Zweiter Lockdown in Melbourne

Ausgangssperre von sechs Wochen

In Australiens Metropole Melbourne gibt es zum zweiten Mal einen Lockdown – und zwar für ganze sechs Wochen. Der Premierminister begründet das mit „Selbstzufriedenheit“ in der Bevölkerung, die Stimmung ist angespannt. Wir haben uns umgehört.

Wien, 10. Juli 2020 | Ein Rekord von 191 neuen Corona-Virus Fällen innerhalb von 24 Stunden letzten Mittwoch, bewegte Daniel Andrews zur erneuten Einführung eines Lockdowns in Melbourne – vom einen Tag auf den anderen. Auch die Grenzen zu benachbarten Staaten wurden zugemacht.

Andrews sagt, der fehlender Hausverstand und das Verlangen nach Freiheit habe die Infektionszahlen wieder in die Höhe schießen lassen und schiebt die Entscheidung auf „Selbstzufriedenheit“:

Ich denke, ein Gefühl der Selbstzufriedenheit hat sich in uns eingeschlichen, als wir unsere Frustrationen über uns ergehen ließen. Ich denke, jeder von uns kennt jemanden, der die Regeln nicht so gut befolgt hat, wie er sollte. Ich denke, jeder von uns weiß, dass wir keine andere Wahl haben, als diese sehr, sehr schwierigen Schritte zu unternehmen.

Premierminister Daniel Andrews auf der Pressekonferenz in Melbourne | Foto: APA

Bevölkerung muss für Versagen der Regierung büßen

Melbourne musste sich in eine dritte Phase der Einschränkungen zur Bekämpfung des Virus begeben, die Einwohner haben jedoch immer weniger Vertrauen in die Regierung. Ein in Melbourne lebender Australier, Andrew Riley, betont gegenüber zackzack, dass die Lage vor Ort sehr angespannt sei. Während der Rest von Australien das Virus mehr oder weniger im Griff habe, habe Victorias Regierung wenig gegen die Bekämpfung des Virus getan. Nun müsse Melbournes Bevölkerung dafür einbüßen.

Der zweite Lockdown kam zwar nicht unerwartet, trotzdem ist die festgelegte Länge fragwürdig, findet Riley:

Sobald die Wachstumsrate des Virus wieder anstieg, wusste jeder, dass eine weitere Ausgangssperre anstehen wird. Trotzdem ist die Regierung von Victoria sehr chaotisch. Es fehlt an genauen Informationen und es wurden keine grundlegenden Protokolle über zurückkehrende Reisende geführt, bei denen das Corona-Virus überhaupt ausgebrochen ist.

Die Menschen dürfen ihr Haus für die nächsten 1,5 Monate nur noch verlassen, um lebensnotwenige Dinge einzukaufen, Sport zu treiben, um Angehörige zu versorgen oder um arbeiten zu gehen. Das erinnert an die „vier Gründe“ in Österreich, die aufgrund ihrer rechtlichen Unklarheit heiß debattiert wurden. Viele Geschäfte mussten gestern plötzlich wieder schließen, was nun das Ende sämtlicher Kleinunternehmer bedeuten werde:

Kleine Unternehmen standen bereits kurz vor dem Bankrott, dies wird viele an ihre Grenzen drängen. Die Regierung kann die Unternehmen nicht einfach ein- und ausschalten und dann erwarten, dass alles gut wird

erzählt Riley.

Australien schließt auch äußere Grenzen

Touristen dürfen schon seit Ausbruch der Corona-Krise nicht mehr nach Australien einreisen. Nun wird es den australischen Staatsbürgern untersagt, ihr Land zu verlassen, heißt es vonseiten des australischen Innenministeriums. Die australische Botschaft in Wien wollte diesbezüglich keine Informationen rausgeben. Ausreisen darf nur, wer einen der ‚triftigen Gründe‘ vorweisen kann:

Dennoch ist es aufgrund der aktuellen Lage schwer, eine genaue Auskunft zu erhalten, da keine spezifischen Regulierungen verordnet werden. Die Australier befinden sich in einem Schwebezustand voller Ungewissheit:

Ich vermisse Grundfreiheiten, wie die Freiheit zu reisen, andere Menschen zu treffen. Es ist eine Form der verwässerten Isolation und fühlt sich für die meisten wie eine Gefängnisstrafe an

so Andrew Riley.

Australien als „Inselschutzgebiet“

Gegenüber dem australischen Nachrichtensender SBS teilte Gesundheitsminister Gregory Hunt mit, dass die australische Grenze für einen “sehr bedeutenden” Zeitraum geschlossen bleiben würde. Wie lang das genau sein wird, ist noch unklar:

In Bezug auf Massenreisen und Ferien […] wird das noch eine Weile dauern, denke ich, bis Ende 2021 oder noch länger

so Hunt. Das ist für Partner, Freunde und Familien, die durch die Schließung getrennt werden, besonders beunruhigend. Hunt wies auch darauf hin, dass die Einschränkung des internationalen Reiseverkehrs so lange bestehen bleibe, bis es einen Impfstoff gebe – Nur so könne COVID-19 Verbreitung eingedämmt werden. Das Land werde so aus seiner Sicht zum „Inselschutzgebiet“.

Für Riley jedenfalls steht Australien und seine Bevölkerung vor schwierigen Zeiten.

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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