Keine Panik!

Die Coronapolitik ist von Angst geprägt. Mit den steigenden Infektionszahlen wächst auch die Furcht. Haben wir die Kontrolle verloren? Und falls ja, was kommt als nächstes? Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Es besteht kein Grund zur Panik. Leitartikel von Thomas Walach

 

Wien, 26. Oktober 2020 | In unserer modernen Gesellschaft sei „Angst ein Thema, das alle angeht“, schreibt der Soziologie Heinz Bude. Wir lebten, so Bude, in einer „Gesellschaft der Angst“. Sie sei eigentlich das einzige, was alle Mitglieder der Gesellschaft teilten, befand schon der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, denn Grund für Angst hat jeder – ob arm oder reich, gesund oder krank, Mann oder Frau.

Was sich wandelt, sind die Dinge, vor denen wir Angst haben. Bis zum 20. Jahrhundert war die Angst vor Feuersbrünsten allgegenwärtig. Das beweist ein Blick in die Archive von Versicherungen. Die Angst vor „Überfremdung“ prägte den politischen Diskurs seit Mitte der 1980er-Jahre. Weihnachten 2019 brachte eine neue alte Furcht: Die Angst vor der Seuche.

Corona lehrte uns das Fürchten

Es ist eine Furcht, die wir in Europa für überwunden hielten. Was haben wir gestaunt und oft genug den Kopf geschüttelt über Asiaten, die mit Maske ins Flugzeug stiegen! MERS, SARS und Ebola hatten uns nicht erreicht, an die letzte große europäische Epidemie, die Spanische Grippe, hat kein Zeitgenosse mehr eine Erinnerung.

Doch dann kam COVID-19. Mit einem Mal fühlten wir uns verletzlich. Die Erkrankung war neu, niemand wusste, was auf uns zukam. Die Politik, vielleicht davon überzeugt, das Beste zu tun, verbreitete Panik: Der Kanzler sprach von 100.000 Toten, jeder von uns würde einen von ihnen kennen. Dank eines Leaks wissen wir, dass die Angstmache kalkuliert war. Die große Furcht vor dem Virus, die daraufhin einsetzte, gab auch die Tonart für die nun anrollende zweite Welle an. Dabei wissen wir heute: Das Virus ist nicht annähernd so schlimm, wie wir befürchtet hatten.

Für Kinder und Erwachsene unter 65 ist COVID-19 vergleichsweise harmlos

Tatsache ist: Für Menschen unter 65 ist COVID-19 weniger gefährlich als die Grippe. Laut der Ischgl-Studie von Dorothee von Laer, Chef-Virologin an der Medizinischen Universität Innsbruck, liegt die Corona-Sterblichkeit bei 0,26 Prozent. Das schließt die besonders gefährdete Gruppe der alten Menschen bereits ein – bei Patienten über 65 Jahren steigt die Todesrate sprunghaft an. Nur 0,07 Prozent der unter 70-Jährigen Infizierten in Europa sind laut der Standford-Studie von John Ionnaidis verstorben. Rund 85 Prozent der Ischgler Infizierten hatten das Virus nicht einmal bemerkt, waren also symptomlos geblieben. Die Dunkelziffer der Infektionen übersteigt jene Fälle, von denen wir wissen, bei Weitem. Etwa die Hälfte der Bevölkerung Ischgls hatte sich angesteckt.

Für Menschen unter 65 Jahren ist COVID-19 weniger gefährlich als die Grippe. Doch bei alten Menschen steigt die Todesrate sprunghaft an.

Von Laers Ergebnisse decken sich mit jenen einer großen Metastudie, die ein Team um John Ioannides von der Stanford University durchführte. Ioannides kam dabei auf eine Sterblichkeit von 0,23 Prozent. Wiederum ist die Risikogruppe Senioren bereits enthalten. Rechnet man sie heraus, sinkt die Sterblichkeit nochmals drastisch. Es gibt regionale Unterschiede, doch in Summe gilt: Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene unter 65 stellt eine Coronaerkrankung gesamtgesellschaftlich betrachtet keine besondere Gefahr dar.

Politik der Angst

Warum haben wir dennoch im März ein ganzes Land gleichsam zugesperrt und reden davon, es wieder zu tun? Wenn COVID-19 für alte Menschen gefährlich, für alle anderen aber vergleichsweise harmlos ist, müssten wir dann nicht alles tun, um die Alten zu schützen, ohne dabei das Leben aller durch Lockdowns, Quarantäne und die dramatischen wirtschaftlichen Folgen zu beeinträchtigen?

Das Problem ist vor allem ein politisches. Da so viele Menschen Angst haben, glaubt die Politik, irgendetwas unternehmen zu müssen, um nicht als passiv dazustehen. Ob die verordneten Maßnahmen evidenzbasiert sind, scheint dabei keine große Rolle zu spielen. Als der Leiter der Abteilung für öffentliche Gesundheit der AGES, Franz Allerberger, die Effektivität von Mund-Nasen-Schutzmasken mit der Placebowirkung von Homöopatie verglich, hagelte es Kritik. Dabei hatte der Infektiologe nur eine Tatsache über die Maskenpflicht ausgesprochen: Es gibt „keinen Beleg, dass das großflächige Ausrollen einen messbaren Effekt hat.“ Das ist ein empirischer Befund über die Wirksamkeit im Infektionsgeschehen. Weder die Lockerung der Maskenpflicht Mitte Juni, noch erneuten Verschärfungen im Juli und September hatten eine nachweisbare Auswirkung auf die Infektionsrate.

Placebo-Masken?

Peter Klimek, Statistiker am Wiener Complexity Science Hub nimmt an, dass die Maske das Ansteckungsrisiko individuell um „vielleicht 20 Prozent“ reduziert. Zu wenig offenbar, um in den Statistiken zum Ansteckungsgeschehen eine messbare Wirkung zu erzielen. Dennoch wird hierzulande über eine Ausweitung der Maskenpflicht im Freien diskutiert – eine Vorschrift, die in anderen Ländern bereits gilt. Deutsche Spezialisten halten eine allgemeine Maskenpflicht im Freien für sinnlos, doch um medizinische Evidenz geht es längst nicht mehr.

Ein Stück Stoff wird zum Politikum.

Die Experten sind sich einig: Falls die Maske nicht viel hilft, schadet sie zumindest auch nicht. Für die Politik wird die Maske dadurch zum Rettungsanker. Sie zu verordnen kostet nichts und ist populär. Das Stück Stoff gibt Sicherheit. Ähnliches gilt für die in europaweit verordneten Sperrstunden. Ob sie überhaupt irgendeine Wirkung haben, ist unbekannt, keine Studie gibt Aufschluss. In jenen österreichischen Bundesländern, die eine frühe Sperrstunde einführten, erzeugte sie bisher keine messbaren Effekte. Der deutsche Virologe Hendrik Streeck bezweifelt, dass Sperrstunden etwas nützen.

Lockdown

Auch die Wirkung von Lockdowns ist zweifelhaft. Deutschlands Gesundheitsminsiter Jens Spahn nannte ihn rückblickend einen “Fehler”. Vieles deutet darauf hin, dass der Lockdown im März für den Rückgang der Infektionszahlen in Österreich keine große Rolle spielte. Der R-Wert, also die Reproduktionszahl, war bereits im Sinken, bevor der Lockdown verhängt wurde. Die Maßnahme selbst führte zu keiner wahrnehmbaren Veränderung im Geschehen. Die Menschen waren, vielleicht bedingt durch die schockierenden Berichte über vollkommen überlastete Spitäler in Italien, vorsichtig geworden, vermutet Infektiologe Franz Allerberger. Sie schränkten ihre sozialen Kontakte ein, hielten Abstand, gaben sich nicht die Hand und niesten in die Ellenbeuge statt ins Gesicht des Gegenübers. Das gab offenbar den Ausschlag.

Ob wir eine Überlastung der Krankenhäuser erleben, ist die entscheidende Frage. Das Coronavirus ist ansteckender als Influenza. Und während es für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht besonders gefährlich ist, darf eines nicht passieren: Dass sich viele alte Menschen gleichzeitig anstecken. Das könnte, so Allerberger, sehr wohl zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen. Im Moment gibt es mehr als ausreichende Kapazitäten. Doch wenn die tägliche Zahl an Neuinfektionen erst einmal auf 5.000 und mehr steigt, und vor allem Risikopatienten betroffen sind, könnten Spitalsbetten knapp werden.

Anpassen und überleben

Über kurz oder lang werden sich womöglich die allermeisten Menschen auf dem Planeten mit COVID-19 und seinen Mutationen anstecken. Im ersten Virusjahr erwischte es rund zehn Prozent der Weltbevölkerung. Falls das Coronavirus gekommen ist, um zu bleiben, werden sich die meisten Menschen im Lauf ihres Leben mehrmals infizieren – ganz wie mit der Grippe. Die Menschheit werde sich an das Virus anpassen, sagt Allerberger. „In zwei bis drei Jahren ist das kein Problem mehr.“

Obwohl das Wundermittel fehlt, gibt es Fortschritte bei der Behandlung von Coronakranken.

Und bis dahin? Die Mediziner sind schon nach wenigen Monaten deutlich besser bei der Behandlung von Coronakranken geworden. Sauerstoffgabe oder Beatmung, Heparin zur Verhinderung gefährlicher Blutgerinnsel und Cortison gegen ein überschießendes Immunsystem helfen, mehr Patienten heil durch die Erkrankung zu bringen. Ein wirksames Virusmedikament gibt es nicht, wenngleich Remdesivir offenbar wenigstens den Krankheitsverlauf verkürzen kann. „Wir haben viel gelernt“, sagt der deutsche Intensivmediziner Christian Cornelissen zum „Spiegel“. „Wir sind nicht mehr so nervös wie im Frühjahr.“ Die gefürchteten Spätfolgen – vor allem Lungenschäden – scheinen „im Regelfall“ vollständig auszuheilen, wie Franz Allerberger sagt.

Die Zukunft mit dem Virus

Würde eine Impfung dazu führen, dass COVID ausgerottet wird? Es sieht nicht danach aus. Erst eine einzige Viruserkrankung, die Pocken, konnte bisher dauerhaft besiegt werden. Möglich wurde das durch 200 Jahre Impfkampagnen, eine weltweite Impflicht inklusive. Dass Vergleichbares beim COVID-19-Erreger innerhalb von ein oder zwei Jahren gelingen könnte, ist keine wahrscheinliche Perspektive. Doch eine Impfung könnte helfen, jene zu schützen, die tatsächlich gefährdet sind: Die Alten.

Corona, das ist nicht das Pockenvirus, an dem über Jahrhunderte hinweg ein gutes Fünftel der Bevölkerung starb. Das Virus ist für die allermeisten Menschen eher harmlos. Anders als bei der Influenza besteht für Kinder und Schwangere keine besondere Gefahr. Andererseits ist COVID-19 ansteckender als das Influenzavirus. Für Menschen über 65 ist es lebensgefährlich. Wir werden sehr wahrscheinlich lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Wir wissen nun auch, dass wir das ohne größere Einschränkungen können. Der Prozess, durch den wir lernten, woran wir sind, wer besonderen Schutz braucht und wie Erkrankte zu behandeln sind, war schmerzlich. Über eine Million Menschen ist weltweit an COVID-19 gestorben, fast 1.000 davon lebten in Österreich. Das sind deutlich weniger als die Toten einer durchschnittlichen Grippesaison. Dennoch: Es ist über eine Million tragischer Tode, viele Millionen trauernde Angehörige. Das Coronavirus ist eine ernste Angelegenheit. Gerade deshalb ist Angst beim Umgang mit ihm ein schlechter Berater.

Bilder: APA Picturedesk

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