Ganz alte Tricks

Eugen Freunds Wahlbeobachtungen

Was ist los im US-Wahlkampf? Bis zur Präsidentschaftswahl am 03. November schreibt USA-Experte Eugen Freund wöchentlich über Tops, Flops und Trends. Zu lesen jeden Freitag bei ZackZack. Heute: Ganz alte Tricks.

Wien, 18. September 2020 | Der Labor-Day, mit dem die US-Amerikaner den Sommer beschließen, ist vorüber, die Parteitage der Demokraten und Republikaner sind Geschichte: der Mann aus dem Weißen Haus liegt immer noch rund zehn Prozentpunkte hinter seinem demokratischen Herausforderer. Und doch gewinnt der die Wahl nicht. Jedenfalls nicht im Jahr 1988.

Dirty Campaigning

Damals hatte George H. W. Bush das Zepter von Ronald Reagan übernommen. Michael Dukakis, der Demokrat, lag in den letzten Wochen vor der Wahl noch klar vor Bush. Doch ab diesem Zeitpunkt bediente sich die republikanische Partei einer ganz gemeinen Methode: sie machte den Gouverneur von Massachusetts mit Untergriffen und substanzlosen Beschuldigungen fertig. Dass Dukakis „die Welt nicht auf seinen Schultern tragen könne, weil er keine hat,“ war noch die harmloseste Anfeindung. Dass ihm die Republikaner unterschoben, die Verantwortung dafür zu tragen, dass ein auf Hafturlaub befindlicher Straftäter danach einen Mord beging, wurde er nicht mehr los. Und schließlich wurde noch behauptet, der Demokrat hätte sich in psychiatrischen Behandlung befunden. Er sei also geistig nicht voll da. Das stimmte zwar nicht, aber doch blieb es an ihm hängen. Bis er die Wahlen verlor.

Trumps Vintage-Wahlkampf

Das ist jetzt zwar schon 32 Jahre her, aber die Parallelen zu heute sind unverkennbar. Donald Trump liegt in den Meinungsumfragen immer noch klar hinter seinem Herausforderer Joe Biden, doch der Vorsprung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten wird geringer. Nicht zuletzt, weil Trump in die gleiche Trickkiste greift, wie sein(e) Vorgänger: er beschuldigt Biden, ein alter Tatterich zu sein, der nicht mehr alle Tassen im Schrank habe oder der, als er unter Barack Obama Vizepräsident war, mit den Chinesen gemeinsame Sache gemacht hätte. Alles Ablenkungsmanöver von seinen, Trumps, eigenen Fehlleistungen: dass er die Covid-19 Erkrankungen nicht in den Griff bekommen hätte, dass er die Übergriffe der Polizei auf Schwarze runterspiele und sich an den  daraus entstandenen Rassenunruhen sogar noch ergötze.

Gibt es keine Tabus mehr?

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neues Thema den Präsidenten in Bedrängnis bringt, freilich meist nur medial, in den Umfragen hat das kaum negative Auswirkungen. Zuletzt konnte man annehmen, seine Bemerkung, gefallene Soldaten seien „Verlierer“ (das amerikanische Wort „loser“ klingt noch schlimmer) habe ein derartiges Tabu gebrochen, dass er sich davon nicht mehr erholen würde: Soldaten, egal ob kämpfende oder tote, stehen in so großer Achtung in den USA, dass es kaum jemand wagt, ein schlechtes Wort über sie zu sagen.

Doch Trump überstand auch diese Schlagzeilen, weil nur wenige Tage später die nächste Barrage über ihn schwappte: diesmal ist es der Watergate-Aufdecken Bob Woodward, dem der Präsident schon im März anvertraute, er wisse, dass Covid-19 viel gefährlicher sei, als er es den Menschen vermittle, weil er keine Panik erzeugen wollte. Dass Woodward (immerhin ist er auch Redakteur der „Washington Post“) auf dieser Information fast sechs Monate bis zum Erscheinen seines Buches sitzt, wirft freilich auch noch andere, ethisch-journalistische Fragen auf.

Mit Unsinn zum Erfolg

Und so geht es Tag für Tag. Statt seine Erfolge – oder was er darunter versteht – zu verkaufen, heizt Trump die Stimmung immer wieder an. Selbst dort, wo die Natur schon in echten Flammen aufgegangen ist: wenn er nach wochenlangem Schweigen endlich das brennende Kalifornien besucht, leugnet er den Klimawandel und stellt sich über die Wissenschaft: „Die kennt sich nicht aus.“ Aber er, und erweist sich da sogar als Österreich-Experte: bei uns, so sagte er im Fernsehen, gäbe es keine Waldbrände, weil der Waldboden gereinigt werde. Ach ja, und in Österreich da gäbe es sogar „Wald-Städte.“

Seine Wählerschicht bedankt sich für diesen Unsinn: in entscheidenden Bundesstaaten wie Pennsylvania oder Florida werden die Aussichten für Trump wieder rosiger, gut für ihn. Er muss 270 Wahlmänner gewinnen, nicht die prozentuelle Stimmenmehrheit in den gesamten Vereinigten Staaten. Ob er das in der Nacht zum vierten November schaffen wird, steht heute aber noch in den (50) Sternen.

Eugen Freund

Titelbild: APA Picturedesk

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