Polnisches Staats-TV zog eigene Umfrage in Zweifel

Vor Schicksalswahl

Bei den heutigen Präsidentschaftswahlen in Polen geht es um viel: das 38-Millionen-Land steht auf der Kippe, die rechte PiS träumt von der endgültigen Alleinherrschaft. Doch die Opposition zeigt rechtzeitig Zähne – was dem Staatsfernsehen offenbar nicht gefällt.

Wien, 28. Juni 2020 | Heute Abend um 21 Uhr werden die ersten Hochrechnungen erwartet: Amtsinhaber Andrzej Duda dürfte dabei als Sieger hervorgehen – zumindest vorerst. Denn alles deutet auf ein enges Rennen bei einer dann folgenden Stichwahl hin.

Nerven liegen blank – auch beim Staatsfernsehen

Erstmals seit Jahren ist außerhalb der Großstädte ein Sieg für die bürgerlich-liberale Opposition denkbar. Das löst bei der regierenden rechtsnationalen PiS, deren Kandidat der Amtsinhaber ist, offenbar große Nervosität aus.

Letzte Woche konnte man das mit Händen greifen. In regierungskritischen Medien wurde vor allem die Art der Fragestellung der Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Senders TVP bemängelt. Zu weich seien sie gegenüber Präsident Duda gewesen, schreiben die Kritiker unisono.

Doch der eigentliche Aufreger war ein anderer: auf Twitter hatte der Kanal „portal tvp.info“ eine Umfrage gestartet. Die Frage lautete: Wer hat die TV-Debatte für sich entschieden? Zur Wahl standen dabei nicht alle Teilnehmer, nur die vier aussichtsreichsten. Das Ergebnis war erstaunlich:

Screenshot: Twitter (portal tvp.info).

71,5 Prozent für den Kandidaten der bürgerlich-liberalen Opposition, Warschaus Bürgermeister Rafal Trzaskowski – bei über 35.000 Teilnehmern in einer nur für 24 Stunden offenen Online-Umfrage. Das ließ TVP aber nicht so stehen und zog die eigene Umfrage danach sogleich in Zweifel:

 

Screenshot: Twitter (portal tvp.info).

Wörtlich hieß es im Kommentar unterhalb des Ergebnisses:

„Sehr geehrte Damen und Herren, leider müssen wir Sie informieren, dass die Umfrage ungültig ist. Wir haben 600 Bots entdeckt. Wir entfernen die Umfrage jedoch nicht, um keinen Vorwand für falsche Anschuldigungen gegen TVP zu geben.“

Dass 600 Bots bei über 35.000 Teilnehmern eine große Verzerrung darstellen würden, gab den Kritikern noch mehr Futter. In den sozialen Netzwerken ist ohnehin schon seit Wochen ein Kampf zwischen den Lagern ausgebrochen.

Nach Wahlverschiebung Stimmung gedreht?

Ursprünglich waren die Wahlen auf den 10. Mai angesetzt worden, doch dann kam Corona. Der Lockdown, der in Polen wirklich einer war – die Polizei kontrollierte unter anderem via App und in Privatwohnungen die Quarantäne-Einhaltung – hätte einen Wahlkampf schlicht unmöglich gemacht.

Amtsinhaber Andrzej Duda von der rechtsnationalen PiS hatte zunächst auf den Termin gedrängt. Wegen verfassungsrechtlicher Bedenken und Drohungen der Opposition, nicht an der Wahl teilzunehmen, lenkte er jedoch ein. Er hätte aufgrund der Lockdown-Situation einen klaren Vorteil gehabt.

Das Theater um den Wahltermin ist für viele Beobachter einer der Gründe, warum Duda nun ernsthafte Konkurrenz bekommen könnte. Vor Wochen noch lag der Amtsinhaber meilenweit in den Umfragen vor jedem seiner Kontrahenten, eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang schien gesichert.

Doch jetzt hat sich der Wind gedreht: Warschaus bürgerlich-liberaler Bürgermeister Rafal Trzaskowski schneidet in Umfragen immer besser ab, in der letzten liegt er für die erste Runde bei 31 Prozent. Duda schafft es nur noch auf 42 Prozent, müsste also bei einem solchen Ergebnis in die Stichwahl.

 

Screenshot: Twitter (Europe Elects).

Und dort würde es Stand jetzt ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen geben: Duda und Trzaskowski haben bei einer etwaigen Stichwahl beide Werte um die 50 Prozent, mit geringer Schwankungsbreite. Um 21 Uhr gibt es die ersten Hochrechnungen.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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