Katastrophale Zustände

Extreme Ausbeutung von Erntehelfern in NÖ

Seit rund einer Woche kursieren schockierende Bilder von einer Erntehelfer-Unterkunft im Netz. Sie zeigen die katastrophalen Bedingungen von Erntehelfern eines niederösterreichischen Spargelbetriebs: desolate, verschimmelte Zimmer, die mit Stockbetten vollgestellt wurden, Ungeziefer im Bett. Eine Erntearbeiterin erhebt nun schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber und dessen ausbeuterische, sklavenartige Arbeitsbedingungen.

Wien, 17. Juni 2020 | Die Arbeitsbedingungen sind jenseits jeglicher gesetzlicher Vorgaben: Vier Euro Stundenlohn, 14 bis 15 Stunden täglich und sechs bis sieben Tage pro Woche – das ist Realität für zahlreiche Erntehelfer in Österreich. Auf Grund ihrer prekären Lage, darunter ihre saisonale Tätigkeit und die Tatsache, dass die meisten auch in der nächsten Saison wieder Arbeit haben wollen, bringen die – durchwegs aus Osteuropa stammenden – Erntehelfer die ungerechten Arbeits- und Lohnbedingungen nur selten ans Tageslicht. Wenn Details zu ihren Arbeitsbedingungen es aber ans Licht der Öffentlichkeit schaffen, sorgen sie – wie auch im Fall von Frau A., der vor einer Woche bekannt wurde – für Aufsehen.

Erntehelferin bringt Zustände an die Öffentlichkeit

Die Erntehelferin kam zur Spargelernte nach Österreich. Sie möchte sicherlich nicht mehr bei dem niederösterreichischen Betrieb arbeiten, der sie die letzten Wochen über zur Spargelernte beschäftigt hat und traut sich, sich gegen die ausbeuterischen und demütigenden Arbeitsbedingungen zu wehren. Sie wandte sich an unterschiedliche Stellen – darunter auch die rumänische Botschaft. Unterstützung fand sie schließlich bei der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, die auch die Kampagne Sezonieri unterstützt. Die Kampagne macht auf die prekären Arbeitsbedingungen von migrantischen Erntearbeitern in Österreich aufmerksam und bietet den Saisonarbeitern Beratung und Information über ihre Rechte an. Aktivisten der Kampagne veröffentlichten die Bilder aus der Unterkunft von Frau A., die die Realität der dort arbeitenden Erntehelfer zeigen und auf die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen aufmerksam machen. Der Betrieb wurde nun durch die Gewerkschaft bei der Finanzpolizei und beim Arbeitsinspektorat angezeigt.

Sezonieri hat die Fotos ZackZack zur Verfügung gestellt. Sie geben Einblick in die Wohnsituation der Erntehelfer des niederösterreichischen Spargelbetriebs.

Gesundheitsminister traf sich mit Aktivisten

Die Bilder zeigen die Elendsquartiere eines Marchfelder Spargelbetriebs: schimmlige, desolate Zimmer, gerammelt voll mit Stockbetten, die Matratzen darauf schmutzig und voller Ungeziefer.

“Für mich war es einfach schrecklich, als ich das Quartier das erste Mal gesehen habe, ich wollte im Auto schlafen, aber da war es zu kalt.”,

so Frau A. gegenüber dem “Standard”. Flavia Matei, eine der Aktivistinnen von Sezonieri, veröffentlichte die Bilder auf ihrem Twitter-Account und erregte damit auch die Aufmerksamkeit des Gesundheitsministers.

Das Treffen mit dem Gesundheitsminister, Gewerkschaftsvertretern von Pro-Ge und AktivistInnen von Sezonieri hat bereits stattgefunden. Dabei sei Erntearbeit in erster Linie unter dem gesundheitlichen Aspekt der Covid-19-Maßnahmen diskutiert worden – zwar auch Thema, aber nicht die Wurzel des Problems der Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte.

837 Euro für 408 Stunden Arbeit

Die dreifache Mutter und Großmutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber. Darunter die katastrophalen Arbeitsbedingungen weit jenseits gesetzlicher Vorgaben.

“Ich hätte gerne, dass wir besser bezahlt werden, dass wir nicht so ausgebeutet werden wie jetzt, nicht so viele Stunden und ohne Pause arbeiten müssen, nicht erniedrigt werden”,

so Frau A., die sich ihre Unterkunft zeitweise mit bis zu zehn anderen Arbeitern teilte. Ihren Lohn hat sie noch nicht erhalten: Eine Angestellte des Arbeitgebers habe ihr am Ende der sechswöchigen Spargelernte-Saison 837 Euro geben wollen. Für sechs Wochen Arbeit unter den genannten Bedingungen. Frau A. nahm das Geld nicht an und sagte, es sei zu wenig: Sie haben 408 Stunden gearbeitet, bei den weit unter Kollektivvertragniveau vereinbarten vier Euro pro Stunde wären ihr 1.632 Euro zugestanden. Der Arbeitgeber hatte aber fast die Hälfte des illegal-niedrigen Lohns noch einmal abgezogen: darunter 150 Euro „Miete“ für die desolate Unterkunft, doppelt so viel, als kollektivvertraglich geregelt ist, und 500 Euro für die Verpflegung. Außerdem 45 Euro dafür, dass ihr der Arbeitsvertrag im Vorfeld nach Rumänien geschickt wurde und 100 Euro für eine nicht näher definierte Pönale.

Lohn noch nicht bekommen

Kollektivvertraglich ist der Stundenlohn von Erntehelfern in Niederösterreich auf 8,66 Euro pro Stunde brutto festgelegt – das sind 7,07 Euro netto. Der monatliche Mindestlohn liegt bei 1224,21 Euro netto und muss monatlich ausbezahlt werden. Für die Unterkunft darf der Arbeitgeber maximal 1,31 Euro pro Tag abziehen. Frau A. hat ihren Lohn bis heute noch nicht erhalten. Der Arbeitgeber hatte gesagt, er würde das Geld beim zuständigen Bezirksgericht in Gänserndorf hinterlegen. Bis Dienstag Abend sei dort allerdings weder eine Kontaktaufnahme, noch eine Geldübergabe erfolgt. Heute erhielt die Plattform Sezonieri die Info, der Arbeitgeber habe sich beim Bezirksgericht gemeldet und die Ausbezahlung des Geldes in Aussicht gestellt – allerdings immer noch nicht den Frau A. tatsächlich zustehenden Betrag.

Zustände „extrem“

Die Tätigkeiten von Sezonieri sind von vielen Freiwilligen getragen, wie auch Gernot Trausmuth einer ist. Er war einer der Aktivisten, die sich die Situation des Erntebetriebs vor Ort angesehen haben. Beim Spargelbetrieb in Niederösterreich handle es sich um einen besonders argen Fall, schildert er im Interview mit ZackZack:

„Ich habe seit ich bei Sezonieri aktiv bin bereits einige Unterkünfte gesehen, die waren alle nicht goldig. Aber diese Unterkunft war extrem.“

Dennoch seien die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen der Erntehelfer und Saisonarbeiter eher die Regel, mit nur wenigen Ausnahmen. Die unterbezahlten Arbeiter würden zwar in der Regel angemeldet, aber weit unter der tatsächlichen Arbeitszeit. Trausmuth schildert die Zustände der systemerhaltenden Erntehelfer:

„Die Leute müssen mehr arbeiten, als sie angemeldet sind, es wird Urlaubsgeld nicht ausbezahlt, es wird mehr für die Unterkunft verlangt, als im KV festgelegt ist, die Leute werden beschimpft, bis hin zu körperlicher Gewalt.“

Erntehelfer sitzen am kürzeren Ast

Fehlende Sprachkenntnisse und Verständigungsmöglichkeiten machen es den SaisonarbeiterInnen schwer, sich über ihre Rechte zu informieren oder gar für sie einzustehen. Gernot Trausmuth erzählt von einem Fall von zwei Tiroler Erntehelfern, Vater und Sohn. Der Sohn wollte rechtliche Schritte für faire Arbeitsbedingungen und Entlohnung setzen, da sein Vater, schon nahe am Pensionsalter, aber noch mindestens eine weitere Saison bei demselben Arbeitgeber arbeiten wollte, unterließ er es. Selbst wenn es Fälle vors Gericht schaffen, komme es meist zu außergerichtlichen Lösungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber, bei denen die Arbeiter im Schnitt nur zwei Drittel des Lohns, der ihnen eigentlich zustünde, erhalten. Dies liegt daran, dass die Prozesse viel länger dauern würden, als die Saisonarbeiter im Land sind – eine Anreise für einzelne Prozesstermine würde sie mehr kosten, als es ihnen bringen würde.

Kein Einzelfall

Der derzeit kursierende Fall von Frau A. ist kein Einzelfall, darauf weist auch Peter Schleinbach, Bundessekretär für Branchen- und Kollektivvertragspolitik in der Gewerkschaft PRO-GE in einer Aussendung hin:

“Immer wieder kommt es in österreichischen Landwirtschaftsbetrieben zu Lohndumping. Die ohnehin schon niedrigen Löhne für ErntehelferInnen werden noch weiter unterboten, die legalen Arbeitszeiten massiv überzogen und ArbeitnehmerInnen über ihre Arbeitsrechte im Unwissen gelassen.”

 Pro-Ge und Sezonieri: Augen nicht länger vor unhaltbaren Zuständen verschließen

Vertreter beider Organisationen betonen, dass die Politik zu dringendem Handeln aufgerufen ist. Sie müsse sich damit auseinandersetzen, wie man ein System gestalten kann, das nicht auf Ausbeutung von Arbeitern beruht –

“Es muss selbstverständlich sein, dass die Menschen, die auf den Feldern arbeiten, gerecht entlohnt werden, dass die Unterkünfte menschenwürdig sind und dass das Arbeitsrecht eingehalten wird. Ich appelliere an die zuständigen Regierungsmitglieder und an die Landwirtschaftskammer, hier rasch zu handeln und nicht länger die Augen vor den unhaltbaren Zuständen zu verschließen”, so Cordula Fötsch von Sezonieri und Peter Schleinbach von der Pro-Ge in ihrer gemeinsamen Aussendung.

(lb)

Titelbild: Sezonieri

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