Sexsymbol Sebastian

Was steckt hinter dem TikTok-Hype um Kanzler Kurz?

Seit Wochen wird die chinesische Jugend-App „TikTok“ mit seltsamen Videos von Sebastian Kurz geflutet. Sie zeigen Wirkung: ZackZack fand junge Frauen, die Kurz jetzt als Sexsymbol ansehen – und ihn ganz bestimmt wählen werden. Was steckt dahinter?

Wien, 26. Juni 2020 | „Der Basti ist so heiß. Vor allem im Anzug sieht er unglaublich gut aus“, sagt Lisa. Die 17-Jährige heißt eigentlich ganz anders. Im Herbst durfte sie das erste Mal wählen – das Kreuzerl landete bei der ÖVP. Und mittlerweile ist sie sich auch ganz sicher: Sie wird für immer für „Basti“ stimmen. Wie kann das sein, was ist passiert?

Kurz wird Sexsymbol

Schuld ist ein neuer Trend: Auf der chinesischen Social-Media-Plattform TikTok ist ein wahrer Kurz-Hype ausgebrochen. Der österreichische Kanzler wurde dort zum Sexsymbol. Auch Lisas Freundinnen sind ihm verfallen. Seit April wird TikTok mit Sebastian-Kurz-Videos geflutet. Der Kanzler heißt dort aber meist „Basti Short.“ Und „Basti Short“ ist auf TikTok „hot“. Die Kurz-Videos dauern ein paar Sekunden und erotisieren den Kanzler.

Ein paar wenige Beispiele, wie es in der TikTok-Welt aussieht.

Weil sich auf TikTok hauptsächlich die U20-Generation tummelt, haben nur wenige Menschen Ahnung, was dort läuft. Über 1 Milliarde Mal wurde die App heruntergeladen, auch Jugendliche, die in Österreich leben, kommen kaum an dieser App vorbei.

TikTok schweigt

Als der Tiktok-Hype um „Basti Short“ bekannt wurde, berichteten mehr als 15 Tageszeitungen in Österreich über das Phänomen, alle druckten dieselbe APA-Meldung ab. ZackZack stellte eine ausführliche Anfrage an das Unternehmen und verblüffte damit den Konzern. Denn: Es war die einzige Anfrage, die der Konzern zum Thema erhalten hatte. Sonst meldete sich kein österreichischer Journalist bei TikTok.

Das Unternehmen zeigt sich verschlossen, lässt den Basti-Hype quasi unkommentiert:

„Unser Trust & Safety-Team arbeitet kontinuierlich daran, schädliches Verhalten auf TikTok zu unterbinden, indem es modernste Technologien sowie menschliche Moderation und Faktenprüfung einsetzt“,

lautet die standardisierte Antwort. Zwar sei der Trend ungewöhnlich und werde intern untersucht, aber was genau vor sich geht, verrät Tiktok nicht.

Woher kommt der Trend?

Die Algorithmen von TikTok pushen Trends sehr schnell, beliebte Themen erhalten schneller und häufiger Interaktionen. So ging es auch Lisa. Sie war erstaunt, was geschah, als sie selbst ihr erstes „Basti-Short-Video“ auf TikTok stellte:

„Plötzlich bekam ich 5000 Likes und viele neue Follower. So gut war ein Post von mir zuvor noch nie.“

Das fand Lisa „genial”, daraufhin lud sie immer mehr Videos vom Kanzler hoch. Warum genau diese Kurz-Videos so viele Interaktionen auslösten, verrät TikTok nicht.

Der Trend hat sich mittlerweile offensichtlich verselbstständigt. Aber woher ist er gekommen? Die Journalistin Anja Melzer, die via Twitter auf das Phänomen als Erste aufmerksam gemacht hatte und selbst TikTok-Userin ist, vermutet, dass dahinter eine großangelegte Kampagne stecken könnte:

„Kleine Accounts in Österreich können TikTok nicht dermaßen fluten, wie es Ende April geschehen ist, als der Hype losging. User auf der ganzen Welt fragten sich, wer dieser Typ (Sebastian Kurz, Anm.) ist, weil er auf ihrer Timeline immer wieder auftauchte. So voll war TikTok mit Kurz.“

Trend läuft ungebremst weiter

Melzers Vermutung: „Astroturfing.“ Bei dieser Methode wird eine zentral gesteuerte Kampagne lanciert, die vorgibt, es gäbe einen unorganisierten neuen Internettrend. Die Methode war dann erfolgreich, wenn nicht-organisierte, einzelne Personen auf den Trend aufspringen und diesen von alleine weitertreiben.

Beim „Basti-Short-Hype“ scheint das funktioniert zu haben. Lisa und ihre Freundinnen posten selbst „Basti-Videos“, viele Accounts, die Ende April aufgepoppt sind und den Trend möglicherweise losgetreten haben, sind jedoch mittlerweile gelöscht. Ob das die ersten Accounts waren, die solche Kurz-Videos auf TikTok stellten, wollte TikTok gegenüber ZackZack nicht offenlegen. Jedenfalls läuft der Trend auch ohne diese Accounts ungebremst weiter.

Auf Twitter waren sich ohnehin schon Ende April viele Nutzer einig: Da muss die ÖVP dahinterstecken. Unbegründet ist die Vermutung nicht. Philipp Maderthaner, der Mastermind hinter den türkisen Online-Kampagnen, kennt sich aus mit der Mobilisierung digitaler Massen.

Türkiser Marketing-Mann Maderthaner würde wissen, wie es geht

Maderthaner lernte 2012 bei Obamas erfolgreichem Wiederwahlwahlkampf. Damals wurde Google erstmals politisch genutzt. Das berühmte „Microtargeting“, dass man zuvor nur für kommerzielle Zwecke nutzte, wurde nun politisch verwertet.

„Mit dem Programm CamBuildr entwickelte er sogar eine eigene Software, die automatisiert und auf Basis von Verhalten im Netz Daten sammelt, Zielgruppen erstellt und mit ihnen interagiert“,

schreibt Klaus Knittelfelder in seinem Buch „Inside Türkis“. Die dubiose Firma Cambridge Analytica braucht er dann eigentlich gar nicht mehr, auch wenn man bei der Datenkrake, die für die Trump-Wahl genutzt wurde, angefragt hatte. Maderthaner dementiert jegliche Zusammenarbeit.

„Die ÖVP verwendet schon seit einigen Jahren Methoden, die aus den erfolgreichsten Wahlkämpfen der Welt bekannt sind“, sagt auch Anja Melzer. Maderthaner steckt jedenfalls nicht hinter der Kampagne – so die Antwort auf eine ZackZack-Anfrage: „Das kann ich ausschließen“, lässt er ausrichten. Was er vom Trend hält und ob ihm Ähnlichkeiten zu eigenen Kampagnen auffallen, beantwortet Maderthaner, dessen ehemaliger Musiklehrer übrigens Wolfgang Sobotka war, nicht.

Lisa und ihre Freundinnen werden Kurz wiederwählen, da sind sie sich vollkommen sicher. Fragt man sie nach politischen Positionen von „Basti“, kommt Schweigen. Darum geht es auch nicht, Basti ist „hot.“ Für manche Jugendlichen in Österreich ist die sexy TikTok-Stilisierung Grund genug, um eine Wahlentscheidung zu treffen. Woher der Trend auch gekommen sein mag, er dürfte funktioniert haben. Praktisch für die ÖVP: Bei der Nationalratswahl 2019 schnitt man bei der Altersgruppe bis 29 nämlich noch am schlechtesten ab.

(ot)

Titelbild: Screenshot Instagram

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