Die neuen Uni-Regeln sind bildungsfeindlich

Kommentar

Die neuen Vorgaben für Studierende an Österreichs Universitäten zeugen von einem völligen Mangel an Verständnis für den Wert von Bildung. Sie sind ein antiaufklärerisches Projekt, das aus den Hirnen von ungebildeten, ja bildungsfeindlichen Menschen stammt, die keine Ahnung haben, was sie anrichten. Kommentar von Thomas Walach

 

Wien, 29. Oktober | 16 ECTS, oder du fliegst raus. Das heißt übersetzt: Wer nicht im Jahr rund vier Lehrveranstaltungen positiv absolviert, wird vom Studium abgemeldet. So will es der Entwurf der türkisgrünen Koalition. Es ist der einschneidendste Eingriff in den freien Hochschulzugang seit den Reformen der Kreisky-Ära.

Den „typischen Studierenden“ gibt es nicht

Vier Lehrveranstaltungen, das ist doch bewältigbar, nicht? Ja, ist es. Sofern man hauptberuflich studiert und nichts dazwischen kommt. Nicht einmal ein Drittel der Studierenden an Österreichs Universitäten sind Vollzeitstudenten, die keine anderen Verpflichtungen haben und direkt nach der Matura ins Studium einsteigen. Bei der überwiegenden Mehrheit ist es viel komplizierter. Österreichs Studierende arbeiten neben ihrem Studium im Schnitt 22 Stunden, sie zahlen Steuern, tragen zum Wirtschaftsleben bei. Viele müssen das tun, um ihr Leben zu finanzieren, weil die Stipendien- und Beihilfensysteme hauptsächlich auf jenes Drittel ausgerichtet ist, das als „typische Studierende“ gilt, es aber gar nicht ist.

Andere gehen einer ganz normalen Vollzeitbeschäftigung nach und möchten sich weiterbilden. Viele Studierende sind Pensionisten, die neben der Betreuung von Enkelkindern endlich nachholen wollen, was ihnen im Erwerbsleben verwehrt blieb: Etwas lernen, das sie interessiert.

Wissenschaftsminister Heinz Fassmann war zuvor Vizerektor der Universität Wien. Beteiligt er sich nun an der Demontage ihrer Unabhängigkeit?

All diesen Menschen – zwei Dritteln der heimischen Studierenden – soll es nun schwer gemacht werden. Das ist entlarvend. Die Bundesregierung will, dass nur noch Ausbildung stattfindet. Bildung spielt für sie keine Rolle. Dass unsere freie, demokratische Gesellschaft auf der Bildung der Bürger fußt, scheinen die Beteiligten nicht zu wissen, oder es ist ihnen egal. Letzteres muss wohl auf Wissenschaftsminister Fassmann zutreffen, der den Unibetrieb sehr gut kennt.

Bildung macht die Bürger mündig

Unser Bildungsideal ist ein Produkt der Aufklärung, dieses „unvollendeten Projekts der Moderne“ (Jürgen Habermas). „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ – so beantwortete Immanuel Kant die Frage: Was ist Aufklärung?

Die französischen Aufklärer Diderot und d’Alembert waren überzeugt, dass Bildung uns „tugendhafter und glücklicher“ macht. Die Arbeiterbewegung griff dieses bürgerliche Ideal rasch auf und entwickelte das Bild vom gebildeten Arbeiter, der in der Lage wäre, als Staatsbürger qualifizierte Entscheidungen zu treffen. So ist auch die Öffnung der Universitäten für alle zu verstehen, die von Bruno Kreisky betrieben wurde.

Wen würde die Tugend wählen?

Tugendhaftigkeit ist der Regierungsmehrheit ganz offensichtlich fremd. Die Ergebnisse des Ibiza-Ausschusses und die nicht enden wollenden politischen Skandale lassen uns keine Illusionen darüber, wie es um die Moral der Türkisen bestellt ist. Aber wen würde der Anstand wählen? Die grüne Klubvorsitzende und ehemalige ÖH-Chefin Sigrid Maurer brauchte für ihren Bachelorabschluss von 2004 bis 2017, also 13 Jahre. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden. Aber unter den Bedingungen die sie nun fordert, wäre Maurer von der Universität geflogen. Nein, auch über die Tugendhaftigkeit der Grünen brauchen wir uns offenbar keine Illusionen zu machen.

Bildung könnte uns glücklicher machen. Ist das nichts wert? Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für die neuen Regelungen. Studierende, die zwar inskribiert sind, aber keine Lehrveranstaltungen besuchen, weil in ihrem Leben gerade andere Dinge wichtiger sind, kosten die Universität praktisch nichts. Relevante Kenngröße für Budget und Controlling der Universitäten sind die sogenannten „prüfungsaktiven Studierenden“. Das heißt: Menschen, die gerade keine Lehrveranstaltungen besuchen, wirken sich auf das Budget nicht aus. Wer länger als vorgesehen studiert, verliert ohnehin bereits alle Unterstützungen und Beihilfen.

Betrügen wird straffrei

Warum will man es ihnen dann verbieten? Weil unsere Regierung sich als antiaufklärerisches Projekt herausstellt. Sie will die Menschen unmündig machen. So sind sie leichter an Maßnahmen „am Rand des demokratischen Modells“ (Kanzlerberaterin Antonella Mei-Pochtler) zu gewöhnen. Bürger, die sich ihres Verstandes bedienen, sind unerwünscht, effizient ausgebildete Untertanen sind das neue Ideal.

Unter den Bedingungen des Entwurfs kann Kanzler Sebastian Kurz sein Jus-Studium nicht mehr abschließen.

Dazu gehört, dass die Regierung auch das Recht der gewählten Vertreter von Studierenden, Mitarbeitern und Professoren beschneiden will, die Unirektoren zu bestellen. So ganz nebenbei sägt die Regierung an einer Tradition, die aus gutem Grund 900 Jahre lang Bestand hatte. Schon jetzt redet die Regierung bei der Rektorenbestellung über die Uniräte ein gewichtiges Wort mit. In Zukunft will sie ihre Kontrolle noch verstärken. Es soll bis in die Universitäten durchregiert werden – schöne neue Welt.

Die letzte Chuzpe ist, dass Plagiate nun nach 30 Jahren verjähren sollen. Wenn du nur geschickt genug betrügst, dass es lange keinem auffällt, ist das in Ordnung! So tickt unsere Regierung. Man sollte die Abschlussarbeiten von Politikern, die so etwas fordern, sehr genau unter die Lupe nehmen.

Die Wissenschaft und ihre Lehre ist noch frei

Es sei noch aus eigener Erfahrung als Lehrender und Forscher an Universitäten im In- und Ausland berichtet: Ich gelte als vergleichsweise strenger Prüfer. Das nicht, um Studierende zu quälen, sondern, weil es wichtig ist, dass Studierende ihr Fach beherrschen und nicht, dass sie möglichst rasch abschließen. Auf diese Art habe ich in den vergangenen Jahren tausende Studierende geprüft.

Sollten die vorgesehenen Änderungen eingeführt werden, kann ich nicht länger nur nach Leistungskriterien beurteilen. Denn wenn ich das tue, riskiere ich, dass Studierende womöglich von der Uni fliegen, obwohl sie das Potenzial gehabt hätten, zu lernen und sich die nötigen Kenntnisse noch anzueignen. Unter diesen Bedingungen kann man nicht leistungsgerecht beurteilen. Offen gesagt: Bei mir bekäme unter diesen Umständen niemand, der Ansätze von Potenzial zeigt, mehr ein Nicht Genügend auf eine einzelne schlechte Leistung. Das könnte nämlich dazu führen, dass uns allen ein tugendhafter, glücklicher und mündiger Mensch verloren geht.

Man kann mir und anderen Lehrenden das übrigens nicht verbieten. Denn seit 1867 steht im Staatsgrundgesetz: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ Noch gilt das. „Universitas“ bedeutet „Gemeinschaft“. Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden wäre gut beraten, sich diese Freiheit nicht von einer „Truppe an Ferialpraktikanten“ (Andreas Kollross) wegnehmen zu lassen.

Titelbild: APA Picturedesk

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