage des Verbraucherschutzvereins von Peter Kolba gegen die Republik Österreich an.

Ischgl beliefert ganze Welt mit Coronavirus

Der Großteil der Gäste, die sich in Ischgl sowie den umliegenden Orten infizierten, stammt aus Deutschland. Aus dem Nachbarland meldeten sich 3680 Personen beim von Peter Kolba gegründeten VSV.

Doch sogar aus weit entfernten Ländern wie Simbabwe, Kambodscha oder Hongkong meldeten sich Infizierte unter Angabe ihres Hotels sowie Aufenthaltsdauer in Ischgl bei Kolba.

Profil-Journalist Jakob Winter zeigt gemeinsam mit VSV-Präsident Peter Kolba die Verteilung der Ischgl-Fälle auf.

Dunkelziffer wohl deutlich höher

Die Zahl der tatsächlich aus Ischgl exportierten Coronafälle dürfte jedoch deutlich höher sein als die 5384 Meldungen, zumal nicht jeder Infizierte bereit sein wird, sich der Sammelklage anzuschließen.

Das renommierte Robert Koch-Institut sagte gegenüber ZackZack bereits im April, dass fast 10.000 Menschen allein in Deutschland mit dem Coronavirus aus dem Österreichurlaub zurückkamen. 90% der Fälle seien demnach auf das Bundesland Tirol zurückzuführen.

Tirol war infomiert – tat aber nichts

Wie groß das Behördenversagen in Ischgl tatsächlich war, wird nun Stück für Stück aufgedeckt werden. Bereits am 5. März warnten die isländischen Behörden eindringlich vor dem Virenherd Ischgl. 14 betroffene Isländer gehen aus einem „profil“-Bericht im März hervor. Das Land Tirol wurde zu diesem Zeitpunkt per E-Mail darüber verständigt, welchen Aufenthaltsort die infizierten isländischen Gäste in Ischgl hatten. Getestet wurde jedoch nur eine Hotelangestellte.

Unter Quarantäne wurde Ischgl erst am 13. März gestellt. Die Abreise der zahlreichen Gäste entwickelte sich zum Fiasko. Es gibt immer noch kaum Informationen seitens der Bundesregierung oder der Tiroler Landesregierung.

Juristisches Nachspiel

Island, das von „unnötigen Reisen“ in den Tiroler Wintersportort abriet, stieß fast eine Woche lang auf taube Ohren. Am 10. März wurde die mittlerweile weltberühmte „Kitzloch“-Bar, in der es zu zahlreichen Ansteckungen kam, geschlossen.

Mehrere ausländische Zeitungen berichteten vom massiven Behördenversagen im Tiroler Wintersportort. Auch die ORF-Doku “Am Schauplatz” zeigte die massiven Verfehlungen Ischgls auf. Eine Nachrichtensperre, unzureichende Atteste und der Einfluss des Tourismussektors waren alles Mitfaktoren für das Versagen. Der Fall Ischgl liegt nun bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck. Ein erster Zwischenbericht des Landeskriminalamtes Tirol soll rund 1000 Seiten umfassen.

Von den Tiroler Politikern kämpft Georg Dornauer (SPÖ) praktisch im Alleingang für Aufklärung. Er forderte bereits letzte Woche einen parlamentarischen U-Ausschuss zur Causa.

(bf)

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Titelbild: APA Picturedesk

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