So nicht, Herr Bildungsminister!

Lehrerin weist Faßmann zurecht

“Agiert so ein verantwortungsvoller Bildungsminister?” Die Sportlehrerin Gudrun Trattnig-Zerava wendet sich in einem offenen Brief an den Bildungsminister. Die “mit Herz, Hirn und Verstand” ausgestattete Pädagogin verzichte auf seine “sportverhindernde Bildungspolitik” und führe ihr Sportprogramm fort – der Gesundheit zu Liebe.

Wien, 25. Mai 2020 | Die Verordnung von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), die mit 18. Mai sämtlichen Sportunterricht für dieses Semester aus dem Unterricht streicht, verärgert Experten und all jene, die den vom Minister eingeforderten Hausverstand auch tatsächlich anwenden. Wegen des massiven Bewegungsmangels durch Shutdown- und Heimunterrichts-Maßnahmen und angesichts der weltweiten Adipositas-Pandemie sei es gerade jetzt wichtig, den Kindern und Jugendlichen in Österreich ausreichend Möglichkeiten für Bewegung zu bieten. Denn die gesundheitsförderliche und Immunsystem stärkende Wirkung von Sport ist durch zahlreiche Studien belegt.

Gudrun Trattnig-Zerava unterrichtet Sport und Psychologie an der Kärntner Tourismusschule in Villach-Warmbad. Sie fühlt sich ihren Schülerinnen und Schülern verpflichtet und setzt daher ihren Sportunterricht via Distance Learning fort. In ihrem offenen Brief wendet sie sich direkt an den Bildungsminister, bisher bleibt das Ministerium aber – wie auch gegenüber ZackZack in dieser Angelegenheit – schweigsam. Hier lesen Sie den offenen Brief von Frau Trattnig-Zerava:

Quo vadis Schulsport?

So nicht, Herr Bildungsminister!

Ohne Vorinformation, – selbst die Fachinspektoren für Bewegung und Sport sowie die Beamten in Ihrem Ministerium zeigten sich überrascht – wird in einer Verordnung BGBLA 2020 // 208 zur Bewältigung der COVID-19 Folgen im Schulwesen plötzlich mit 18. Mai der Pflichtgegenstand Bewegung und Sport sogar vom Distance-Learning ohne Begründung gestrichen.

Die Sekundarstufe zwei startet den Präsenzunterricht bekanntlich erst ab dem dritten Juni. Die betroffenen Schulstunden werden einfach im Stundenplan auf UNTIS gelöscht. Es reicht anscheinend nicht, dass bei der erneuten Schulöffnung der Schulsport unter die Räder kommt. Bewegung und Sport sind sogar im Freien verboten, wo die COVID-19-Ansteckungsgefahr laut Ihren eigenen Experten sehr gering ist. Eigenverantwortung und Hausverstand gelten anscheinend nicht für das Fach Bewegung und Sport.

Wo bleibt der Aufschrei?

Wo bleibt der Aufschrei der Direktoren*innen, Bildungsdirektor*innen, der Fachinspektoren*innen, der Lehrergewerkschaft, der Medien, des Gesundheitsministers sowie besonders des Sportministers, der sich angeblich für die tägliche Turnstunde einsetzt? Ist allen die Bedeutung von Bewegung und Sport für die physische und psychische Gesundheit, (Prophylaxe bei Herz- Kreislauferkrankungen, Diabetes, Stärkung der Knochen und Muskulatur, Verbesserung der Vitalkapazität, der Lern- und Gedächtnisleistung, Stärkung der mentalen Ressourcen – Bewegung als Ventil für  Frustration, Enttäuschung, Aggression und Langeweile abzubauen, Sport als „Antidepressivum“, Erhöhung des Wohlbefindens und der Lebensqualität…), unbekannt? Besonders hervorheben möchte ich die Stärkung des Immunsystems, die in dieser Pandemie anscheinend ohne Bedeutung ist, da wir ja auf eine zweite Welle und die Impfung warten.

Erklären Sie das, bitte!

Fragen Sie nach bei Ihren Public-Health-Experten, das kostet nichts. Evidenzbasierte Studien, die die Bedeutung von Bewegung und Sport dokumentieren, sind in Ihrem Wissenschaftsministerium sicher ausreichend vorhanden und für Sie jederzeit problemlos zugänglich. Erklären Sie bitte, (nächste Pressekonferenz ist sicher schon terminisiert) allen Schüler*innen und Sportpädagogen*innen der Sekundarstufe zwei, warum Sie gerade bei Distance-Learning (Schüler*innen sitzen täglich stundenlang bei PC, Tablet und Smartphone) den Sportunterricht ohne Vorinformation vom Stundenplan streichen? Oder wollen uns Ihre Experten vielleicht noch glaubhaft machen, dass durch das Distance-Learning bei Bewegung und Sport plötzlich (seit 18. Mai) „Aerosole“ freigesetzt werden, und dass daher der Pflichtgegenstand Bewegung und Sport sofort per Verordnung gestrichen werden muss?

Hausverstand anwenden!

Bitte Hausverstand anwenden, transparente Kommunikation und Wertschätzung nicht vergessen. Agiert so ein verantwortungsvoller Bildungsminister? Ist das Ihre Wertschätzung für uns Sportpädagogen*innen?

Ich verzichte auf Ihre sportverhindernde Bildungspolitik

Der Schulsport darf nie die Marionette des sportfeindlichen Bildungsministeriums werden. So darf die neue Normalität, so darf Ihr Probegalopp nicht ausschauen, das ist der falsche Weg. Ohne Bewegung wird niemand „fit for future“ und schon gar nicht „fit for life“. Die volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden können Ihre Experten gerne berechnen, koste es was es wolle. Ich, eine mündige, mit Hirn, Herz und Verstand ausgestattete Sport- und Psychologiepädagogin, erlaube mir, meine Schüler*innen weiterhin via Distance-Learning mit langfristigen Bewegungs- und Sportprogrammen im Sinne der Trainingslehre zu versorgen. Auf Ihre sportverhindernde Bildungspolitik verzichten meine Schüler*innen und ich unserer Gesundheit zuliebe gerne.

(lb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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