Mehr mobile Betreuung soll Arbeitsplätze schaffen

Pflegebedarf steigt – AK Wien präsentiert Lösung

Österreich braucht bis 2030 rund 75.000 zusätzliche Personen in der Pflege, während im Zuge der Corona-Krise rund 500.000 Menschen arbeitslos sind. Die Arbeiterkammer Wien präsentierte am Donnerstag ein Lösungsmodell, das beide Probleme angeht: Aus der halben Million Arbeitslose ließen sich leicht rund 20.500 neue Personen für den Bereich der mobilen Dienste finden, dessen Leistungen bis 2025 verdoppelt werden sollen.

Wien, 03. Juli 2020 | Es ist nichts Neues, wurde aber durch die Corona-Krise noch deutlicher sichtbar: Österreich ist geplagt von Arbeitslosigkeit (derzeit knapp eine halbe Million Österreicher) und starkem Personalmangel insbesondere im Bereich der Langzeitpflege. Schätzungen zu Folge werden bis 2030 rund 75.000 zusätzliche Personen in der Pflege benötigt: Probleme, die einer guten und raschen Lösung bedürfen. Die Arbeiterkammer Wien präsentierte in einer Pressekonferenz am Donnerstag einen Lösungsansatz. Die AK-Präsidentin Renate Anderl eröffnete die Pressekonferenz:

“Was liegt näher, als diese beiden Bereiche miteinander zu verknüpfen?“,

und betonte, dass rasches Handeln der Regierung gefordert sei.

Zusammenspiel von Arbeitsmarkt- und Pflegepolitik

Die Offensive Gesundheit, ein Zusammenschluss von Gewerkschaften, Arbeiterkammer und Ärztekammer übergab erst am Donnerstag eine Liste an Forderungen an den Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Der Forderungen decken sich mit jenen, die die Angestellten der Gesundheits- und Pflegeberufe bereits seit Jahren stellen: Mehr Geld, mehr Personal, mehr Ausbildungsplätze. Die Lösung der Arbeiterkammer setzt genau hier an und stellt das Modell eines „klugen Zusammenspiels“ von Arbeitsmarkt- und Pflegepolitik vor. Arbeitslosen Menschen aus Branchen, in welchen zukünftig längerfristig mit hoher Arbeitslosigkeit zu rechnen sei, sollten Umschulungen ermöglicht werden. Der Pflegebereich biete „stabile Beschäftigungsaussichten“, so Anderl.

Auch Sandra Frauenberger, Geschäftsführerin des Dachverbands der Wiener Sozialeinrichungen und ehemals Frauen- und Gesundheitsstadträtin (SPÖ) Wiens, macht auf die zukünftigen Herausforderungen in der Pflege aufmerksam.

Nur 48 Minuten pro Woche für Pflegebedürftige

Rund 460.000 Menschen beziehen in Österreich Pflegegeld. Vier Fünftel davon werden zu Hause betreut, erhalten allerdings laut Arbeiterkammer „immer noch viel zu wenig professionelle Unterstützung durch mobile Dienste“: Menschen, die daheim betreut werden, würden laut AK-Gesundheitsexpertin Silvia Rosoli im Schnitt nicht einmal eine Stunde professionelle Unterstützung pro Woche erhalten:

Die AK schätzt, dass nur ein Drittel des tatsächlichen Betreuungs- und Pflegebedarfs durch das bestehende Angebot der mobilen Dienste abgedeckt werden kann.

Mobile Dienste entscheidend

Entscheidend in der Pflege sei der Ausbau mobiler Dienste, machte Silvia Rosoli in der Pressekonferenz deutlich: Zahlreiche Menschen, die zu Hause leben und Betreuung brauchen, würden diese von meist weiblichen Angehörigen erhalten. Diese seien dadurch mit einem hohen Burnout-Risiko konfrontiert und würden sich langfristigen gesundheitlichen Problemen aussetzen.

Ausbildungs- und Umschulungsoffensive gefordert

Mit einer Verdopplung des Angebots der mobilen Dienste auf 33 Millionen Leistungsstunden im Jahr 2025 könnten im Endausbau jährlich rund 16.000 Betroffenen jeweils 20 Stunden Alltagsbegleitung pro Woche ermöglicht werden. Um dies umzusetzen, wären rund 20.500 neue Heimhilfen und Pflegeassistenten erforderlich, die unter den derzeit 500.000 Arbeitslosen gefunden werden könnten. Im Rahmen der übers Arbeitsmarktservice (AMS) organisierten Ausbildungen sollte eine Deckung des Lebensunterhalts geboten werden.

Einsparungen

Die Gesamtkosten des AK-Modells für die Ausbildung sowie in Folge Personalkosten in den mobilen Diensten beziffert Silvia Rosoli für die Jahre 2021 bis 2025 mit rund 2,3 Milliarden Euro.

Den Ausgaben stehen laut AK-Berechnungen folgende Rückflüsse gegenüber: etwa 455 Millionen Euro würden beim Arbeitslosengeld und über 200 Millionen Euro auf Grund einer späteren Übersiedlung der Pflegebedürftigen in Heime „eingespart“ werden. Dazu kämen noch die Steuer- und Sozialversicherungsabgaben der in der Pflege Beschäftigten, was zu weiteren Einnahmen in der Höhe von 628 Millionen Euro führe.

Laut Bevölkerungsprognose der Statistik Austria werden in Österreich im Jahr 2030 fast 900.000 Menschen über 80 Jahren leben, 2050 sollen es bereits fast 1,2 Millionen sein. Derzeit leben rund 510.000 Menschen über 80 Jahre in Österreich. Ein rasanter Anstieg im Bereich der Pflegedienstleistungen ist daher prognostizierbar, damit verbunden selbstredend auch erhöhte Ausgaben in dem Bereich. Mobile Pflege ermöglicht neben den von der AK genannten Einsparungen sowie der Entlastung der Angehörigen darüber hinaus auch, dass alte Menschen zu Hause bleiben, in ihrem gewohnten Umfeld leben und gepflegt werden können.

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

AKTUELLES

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben